Der rote Hut


Es war ein herrlicher Herbsttag. Tante Cäcilie beschloss einen Einkaufsbummel zu machen. Sie zog ihr graues Herbstkostüm an und wählte dazu den roten Hut mit der breiten Krempe.

Wie freute sich da der rote Hut, endlich wieder an die Luft zu kommen. Immer lag er eingezwängt zwischen dem schwarzen Hut mit dem schwarzen Schleier, der nur zu Begräbnissen herausgeholt wurde und der hochmütigen Nerzkappe.

Der schwarze Hut erzählte nur von Kränzen und Kerzen und von den weinenden Menschen bei den Begräbnissen und war selbst schon ganz trübsinnig geworden.

Die Nerzkappe tat wiederum sehr vornehm und sprach von vielen glänzenden Theateraufführungen, die sie mit Tante Cäcilie erlebt hatte.

Nur er selbst, der rote Hut wurde sehr selten hervorgeholt. Einmal war es zu windig, ein andermal war es zu warm um mit Hut zu gehen, daher wollte der rote Hut den heutigen Tag gründlich genießen.

So, jetzt fehlten nur noch die roten Handschuhe und Tante Cäcilie war fertig zum Ausgehen.

Sie trat aus dem Haustor und ging ein Stück in Richtung Straßenbahnhaltestelle. Hui, da kam der Wind daher "Nimm mich mit! nimm mich mit!" bat ihn der übermütige rote Hut".

"Koommm!" rief der Wind und flugs, der rote Hut hob sich vom Kopf der Tante und dahin flog er.

"Schnell, schnell Wind trag mich schneller fort, sonst erwischt sie mich noch!" Bat der rote Hut neuerlich, als er bemerkte wie verzweifelt Tante Cäcilie hinter ihm herrannte.

"Huiii!" Pfiff der Wind nur und wehte noch heftiger.

Der Wind trug den Hut ein Stück die Straße entlang. Die Autos, die so schnell dahinflitzten gefielen dem roten Hut. "Ich möchte autofahren!" bat er Der Wind setzte ihn auf dem Kühler eines großen, schwarzen Wagens ab.

Herr Direktor Seidl, der im Fond des Wagens telefonierte, hielt einen Augenblick inne. "Na sowas! Da ist jemandem der Hut vom Kopf geweht worden!" Und er bemerkte zum ersten Mal an diesem Tag, daß heute ein schöner, windiger Herbsttag war. Er dachte an seine Kindheit, ans Drachensteigen und ans Kartoffelbraten und er mußte lächeln.

Da flog der rote Hut aber auch schon weiter. "Hier ist es schön!" Laß mich ein bißchen im Gras rasten!"

Der Wind setzte ihn auf den Rasen des Burggartens ab. Der Park gefiel dem Hut

sehr. Er lag faul im Gras, betrachtete die Blumen, die noch herrlich blühten, als stände der Winter nicht vor der Tür und sah den Enten zu, die sich im Teich tummelten.

„Autsch, was hackst du an mir herum! Was fällt dir ein!"

Eine große Krähe legte den Kopf schief und beäugte den roten Hut mißtrauisch. "Ja kann man dich denn nicht essen?", fragte sie.

"Essen will mich das dumme Tier! mich den schönsten Hut von ganz Wien!" Aufgebracht schimpfte der rote Hut.

"Na dann bist du uninteressant für mich!" Gravitätisch schreitend entfernte sich die Krähe in ihrem eleganten Frack.

Huiii! Der Wind war wieder da und trug den Hut mit sich fort.

Plötzlich fand sich der Hut auf dem Kopf einer Statue. Der Hut betrachtete das Denkmal. "Ja wer bist denn du? und wieso bist du so komisch angezogen und eine eigenartige Frisur hast du auch!

„Mein Name ist Wolfgang Amadeus Mozart, zu dienen. Hat er von mir noch nie gehört? Ich war Hofkompositeur zu Wien und habe viele schöne Musikstücke und Opern geschrieben. Meine Musik wird heute noch auf der ganzen Welt gespielt. Zu meinen Lebzeiten hat man sie aber nicht gar so sehr geschätzt! Erst nach meinem Tode bin ich berühmt geworden."

Da erinnerte sich der rote Hut an die vornehme Nerzkappe und ihre Erzählungen von den Opernbesuchen. Und da fiel ihm auch der Name Mozart ein.

"Und mit wem hab'ich die Ehre?" , fragte Mozart.

"Ich bin der modische, rote Hut der Tante Cäcilie, die deine Musik übrigens ganz besonders mag. Ich bin der Tante vom Kopf geflogen weil ich einmal in meinem Leben etwas besonderes erleben wollte!"

Das war nicht recht!, nicht recht!" Mozart schüttelte mißbilligend den Kopf.

"Schau Mami! Der Mozart hat einen roten Hut auf und mit dem Kopf gewackelt hat er auch! Hast du's g`sehn?" Der kleine Peter, der mit seiner Mama im Burggarten spazieren ging, bemerkte den roten Hut.

Der rote Hut bekam ein schlechtes Gewissen.

"Bleib er noch da und leiste er mir Gesellschaft!" Bat das Denkmal aber der Wind nahm den roten Hut schon wieder in seine windigen Arme und trug ihn mit sich fort.

Es war inzwischen finster geworden und es begann zu regnen. Huiiii! Immer übermütiger und wilder wurde der Wind. Er blies den Hut vor sich her, einmal zum Himmel, einmal wieder zur Erde. Auch der Regen hatte den Hut bemerkt und prasselte auf ihn herab.

„Hört doch auf ihr zwei! Ihr verderbt mir ja meine elegante Form!" Der rote Hut war schon ganz zerzaust. "Außerdem möchte ich wieder heim zu Tante Cäcilie. Ich bin schon müde!"

Der Hut dachte an das angenehme, dunkle Hutfach und bekam Heimweh.

"Sei nicht so langweilig!, jetzt wird es ja erst richtig lustig!" Sagte der Wind und blies den Hut hoch hinauf.

"Nein, nein, ich möchte wieder nach Hause zu Tante Cäcilie!"

Na, meinetwegen, du Spielverderber!" Mürrisch wehte der Wind den roten Hut in ein geöffnetes Fenster der Tante Cäcilie.

"Na sowas! Das ist ja mein roter Hut! Wie kommt denn der hierher! Und wie sieht er denn aus!" Rasch schloß Tante Cäcilie das Fenster und nahm voll Freude den roten Hut in Empfang, bürstete ihn und legte ihn an seinen alten Platz zwischen der Nerzkappe und dem Trauerhut.

"Das ist ja noch einmal gut gegangen!" Dachte der rote Hut, der genug von Abenteuern hatte und erschöpft einschlief.