Das kleine Kätzchen



Ich möchte euch von meinem Freund Musti erzählen. Eigentlich heißt er Mustafa, denn er kommt aus der Türkei aber wir nennen ihn alle Musti.
Musti trägt immer eine blaue Schirmmütze. Er trennt sich nie von ihr. Unter der Mütze ringeln sich eine Menge widerspenstiger, schwarzer Locken.
Musti ist immer guter Laune und lacht sehr gern. Wenn er lacht lachen die großen braunen Augen mit dem Mund gleich mit. Das ganze braune Gesicht lacht und jeder der ihn sieht muss mitlachen.
Musti, sein kleiner Hund Rif und ich, wir drei gehen oft miteinander spazieren und erzählen uns fantastische Geschichten und Abenteuer, die wir einmal erleben möchten, denn wir sind dicke Freunde.
Dass Musti so lustig ist und dass wir dicke Freunde sind, das war nicht immer so. Es ist so gekommen:
Eines Tages, es war in der zweiten Klasse kam der Herr Lehrer herein. An der Hand hielt er einen mageren, braunen Buben. „Das ist Mustafa! Er kommt aus der Türkei und wird ab jetzt euer Mitschüler sein. Er kann noch nicht gut deutsch und hat vieles nachzuholen. Bitte, helft ihm dabei!“
Musti lächelte schüchtern und bittend um sich und zog die Schultern hoch. Offensichtlich fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut.
Der Herr Lehrer setzte ihn neben mich.
„Ich heiße Gerhard und du kannst einstweilen in meinem Buch mit schauen!“ sagte ich. Musti lachte mich strahlend an und zum ersten Mal sah ich, dass seine Augen auch mitlachten.
Da traf mich ein strafender Blick meines Freundes Philip, der in der Bank vor mir saß. Philip ist der größte und stärkste in der Klasse. Sein Vater hat einen Porsche und ein Segelboot. Den Sommer verbringen Philip und seine Eltern mit dem Segelboot am Meer. Philip hat mir schon viel davon erzählt. Er hat versprochen, dass ich auch einmal zum Segeln mitkommen darf.
Ich wollte es mir mit Philips Freundschaft nicht verderben und rückte Schuld bewusst weg von Musti.
Ich sah das Strahlen in Mustis Augen erlöschen und das tat mir wirklich leid, aber was sollte ich machen?
Nach der Schule wollte ich ein Stück mit Musti gehen und ihm alles erklären aber, schon war Philip da: „Ach lass den doch! Die haben sicher nicht einmal ein Auto!“, sagte er und zog mich mit sich fort.
Ich bemerkte noch wie Musti mir traurig, mit hängendem Kopf nachblickte und hatte ein schlechtes Gewissen, aber Philip war eben mein Freund und wenn er meinte.....
In der nächsten Zeit lernte Musti eifrig und still, sprach selten mit jemandem und, obwohl wir ihm kaum halfen holte er den Lehrstoff bald nach. Besonders im Rechnen war er besser als manche von uns.
Nach der Schule, wenn ihn seine Mama, eine kleine rundliche Frau mit Kopftuch und seine zwei jüngeren Geschwister mit dem Hund Rif abholten war er wie ausgewechselt. Er hob seine kleine Schwester hoch, die vor Vergnügen jauchzte und tollte mit seinem jüngeren Bruder herum. Der Hund Rif umtanzte die kleine Gruppe und bellte und jaulte vor Freude.
Musti und seine Geschwister fielen auf. Philips Mutter, sie ist immer gut frisiert und gut angezogen, rümpfte manchmal die Nase.
Eines Tages nach der Schule – es war ein regnerischer Tag – entdeckte Mustis Hund ein winziges Kätzchen. Ganz nass war es und es schmiegte sich Schutz suchend an die Hauswand. Der Hund verbellte das Kätzchen und dieses fauchte in seiner Not und machte einen Katzenbuckel.
„Rif! Komm her!“ Musti pfiff den Hund zurück.
„Schau Mama, ein armes kleines Kätzchen!“ Philip lief zu der kleinen Katze. „Sicher ist es von jemandem ausgesetzt worden! Mama, darf ich es behalten?“
„Aber Kind! Die Katze würde doch unseren Teppich ruinieren und erst die teuren Möbel! Nicht auszudenken! Das schlag dir nur gleich aus dem Kopf!“ antwortete Philips Mutter.
„Aber ich darf doch das Kätzchen mit nach Hause nehmen?“, ich sah meine Mama bittend an. Bedauernd schüttelte Mama den Kopf. Man sah, es tat ihr leid, dass sie „Nein“ sagen musste.
„Kätzchen kann zu uns kommen!“ sagte auf einmal Mustis Mutter.
„Eigentlich würde auch ich gerne, aber.....“, Mama wandte sich entschuldigend an Mustis Mutter.
Erwachsene sind doch komisch. Wenn sie „eigentlich“ wollen warum wollen sie dann nicht!
„Verstehe schon! „ sagte Mustis Mutter. „Die schönen Möbel, Urlaubsreise; bei uns gibt es keine teuren Möbel. Hund ist auch schon da und wenn wir fahren in Türkei wir lassen Kätzchen bei Nachbarn, auch Türken, gute Freunde!“
So einfach ist das! Dachte ich und beneidete Musti.
„Möchtest du mit nach Hause kommen und mir helfen das Kätzchen zu füttern?“ fragte mich Musti.
Ich blickte zu Mama auf.
„Natürlich darfst du!“ sagte Mama.
Wir nahmen das Kätzchen, das am ganzen Körper zitterte und vom Hund Rif misstrauisch beschnuppert wurde auf und liefen freudig zu Mustis Wohnung.
Seit damals sind wir, wie gesagt, dicke Freunde. Ich helfe Musti beim Versorgen des Kätzchen, das inzwischen ein fetter Kater mit glänzendem Fell geworden ist. Wir lachen und spielen mit dem Hund Rif, der sich auch schon an die Katze gewöhnt hat. Sie sind ebenfalls Freunde geworden.
Manchmal kommt auch Philip mit zu Musti. Jedoch am liebsten bin ich mit Musti, meinem Freund und seinen Tieren allein.
Übrigens – noch ein Grund warum ich gerne zu Musti gehe. Es riecht dort immer so gut nach fremden Gewürzen und ab und zu bleibe ich zum Essen und genieße mit Musti die köstlichen Gerichte, die Mustis Mama kocht.