Der violette Pelikan



Es ist halb sieben Uhr früh. Paul liegt im Bett. Ihm ist heiß und kalt, Arme und Beine schmerzen und im Hals sitzt ein Knödel, der ihn am Schlucken hindert.
Mama ist schon aufgestanden und richtet das Frühstück.
„Na los Pauli! Steh auf und mach dich fertig! Sonst kommst du zu spät in die Schule und ich zu spät ins Büro. Ich muss heute noch jede Menge Weihnachts- Billetts schreiben und Firmengeschenke verpacken. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht!“ sagt sie.
„Mama, mir ist so schlecht!“ Kommt es kläglich aus dem Kinderzimmer.
„Ja, was ist denn los mit dir?“ erschrocken läuft Mama zu Paul. Sie fasst ihn an. „Du hast ja Fieber! Um Gottes Willen! Was mach ich nur mit dir! Ausgerechnet heute! Heute kann ich auf keinen Fall zu Hause bleiben! Der Chef kriegt einen Tobsuchtsanfall und schmeißt mich raus und ich könnte ihn verstehen!“ verzweifelt rauft Mama die Haare und legt die Stirn in Falten.
Mama und Papa sind geschieden. Seit Papa ausgezogen ist geht Mama wieder arbeiten. Sie hatte Glück, denn ihre frühere Stelle war gerade wieder frei.
„Geh ruhig ins Büro. Ich bin doch schon neun Jahre alt und kein Baby mehr!“ sagt Paul.
Lieber wäre es ihm schon wenn Mama zu Hause bliebe!
Früher wenn er krank war kochte Mama ihm seine Leibspeise, las ihm Geschichten vor und war den ganzen Tag um ihn. Es war ein Vergnügen, krank zu sein. Früher, bevor Papa weggegangen war.
Jetzt ist es anders! Mama ist immer in Eile und daher oft ungeduldig. Am Wochenende machen sie gemeinsam Ausflüge – da hat Paul seine Mama ganz für sich. Sie spielen miteinander Ball und lachen viel. Abends aber, wenn sie nach Hause zurückkehren bemerkt Paul, dass Mama oft traurig ist. Manchmal, wenn sie glaubt er merkt nichts, weint sie sogar. Sicher wegen Papa!
Nein, er darf Mama nicht merken lassen wie ungern er allein bleibt. Sie hat ohnehin schon genug Kummer.
„38-Fieber! Du musst im Bett bleiben! Kann ich dich wirklich allein lassen?“ fragt Mama unglücklich. „Ich lass die Schlüssel bei der Frau Kulinsky, sie wird nach dir schauen!“
Mama rückt das Tischchen näher zu Pauls Bett und stellt eine Thermosflasche mit heißem Zitronentee und belegten Broten darauf.
„Da ist das Telefon! Falls du etwas brauchst rufe mich an! Leb` wohl, mein Schatz, ich muss jetzt gehen!“ Mama küsst Paul und streicht ihm über das Haar. Dann geht sie und die Tür fällt ins Schloss.
Paul ist allein. Er trinkt eine Tasse heißen Tee, dann legt er sich wieder ins Bett zurück, deckt sich fest zu und schließt die Augen. Jetzt fühlt er sich besser......
......Plötzlich, das Fenster geht auf. Was ist das? Ein komischer Kauz spaziert da herein. Was heißt spaziert, er watschelt ja! Alles an ihm ist violett. Die Watschel-Füße, die Beine, das Gefieder, der Schnabel und die riesige Schnabel Tasche. Er trägt einen violett farbenen altmodischen Gehrock mit goldenen Knöpfen und einen violett farbenen Zylinder. Auf der Nase – pardon Schnabel – sitzt eine violett farbene Brille. Es ist – ein Pelikan – ein Pelikan ganz in violett. Jetzt nimmt der violette Pelikan die Brille ab und – Paul kann es nicht glauben – er beginnt zu sprechen.
„Darf ich mich vorstellen, lieber Paul? Ich bin Professor Violus Violettus, kurz Professor Violettus genannt. Ich wohne im Märchenland, im violetten Bezirk des Märchenlandes. Dort ist alles violett, wie du dir denken kannst, logisch!“
Mit einem violetten Tuch hat er die Brille geputzt und setzt sie wieder auf.
„Wie .. wie.. wieso kennst du meinen Namen? Und .. und.. und wieso kommst du hier herein?“ Paul stottert vor Aufregung. Er hat sich im Bett aufgesetzt und schaut mit offenem Mund den violetten Pelikan an.
„Also schön der Reihe nach! Ich kenne alle Kinder und logischerweise auch ihre Namen, ist doch logisch! Und, wieso ich hereingekommen bin? Hast du noch nie etwas von Professor Violettus Erfindung gehört durch Glas hindurchzugehen?“ Professor Violettus dringt durch jede Glasscheibe, logisch!“
Das Lieblingswort des Professors ist „logisch“, das hat Paul schon herausbekommen. Nun watschelt Professor Violettus auf und ab und öffnet seine Schnabel Tasche.
„Hi hi hi, ui ui ui!“ Aus der Schnabel Tasche springt eine Hexe mit einem riesengroßen Turban auf dem Kopf und mit einem riesengroßen Zahn, der aus ihrem Unterkiefer ragt. Hinter ihr her jagt ein Herr im weißen Arztkittel. An der Stirn hat er einen Zahnarztspiegel befestigt. In der Hand hält er eine riesengroße Zange, die er auf und zu klappt.
„Das ist die Hexe Überzahn und der Herr Doktor Zangerl!“ sagt Professor Violettus erklärend als er Pauls verdattertes Gesicht sieht. „Die Hexe ist ihm einst vom Zahnarztsessel weggerannt als er gerade zum Zahnziehen ansetzte. Das kann er bis heute nicht verwinden.“
„Sie kriegen mich nicht! Sie kriegen mich nicht!“ Kreischt die Hexe Überzahn und flitzt durchs Zimmer, dicht gefolgt von Dr. Zangerl und seiner Zange.
„Ruhe!“ schreit Professor Violettus. „Euer Verhalten ist vollkommen unlogisch, na logisch!“ Dr. Zangerl beruhigt sich nach und nach, denn die Hexe Überzahn beginnt Feuer zu speien und das ist ihm doch zu viel. Er setzt sich ins Bücherbord und beginnt ein Indianer Buch zu lesen.P
rofessor Violettus sperrt den violetten Schnabel auf und Schneewittchen und die sieben Zwerge stürmen heraus. Schneewittchen hat in jeder Hand einen Apfel. Abwechselnd beißt sie einmal in den linken, dann wieder in den rechten Apfel. Die sieben Zwerge reden auf sie ein. Sie schüttelt aber den Kopf und isst weiter.

„Schneewittchen ist süchtig nach Äpfel!“ wirft Professor Violettus erklärend ein „Sie isst was sie nur kriegen kann, Granny Smith, Jonathan oder Delitious. Die Zwerge haben Angst es könnte wieder ein vergifteter Apfel darunter sein. Darum versuchen sie, Schneewittchen vom Äpfel Essen abzuhalten.“
Endlich, als die Zwerge ihre riesen Taschentücher hervorholen und zu weinen beginnen lässt Schneewittchen sich erweichen und wirft die beiden Äpfel halb aufgegessen weg.
Das Telefon läutet, Paul hebt ab. „Mama, Mama!“ Paul möchte Mama alles erzählen. Dr. Violettus aber hält beschwörend den Finger an den Schnabel. Auch die Hexe Überzahn, Dr. Zangerl, Schneewittchen und die sieben Zwerge legen den Finger an den Mund. Paul hält erschrocken inne.
„Ja, was wolltest du sagen, mein Schatz?“ Paul hört Mamas Stimme am Telefon.
„Ach, nichts nichts!“ sagt Paul.
„Wie geht es dir? Brauchst du etwas? Hast du genug zu essen?“ fragt Mama besorgt.
„Es geht mir schon besser! Mach dir keine Sorgen Mama! Ich habe alles!“ antwortet Paul.
„Also dann servus! Ich habe noch viel zu tun!“ Mama legt auf.
Paul wendet sich wieder seinen seltsamen Gästen zu.
„Du darfst niemanden verraten, dass wir da sind. Außerdem wird es dir sowieso niemand glauben. Die Erwachsenen sind so unlogisch!“
Schneewittchen hat sich schon wieder Äpfel beschafft. In jeder Hand hält sie einen und beißt abwechselnd hinein. Dr. Zangerl hat das Indianer Buch eben ausgelesen, erinnert sich der Hexe Überbein und läuft ihr mit gezückter Zange nach. Die Hexe entflieht kreischend, sie springt vom Schreibtisch auf Pauls Gitarre, die an einem Band an der Wand hängt. Die Gitarre schwingt hin und her und lässt einen wunderschönen Dreiklang hören.
Der Schlüssel wird im Türschloss gedreht. Schritte nähern sich. Auch Professor Violettus hat die Schritte gehört. Die Hexe Überzahn, Dr. Zangerl, Schneewittchen und die sieben Zwerge zwängen sich blitzschnell in die Schnabel Tasche des Pelikans. Nur das knochige Bein mit der langen Spitzenunterhose der Hexe hat sich in der Schnabel Tasche verklemmt und ist zu sehen. Die Hexe schreit furchtbar.
„Ich komme später wieder!“ versichert Professor Violettus, klappt die Schnabel Tasche auf, so dass die Hexe ihr eingeklemmtes Bein frei bekommt und husch, schon ist er durch die Fensterscheibe verschwunden.
Frau Kulinsky betritt mit einem riesen Teller Weihnachtsbäckerei das Zimmer. Paul hat sie noch nicht bemerkt. Er starrt wie gebannt zum Fenster hinaus.
„Ja was ist denn mit dir los, Burli! Da draußen ist doch gar nix zu sehen! Das wird das Fieber sein!“ Frau Kulinsky greift Paul an die Stirn. „Du hast mindestens achtunddreißigfünf! Und gegessen hast du auch nichts! Armer Bub! Komm iss etwas!“
Die Kulinsky stellt den Teller mit der Weihnachtsbäckerei auf Pauls Nachtkästchen. Jetzt endlich bemerkt Paul Frau Kulinsky. „Brauchst du etwas, Burli?“ fragt Frau Kulinsky.
„Nein danke, Frau Kulinsky!“ sagt Paul.
„Na dann schlaf` ein bisserl!“ Frau Kulinsky deckt Paul sorgfältig zu.
„Es ist ein Jammer, dass die Mutter nicht bei dem Buben bleiben kann wenn er krank ist. Na ja, sie hats nicht leicht!“ murmelt sie für sich und geht wieder weg.
„Sie ist weg! Ihr könnt wieder kommen!“ ruft Paul.
Augenblicklich ist Professor Violettus wieder da, öffnet seine Schnabel Tasche und lässt die anderen heraus.
Die Hexe Überzahn stürzt sich auf die Weihnachtsbäckerei. Dr. Zangerl legt die Zange beiseite. Er isst Weihnachtsbäckerei für sein Leben gern. Schneewittchen vergisst ihre Äpfel und greift mit beiden Händen in den Teller. Auch die Zwerge langen tüchtig zu. Vielfaches Schmatzen ist zu hören. Im Nu ist der Teller leer.
„Also, das ist doch! Was fällt euch denn ein! Man muss sich ja für euch schämen. Ihr fresst dem kranken Paul einfach die Weihnachtsbäckerei weg! Das ist doch nicht logisch!“ Professor Violettus ist empört.
„Ach lass sie doch, ich freue mich, wenn es ihnen schmeckt!“ sagt Paul.
„Du bist ein guter Bub!“ sagt Professor Violettus.
„Ein guter Bub!“ wiederholt die Hexe Überzahn.
“Kinder!“ der Pelikan wendet sich an die anderen „wir wollen Paul auch eine Freude machen, er soll sich etwas wünschen. Außerdem ist bald Weihnachten, da ist das nur logisch, nicht wahr?“
„Ja, Paul soll sich etwas wünschen!“ Die Hexe Überzahn, Dr. Zangerl, Schneewittchen und die Sieben Zwerge sind einer Meinung.
„Also du hörst es, lieber Paul! Bitte wünsche dir etwas!“ Sagt Professor Violettus feierlich.
„Ja ....also....“ beginnt Paul stockend „ich möcht` so gerne Schi fahren lernen. Schi habe ich schon letztes Jahr bekommen. Der Papa wollte mit mir Schi fahren gehen. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen weil er ja von uns weggegangen ist und die Mama kann leider nicht Schi fahren.“
„Nichts leichter als das!“
Der Professor schwingt seinen altmodischen Zylinder. Im Nu ist das Zimmer in eine herrliche Schneelandschaft verwandelt. Violette Schilifte fahren zu violetten Gipfeln hinauf.
Paul hat violette Schi angeschnallt. Auch Professor Violettus, die Hexe Überzahn, Dr. Zangerl, Schneewittchen und die sieben Zwerge haben violette Schi an den Füßen.
Sie fahren, einer nach dem anderen mit dem Schilift hinauf und blitzschnell geht es wieder bergab. Pauls Schi fahren von selbst, er muss nichts dazutun. Jetzt kann Paul sogar wedeln. Das ist ein Vergnügen! Paul ist begeistert.
Es geht hinauf und hinunter. Allen macht das Schi Fahren großen Spaß.
„Nun müssen wir uns aber verabschieden, lieber Paul““ Sagt schließlich Professor Violettus feierlich. Wir müssen zurück ins Märchenland!“
„Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen und frohe Weihnachten!“ rufen auch die Hexe Überzahn, Dr. Zangerl, Schneewittchen und die sieben Zwerge und flitzen an Paul vorbei.
„Auf Wiedersehen! Und pass auf! Lass dich nicht erwischen, Hexe Überzahn!“ Paul bemerkt, dass Dr. Zangerl der Hexe gefährlich nahe kommt.
Weg sind sie alle. Paul ist plötzlich sehr müde, die Augen fallen ihm zu.........
Paul erwacht. Mama ist da und streichelt ihm sanft die Wange.
„Wie geht es dir, Pauli!“ fragt sie.
„Gut, Mama! Stell dir vor, ich war Schi fahren!“ sagt Paul.
„Du hast geträumt. Ein Fiebertraum! Aber, weil du vom Schi fahren sprichst; ich habe eine Überraschung für dich! Wir fahren in den Weihnachtsferien ein paar Tage zum Schi fahren. Herr Steindl, ein Bürokollege nimmt uns mit. Seit dem Tod seiner Frau ist er sehr einsam und allein. Er meint es wäre viel lustiger wenn wir mitkämen. Ich werde mit seiner kleinen Tochter rodeln und Herr Steindl wird dir das Schi Fahren beibringen. Freust du dich?“
Und ob sich Paul freut!
„Jetzt trink aber deinen Zitronentee und schlaf` weiter damit du bald wieder gesund wirst!“ Sanft drückt Mama Paul in die Kissen zurück und geht aus dem Kinderzimmer.