Leopold und Leopoldine



Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Leopold. Wenn ihr jetzt vielleicht glaubt ich sei ein Menschenkind, dann habt ihr euch getäuscht. Nein, ich bin ein kleiner Buchenbaum. Daheim bin ich in dem Wald am Rande der Stadt.
Ganz in meiner Nähe steht meine Mama die große schöne Buche Leopoldine. Sie ist die schönste und liebste Mama von der Welt und ich bin sehr stolz auf sie, denn sie ist die älteste und größte Buche des ganzen Waldes. Hundert Jahre steht sie schon hier. Ihr könnt euch vorstellen, dass sie auch sehr weise ist, denn sie hat viel erlebt. Alle Tiere und Pflanzen des Waldes fragen sie um Rat, wenn sie etwas wissen wollen.
Wenn der Wind durch unsere Äste und Zweige weht flüstert er von fernen Ländern, Pflanzen und Tieren, die ganz anders aussehen als wir. Ich höre dann immer gespannt zu, denn Geschichten mag ich für mein Leben gern.
Manchmal aber ist der Wind schlechter Laune. Dann zaust er unsere Blätter und beutelt uns hin und her. Meiner Mama Leopoldine kann er nicht viel anhaben. Ich aber bekomme große Angst. „Hab keine Angst Poldi!“ Sagt meine Mama dann und beschützt mich mit ihren mächtigen Ästen.
Jetzt ist alles wieder in Ordnung in unserem Wald aber vor einiger Zeit ging es uns sehr schlecht und wir hatten große Sorgen. Da wusste selbst Mama Leopoldine keinen Rat. Wenn uns nicht die Waldfee geholfen hätte........ Aber, schön der Reihe nach!
Am Rande der Waldwiese, uns gegenüber steht ein Gasthaus. Bis vor Kurzem kamen nur Wanderer den schmalen Waldweg herauf. Kinder spielten zu unseren Füßen und sammelten im Herbst Buchecken, die wir ihnen hinunterwarfen. Das war immer sehr lustig und wir freuten uns über die Abwechslung.
Dann aber begann das Unglück. Zuerst kamen Männer mit eigenartigen Geräten und machten Notizen. Bald darauf zogen riesige Baumaschinen durch unseren Wald und walzten alles nieder, was ihnen in den Weg kam. Viele unserer Baum-Brüder- und Schwestern mussten sterben.
„Warum machen denn die Menschen so etwas? Hören sie denn nicht wie unsere Brüder und Schwestern schreien bevor sie zu Boden sinken?“
„Nein!“ sagte Mama Leopoldine. „Die Menschen verstehen unsere Sprache nicht. Sie hören auch nicht wenn wir schreien und weinen!“Können sie die Sprache des Waldes nicht lernen?“ fragte ich wieder.
„Das wird kaum möglich sein. Die Menschen nehmen sich keine Zeit, uns zu verstehen.“ war die Antwort.
Eines Tages tauchte auf der Waldlichtung ein Mann auf dem man es ansah, dass er nicht gewohnt war viel zu gehen und meistens mit dem Auto fuhr. Seine Schuhe waren viel zu leicht für eine Waldwanderung. Mit letzter Kraft wälzte er seinen dicken Bauch bis zur Bank vor dem kleinen Gasthof.
Herr Wiesinger, der Besitzer des Gasthofes erwartete ihn schon. Nachdem sich der Ankömmling den Schweiß von der Stirn gewischt hatte machten sie gemeinsam einen Rundgang. Plötzlich blieb der Mann vor Mama Leopoldine stehen. „Dieser Baum muss weg! Wir brauchen Raum für den Parkplatz!“
„Aber diese herrliche alte Buche kann ich doch nicht fällen!“ Protestierte Herr Wiesinger.
„Ja, mein lieber Herr! Wollen Sie nun ein modernes Restaurant mit großem Parkplatz oder nicht!“ sagte der Herr, der Bauunternehmer war und das Gasthaus umbauen sollte.
„Das muss ich mir noch überlegen!“ murmelte Herr Wiesinger.
Mama Leopoldine, die keinen Sturm fürchtete begann plötzlich mit allen Zweigen und Blättern zu zittern.
„Mama! Das darf nicht sein! Da muss etwas geschehen!“ rief ich verzweifelt unter Tränen.
Ich muss wohl sehr laut geschrien haben, denn plötzlich kamen die Tiere des Waldes angelaufen und angeflogen. Die Eichhörnchen, Meisen, Amseln, Rehe und Hasen und sogar die Spinnen und Käfer. „Ja, so geht es nicht weiter, es muss etwas geschehen. Die Waldfee muss helfen!“ riefen sie.
Die Waldfee, die tief im Wald wohnt und sich nur selten und in Notfällen zeigt hörte unsere Klagen und kam.
„Die Menschen wissen nicht, dass wir leiden. Sie verstehen unsere Sprache nicht. Wir müssen sie die Sprache des Waldes lehren!“ Sagte ich.
Alle waren meiner Meinung. Ja, aber wie sollte man das machen? Hoffnungsvoll blickten wir alle zur Waldfee.
Die Waldfee lächelte. Sie wusste Rat. Sie verzauberte die Himbeeren, die gerade reif waren. Jeder der von den Früchten aß würde unsere Sprache verstehen.
Zuerst verstanden uns die Kinder, denn sie waren die ersten die von den Himbeeren aßen. Sie erzählten ihren Eltern von der Not der Pflanzen und Tiere und die Erwachsenen begannen plötzlich Augen und Ohren aufzutun ehe es zu spät war.
Herr Wiesinger, der auch von den Himbeeren gegessen hatte, verzichtete auf den Ausbau seines Gasthauses.Er kam zu der Einsicht, dass ein zerstörter Wald keine Gäste anlocken würde und ihm daher der Ausbau seines Gasthofes nichts bringen würde. Wenn er es sich recht überlegte war ihm der Wald , den er schon so lange kannte und liebte wichtiger.
Immer mehr Menschen verstanden die Sprache des Waldes und waren gegen den Straßenbau und den Parkplatz und eines Tages verschwanden die Caterpillar und Baumaschinen.
Nun herrscht wieder Ruhe und Friede im Wald wie früher.
Wir sind alle glücklich. Die Eichhörnchen und Vögel, die in unseren Zweigen wohnen und ihre Nester bauen, die Rehe und Hasen, die Käfer und Spinnen und, nicht zuletzt auch ich, der Leopold.
Vielleicht besucht ihr uns einmal und kostet von unseren Himbeeren!