Timi der Krähen-Junge,

ein Weihnachtsmärchen

(Für Gino!)

Timi war eine hübsche Krähe mit glänzendem schwarzen Gefieder, kugelrunden, leuchtenden Äuglein, die immer neugierig in die Welt blickten und einem gewaltigen Schnabel, der immer offen stand. Genauer gesagt: Timi war ein Krähen-Junge und, jetzt kommt das Seltsame: Timi hatte eine wunderschöne Stimme! Am liebsten saß Timi auf der höchsten Spitze einer großen Buche, die im Augarten stand. Von dort aus konnte er in das Fenster vor ihm äugen und den Chor der ganz kleinen Sängerknaben hören, die jeden Schulnachmittag die schönsten Lieder übten. Wenn ein neues Lied eingeübt wurde erfasste Timi die Melodie und den Text in Windeseile und sang von der Baumspitze aus mit. Der Musiklehrer konnte sich nicht erklären, woher die Glocken helle Stimme kam. Es schien von hoch oben, außerhalb des Raumes.
Der Lehrer öffnete das Fenster und hörte aufmerksam. Ja, tatsächlich! Die Stimme kam von der obersten Spitze der alten, gewaltigen Buche. Das gibt es doch gar nicht! dachte der junge Lehrer Hans. Ich muss mich täuschen! Vielleicht ist etwas mit meinem Gehör! Vielleicht sollte ich zum Arzt gehen!
Es war ein grauer Nebeltag im Dezember und daher konnte Hans, der Musiklehrer Timi, der mit großem Enthusiasmus auf der Baumspitze sitzend sang nicht erkennen. Auch hätte er es nicht für möglich gehalten, dass eine Krähe so wunderschön singen konnte.
Timi wohnte mit seiner Familie, also: Mama Dora, Papa Ivan, Bruder Otti und Schwester Leila im westlichen Wienerwald am Stadtrand von Wien. Dort gab es viele Krähen-Familien, die untereinander guten Kontakt hatten und sich, wenn nötig auch halfen. Tagsüber besonders in den Wintermonaten flogen ganze Scharen von Krähen in die Gärten von Wien, suchten dort Futter und flogen am Abend wieder nach Hause. Also Timis Familie hatte ihren Stammplatz im Augarten und Timi war sehr froh darüber, denn so konnte er die Stimmen der Sängerknaben hören und auch manchmal mitsingen.
Es war knapp vor Weihnachten. Timi hörte täglich von der höchsten Spitze seiner Buche aus die Kinder singen. Sie probten besonders oft, denn sie wollten ihre Eltern mit einem Weihnachtsspiel überraschen. Außerdem sollten sie zum ersten Mal vor Publikum singen.
Also, was die können das können wir auch! dachte Timi, rief seinen Bruder Otti und Schwester Leila und begann mit ihnen ein Weihnachtslied einzustudieren. Aber so sehr sich die beiden bemühten mit Timi zu singen! Es kam leider nur ein Krächzen heraus. Ein Krächzen wie es eben von Krähen zu erwarten ist und es hörte sich furchtbar an.
„Lassen wir es lieber bleiben!“ Sagte Timi enttäuscht. Otti und Leila kränkten sich sehr! Schließlich gaben sie ja ihr Bestes.
„Wir sind eben Krähen! Wir haben ein schönes, schwarzes Gefieder, einen scharfen Schnabel, können sehr gut fliegen und wir sind sehr klug!“ Sagte Ivan, der Papa. „Singen, das können wir aber nicht, nur krächzen!“ Es gibt keine Krähe auf der ganzen Welt, die singen kann außer dir Timi! Lass das Singen in Zukunft sein! Es ist mir unangenehm, wenn die anderen Krähen-Familien dich hören!“ Ivan blickte Timi streng an. Timi wusste, dass mit Papa nicht zu spaßen war. Bei Ungehorsam gab es Schnabelhiebe und die taten weh!
Timi war sehr unglücklich, aß kaum noch etwas und hockte verzagt auf seiner Buche.
Immer mehr sehnte sich Timi danach zu singen. Mit den Sängerknaben mitzusingen, ein Mitglied des Chores zu sein. Aber... das war ja unmöglich! Das musste Timi einsehen.Wie sein Vater richtig festgestellt hatte war Timi eine Krähe und Krähen haben andere Aufgaben, aber keinesfalls haben sie Talent zum Singen. Außer eben Timi.
So sehr sich vor allem Mama Dora bemühte Timi aufzuheitern und ihm die feinsten Leckerbissen anbot, alles vergebens! Timi hockte verzweifelt auf einem Ast, Tränen tropften aus seinen schwarzen Äuglein und er wurde immer dünner.
Da erinnerte sich Mama Dora, dass sie von ihrer Großmutter, und die hatte es wieder von ihrer Großmutter gehört: In der Silvesternacht, das heißt in der letzten Nacht des alten Jahres wandelt der gute Geist der Tiere, der Knecht Ruprecht auf der Erde. Mit riesen Schritten geht er durch Wald und Wiesen, über die Gebirge bis zu den Städten. In dieser Nacht können die Tiere sprechen und ihre Wünsche und Klagen dem Knecht Ruprecht mitteilen. Knecht Ruprecht wird doch hoffentlich auch in den Augarten kommen, dachte Mama Dora. Da könnte ich ihm das Problem mit Timi schildern und vielleicht könnte er helfen. Mama Dora erinnerte sich; ihre Großmutter hatte ihr erzählt dass Knecht Ruprecht über den Himmel auf einem Lichtstrahl kam. Wenn man das Brausen seiner Ankunft hörte musste man ihn laut rufen. Das wäre eine Möglichkeit! Dachte Mama Dora, vielleicht weiß der gute Geist der Tiere Rat.

Am 31. Dezember hatte es geschneit. Auf den Büschen und Ästen der Bäume des Augartens lag der Schnee und war schön anzusehen. Für die Tiere des Augartens bedeutete der Schnee aber, dass es schwer war Futter zu finden. Die Eichkätzchen hatten es da gut! Sie zogen sich in ihre Baumhöhlen zurück, knabberten an ihrem Vorrat an Nüssen und schliefen dann einfach ein. Die Menschen aber und vor allem die Kinder, die durch den Park spazierten waren hoch erfreut über den Schnee, denn sie dachten an rodeln und Schi fahren. Sie vergaßen aber nicht ihre gefiederten Freunde und füllten die Futterhäuschen mit Kernen. Einige befestigten Fettringe an den Bäumen, so dass die Vögel das Nötigste an Futter vorfanden und nicht hungern mussten. Die Menschen machten ihre Einkäufe für die bevorstehende Silvesterfeier und waren in bester Laune.

Es wurde früh dunkel an diesem Dezembertag. Der Augarten lag verlassen da. Nur einige Spaziergänger, die vor dem Silvesterrummel Luft schnappen wollten waren unterwegs. Die meisten Tiere fürchteten die Silvesternacht, denn um Punkt zwölf Uhr Mitternacht ging ein Höllenlärm los mit verschiedenen Knallkörpern und Raketen, die pausenlos abgefeuert wurden. Die Krähen-Familien aber, Krähen sind ja bekanntlich sehr kluge Tiere wussten schon aus Erfahrung, dass es am nächsten Tag wieder aus sein würde mit dem Lärm.

Diesmal aber war Mama Dora sehr aufgeregt. Sie wollte auf keinen Fall die Ankunft von Knecht Ruprecht verpassen. Schon zwei Stunden vor Mitternacht hockten sie und Timi auf einem Ast der großen Buche am Eingang des Augartens. Obwohl es sehr kalt war und ein kurzer Flug zum Aufwärmen gut wäre wagten sie nicht ihren Ast zu verlassen, von dem aus sie eine gute Übersicht hatten und gut hören konnten. Andere Vögel, die auch ein Anliegen an Knecht Ruprecht hatten würden sofort ihren guten Platz einnehmen. Sie sträubten ihre Federn um die darunter liegende Luft zu erwärmen und weniger zu frieren und warteten.
Da! auf einmal, es war Punkt Mitternacht ertönte ein Brausen und ein Leuchten wie bei einer Leuchtrakete war zu sehen. Knecht Ruprecht saß in seinem vergoldeten Schlitten gezogen von sechs Rentieren. Er trug einen mit weißem Pelz gefütterten roten Mantel mit einer Kapuze. Zehn fliegende weiße Hasen begleiteten ihn und flatterten links und rechts vom Schlitten. Jeder Hase hatte eine Tasche umgehängt, die prall gefüllt war mit Zetteln. Das waren die vielen Anliegen und Wünsche, die die Tiere aber auch die Menschen hatten. War das auf einmal ein Rennen und Flattern, denn alle Tiere wollten Knecht Ruprecht ihre Wünsche und auch ihre Klagen mitteilen. Knecht Ruprecht aber hob die Hand und die weißen Hasen begannen eifrig Zettel mit Nummern darauf auszuteilen. Jedes Tier bekam einen Zettel mit einer Nummer darauf. Mama Dora und Timi hatten die Nummer 11.
Die fliegenden Hasen riefen ein Tier nach dem anderen auf. Eine Eichkätzchen Familie bat um eine Baumhöhle zum Wohnen, denn die Familie war ziemlich angewachsen und hatte in der alten Baumhöhle keinen Platz mehr. Ein vergesslicher alter Eichkatz Opa bat Knecht Ruprecht ihm die Plätze zu zeigen wo er im Sommer all die Nüsse vergraben hatte, die er nun nicht mehr fand. Die Spatzen beklagten sich, dass die fetten Tauben ihnen das Futter weg pickten. Die Amseln wieder wünschten sich mehr Regenwürmer im Sommer, wenn sie schon im Winter mit dem Körndel-Futter vorliebnehmen mussten. Und so kam ein Tier nach dem anderen dran. Die Hasen notierten eifrig alle Wünsche und Beschwerden und Knecht Ruprecht versprach, sich um die Angelegenheiten zu kümmern.
Endlich rief ein weißer Hase die Nummer 11 auf. Mama Dora blickte Timi an und sagte: „Timi sing` etwas!“ Und Timi sang ein Weihnachtslied, das er von den Sängerknaben gelernt hatte. Er sang wunderschön wie man ihn nie gehört hatte und seine helle Stimme klang durch den Augarten. Alle Tiere lauschten andächtig. Als er fertig war sagte Knecht Ruprecht eine Weile gar nichts und faltete die Hände über seinen Bauch.

„Das war wirklich sehr schön und aus ganzem Herzen!“ wandte sich Knecht Ruprecht an Timi. „Es ist verwunderlich dass ein Krähen-Kind so eine schöne Stimme hat. Normal krächzen die Krähen und das kann man ja nicht singen nennen!“ „Eben!“ hackte da Mama Dora ein. „Und aus diesem Grund gibt es keinen Sänger Chor der Krähen. Timi möchte aber zu den Sängerknaben. Seit Wochen sitzt er nur mehr unglücklich in den Bäumen herum und isst kaum etwas. Aber wie soll er als Krähen-Junge zu den Sängerknaben! Der einzige, der vielleicht Rat weiß bist du, Knecht Ruprecht!“
Knecht Ruprecht strich sich den langen weißen Bart und wiegte den Kopf hin und her. „Das ist wirklich eine schwierige Sache!“ sagte er dann, schwieg wieder, strich sich den Bart und wiegte abermals den Kopf hin und her. „Es gibt vielleicht eine Möglichkeit!“ sagte er plötzlich „aber die erfordert große Opfer von dir Timi aber auch von deiner ganzen Familie. Wenn du, deine Eltern und Geschwister aber auch die übrige Krähen-Kolonie einverstanden sind, denn nur dann kann ich dich in einen Menschenjungen verwandeln. Das geht auch nur heute und jetzt weil Neujahrsnacht ist!“

Mama Dora blickte betrübt drein. Auch Papa Ivan, Bruder Otti und Schwester Leila, die inzwischen herbeigeflogen waren machten ein trauriges Gesicht und ließen die Köpfe hängen. Auch die übrige Krähen-Kolonie ließ die Köpfe hängen, denn alle mochten Timi sehr und wollten ihn natürlich nicht verlieren. Die kleine Schwester Leila fing an zu weinen und steckte damit alle anderen an. Mama, Papa, Bruder Otti aber auch alle übrigen Krähen schluchzten und klagten und weinten bittere Krähen Tränen.
Auch Timi weinte, denn die Entscheidung seine Familie zu verlassen war ein großes Opfer. Eine Weile ging das Klagen und Weinen,so dass man es ringsherum hören konnte. Knecht Ruprecht hörte sich das eine Weile an, dann räusperte er sich und sagte „Nun Timi! Ich verstehe dich und auch deine Familie, es ist wirklich nicht leicht für euch alle, aber du, deine Familie aber auch alle anderen Krähen, ihr müsst euch rasch entscheiden, denn der Neujahrszauber gilt nur eine Stunde, also nur bis ein Uhr früh. Dann ist er vorbei!“

Plötzlich hörte Mama Dora auf zu weinen, putzte sich den tränennassen Schnabel am Gefieder ab und sagte: „Timi! Dieses Opfer, wenn es auch ein großes Opfer ist müssen wir für dein Wohl bringen. Bitte gehe mit Knecht Ruprecht mit! Ich bitte euch alle! Gebt euer Einverständnis, dass Timi ein Menschenjunge wird und so seinen Traum singen zu können verwirklichen kann!“
Da ging ein Raunen und Murmeln durch die Reihen der Krähen und einer nach dem anderen gab sein Einverständnis. Am schwersten fiel es natürlich Mama, Papa, Bruder und Schwester und auch Timi seufzte unentschlossen. Mama Dora aber gab ihm einen Kuss und dirigierte ihn energisch auf den Schlitten von Knecht Ruprecht. „Höchste Zeit!“ Sagte Knecht Ruprecht und huiii! schon brauste der Schlitten begleitet von den fliegenden Hasen über den Himmel....
Nach Ende der Weihnachtsferien kam ein neuer Schüler ins Sekretariat der Schule der Sängerknaben um sich einzuschreiben. Er hatte dichtes, schwarzes Haar und glänzende schwarze Augen. Er wurde begleitet von einem uralten Herrn mit weißem Bart. „Das ist wohl dein Ur-Opa!“ Meinte die freundliche Sekretärin. „Der Urururur-Opa!“ Sagte da der alte Herr.
Timi hieß nun Timi Ruprecht. Er gewöhnte sich schnell in die Klassengemeinschaft ein, denn er war ein fröhliches Kind, das überall dabei war: Beim Fußballspielen, Schwimmen usw. aber auch bei den Streichen, die die Sängerknaben ihren Lehrern spielten. Bald fiel auf, dass Timi eine besonders schöne Stimme hatte und so durfte er oft solo singen. Auf den vielen Reisen, die er mit dem Chor der Sängerknaben machte lernte er die Welt kennen: Japan, China, USA und viele andere Länder. Überall waren die Wiener Sängerknaben gern gesehen und hatten viel Erfolg. In den Sommerferien aber flog er im Schlitten von Knecht Ruprecht in den hohen Norden, dorthin wo im Sommer die Sonne nicht untergeht.

Als Timi erwachsen war wurde er ein berühmter Tenor. Er sang in allen großen Opernhäusern der Welt und wurde dort sehr gefeiert. Nie aber vergaß er seine Krähen-Familie und wenn ein Krähen-Schwarm über den Himmel zog sah er den Vögeln wehmütig nach.