Nachkriegskindheit


Erste Eindrücke von der Inneren Stadt

Einer der ersten Eindrücke an die ich mich erinnere ist die riesengroße Pallas Athene vor dem Parlament. Ich blickte zu ihr aus der Froschperspektive – ich war ja damals noch ein kleiner Frosch, der im Kinderwagen saß – auf. Es muss ein grauer, farbloser Tag gewesen sein, denn ich erinnere mich an keine Farben. An Schutt und Mauertrümmer, die überall herumlagen erinnere ich mich schon, aber nur sehr verschwommen.

Wir wohnten damals in einem Kellerlokal in der Nähe der Lerchenfelderstraße und da kaum Straßenbahnen fuhren musste meine Mutter weite Strecken quer durch die Stadt zu Fuß bewältigen. Jeder Amtsweg – und Amtswege gab es damals viele zu machen – bedeutete eine Tagesreise. Da musste man sich schon seine kärgliche Ration für den ganzen Tag mitnehmen, denn vor jedem Amt standen die Menschen Schlange und die Wartezeiten waren entsprechend. Beim Schlangestehen war sich jeder selbst der Nächste, da wurde keine Rücksicht auf Frauen mit Kindern genommen und schon gar nicht auf „Zugraste“ mit denen man das bisschen Essen auch noch teilen musste. So hatte meine Mutter immer für einen ganzen Tag vorzusorgen. Wie sie das zuwege brachte ist mir heute noch ein Rätsel und ich glaube selbst sie hat es schon vergessen.

Auf diese Weise lernte ich mit zweieinhalb Jahren das zerbombte Wien vom Kinderwagen aus kennen. Dieser Kinderwagen war auch ein Kapitel für sich: Er musste schon Generationen von Kindern transportiert haben und so sah er auch aus. Mama hatte den Kinderwagen für viel Bettwäsche getauscht. Geld gab es damals wenig, zu kaufen gab es auch wenig. Folglich blühte der Tauschhandel. Was immer man hatte versuchte man gegen Dinge zu tauschen, die man brauchte und nicht hatte.

Es bedeutete immer ein Risiko mit diesem Kinderwagen auszufahren. Manchmal musste Mama mich am Arm tragen und den kaputten Wagen schieben. Irgendein mitleidiger Nachbar fand immer wieder eine Schraube und brachte den Kinderwagen notdürftig in Ordnung.

Diese Ausfahrten in den Ersten Bezirk genoss ich sehr, denn ich liebte die vielen steinernen Statuen und Denkmäler.

Die riesengroßen Löwen vor dem Landesgericht beeindruckten mich sehr. Ich hatte keine Angst vor ihnen, denn sie waren meine Freunde. In meiner Fantasie führte ich lange Gespräche mit ihnen.

Den behäbigen Goethe, der in seinem bequemen Sessel saß, fand ich eher langweilig. Wenn Mama mich nach seinem Namen fragte antwortete ich pflichtschuldig: „das ist der „Gote“, Der Dichter!“ und ich zeigte mit meinem kleinen Zeigefinger auf ihn.

Da gefiel mir der Rosse-Bändiger vor dem Parlament schon viel besser und ganz besonders gefiel mir der Prinz Eugen und der Erzherzog Karl mit der Fahne, hauptsächlich wegen der immensen Pferde, auf denen sie saßen.

Der Erste Bezirk war also für mich ein Wunderland. Ich konnte mich nicht sattsehen an den vielen Statuen. Auch die riesengroßen Herkules Figuren am Michaelerplatz beeindruckten mich. Allerdings machten sie mir Angst und waren schuld an so manchem kindlichen Albtraum.

Die Atlas Figuren, die die Einfahrten vieler Palais trugen taten mir furchtbar leid. Ich fragte meine Mutter andauernd warum denn diese armen Frauen und Männer, die außerdem nichts zum Anziehen hatten, immer und für alle Zeiten die Eingänge mancher Häuser tragen mussten. Mama hätte mich mit der Erklärung über den neubarocken Stil überfordert und sagte mir, dass diese Träger wahrscheinlich einmal irgendetwas angestellt hätten,zur Strafe versteinert wurden und für alle Ewigkeit die Hauseingänge tragen müssten.

Ich sah ein, dass böse Taten bestraft werden mussten und somit war das Tragen der Haustore in Ordnung.

Natürlich wurde mir die Zerstörung und das Elend um mich herum überhaupt nicht bewusst. Für mich war die Stadt auch in ihrem damaligen Zustand ein wunderbarer Ort, den es zu entdecken galt.