Der gelbe Luftballon


Es war ein wunderschöner Maientag. Einer dieser ersten Frühlingstage, die erfüllt sind vom Duft der Blüten und vom Gesang der Vögel. Die Bäume führten ihr funkelnagelneues grünes Frühjahrs-Kostüm vor. Sie waren wohl die einzigen in diesem Frühjahr 1948, die sich ein neues Frühjahrs-Kostüm leisten konnten.

Die Menschen in Wien litten Mangel an allem. Der ärgste Schutt war schon weggeräumt worden. Man hatte sich zusammengetan und einer half dem anderen. Man sah wieder mit Zuversicht in die Zukunft.

Wie so oft war Mama mit mir und meinem kleinen Bruder, der noch im Kinderwagen saß im Märzpark. Der Park existiert heute nicht mehr, denn in den 70-ger Jahren wurde auf dem Areal des Parkes die Stadthalle erbaut. Damals aber gab es da Hecken und Büsche und damals gab es auch noch Maikäfer und, was mich besonders beglückte – jede Menge Marienkäfer summten und brummten in den Hecken.

Ich ließ die Tierchen auf meiner Hand krabbeln und dazu sang ich "Marienkäferl flieg, flieg nach Mariabrunn, bring uns heut'und a'morgn'a schöne Sunn!". Wenn dann das eine oder andere Käferchen davonflog, jauchzte ich laut und begann mein Sprüchlein von vorne. Schon wollte Mama zu unserer gewohnten Bank abbiegen, da, was kam da auf uns zu?

Es war ein Mann, der eine Menge Luftballons an Schnüren hielt. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und war sofort von den bunten, luftigen Dingern fasziniert. „Na Kleine,"lockte der Verkäufer, der bemerkt hatte wie verzaubert ich da stand "möchtest du nicht so einen schönen Luftballon? vielleicht diesen hier?" und er zeigte auf einen herrlichen gelben, mit schwarzen Verzierungen an der Seite. Und ob ich wollte! Sehnsüchtig blickte ich den gelben Luftballon an. Mama aber wollte schleunigst an dieser Versuchung vorbei. "komm! Du wolltest doch in die Sandkiste!" Versuchte sie abzulenken. Aber sie hatte nicht mit meiner Hartnäckigkeit gerechnet.

Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, arbeite ich solange darauf hin, bis ich es erreiche. Diese Eigenschaft hat mir als Erwachsene schon sehr oft genützt, aber auch geschadet. Ich begann also mit meiner Zermürbungstaktik. Zuerst versuchte ich es mit flehentlichen Bitten, die einen Stein erweicht hätten. Als ich merkte, dass das keinen Erfolg hatte bekam ich einen Zorn-Anfall, legte mich mitten auf die Straße und schrie und strampelte. Dann ging ich wieder zu Flehen und Bitten über.

Der Mann der ein Geschäft witterte, stand die ganze Zeit dabei. Es kam also wie es kommen musste: Mama war schließlich auch nicht aus Stein und wie gern wollte sie mir eine Freude machen! Wenn auch der Luftballon die Hälfte des Geldes verschlang, mit dem sie noch zwei Tage auskommen musste. Sei's drum! Es würde schon irgendwie gehen! Also ich bekam meinen Luftballon, der ein kleines Vermögen kostete. Ich kann mich noch heute, 60 Jahre danach an dieses Glücksgefühl erinnern.

Voll Freude zog ich den Luftballon zu mir, ließ ihn wieder los und jauchzte vor Glück. So ging das eine Weile. Mein kleiner Bruder, der im Wagerl saß, reklamierte natürlich den Luftballon auch für sich und streckte verlangend die Ärmchen nach ihm aus. Aber an ein Herborgen war nicht zu denken. Nie würde ich den Luftballon mit jemandem teilen. Das schillernde gelbe Ding gehörte nur mir! Das Greinen meines Bruders wurde immer eindringlicher und mein entschiedenes"Nein" wurde immer lauter und energischer. Da half auch kein Zureden meiner Mutter, die sich durch ihre Gutmütigkeit ein neues Problem aufgehalst hatte.

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!: Mein kleiner Bruder schritt zur Tat. Er riß an der Schnur des Luftballons, die meiner Hand entschlüpfte, und schon war das Malheur passiert. Der schöne, gelbe Luftballon erhob sich in die Lüfte. Immer höher und höher stieg er!

Das Herz blieb mir fast stehen, ich konnte es nicht fassen! - Auch an dieses Gefühl erinnere ich mich noch heute. Viel später als junger Mensch habe ich dieses kindliche Nicht-Fassen-Können noch einige Male erlebt. Das Nicht-Fassen-Können von Gemeinheiten und Niederträchtigkeiten und das Nicht-Fassen-Können von Tatsachen und Gegebenheiten, mit denen man sich abfinden muss.

Aber zurück zu meinem Kinderschmerz. Nach dem ersten Schock begann ich fürchterlich zu schreien. Ich schrie so laut, dass mehrere Passanten erschrocken stehenblieben. Im Nu hatte sich eine kleine Ansammlung gebildet. Als sie aber die Ursache meines Schmerzes erfuhren, atmeten sie auf und versuchten mich zu trösten. Ein älterer Herr gab mir eine Rippe Schokolade - damals eine seltene Delikatesse. Ein amerikanischer Soldat drückte mir ein Päckchen Kaugummi in die Hand, tätschelte mich lächelnd und ging dann wieder seines Weges.

Ich aber war untröstlich. Ich weinte und und schluchzte noch lange vor mich hin. Schließlich war ich so müde, dass ich nicht mehr weinen konnte. Meine Mutter schlichtete mich in den Sportwagen neben meinen Bruder, der schon eingeschlafen war. Sofort schlief auch ich ein und vernahm nur mehr, ab und zu, das Quietschen des klapprigen Wagens, der unter der doppelten Last ächzte.