Kleines Glück – großes Glück



Es war knapp vor Weihnachten. Einer dieser kalten Wintertage im Nachkriegswinter 47/48. Die Straßen waren notdürftig geräumt. An den Straßenecken türmte sich der Schnee in schmutzig grauen Haufen. Die Leute waren froh, wenn sie etwas Brennmaterial hatten und hamsterten bereits Lebensmittel für die Feiertage. Sie waren damals sehr erfinderisch. Die Frauen bereiteten mit geringsten Mitteln wirklich schmackhafte Gerichte. Das war wichtig, denn Weihnachten stand vor der Tür. Geld war rar. Es gab zwar schon Delikatessen, die konnte sich aber keiner leisten, höchstens die Schieber.

Meine Mutter, die nach dem Krieg mit zwei kleinen Kindern allein dastand hatte es nicht leicht. Sie hungerte oft tagelang um uns Kinder halbwegs füttern zu können und wir machten ihr das Leben unnötig schwer. Vor den Auslagen der Konditoreien drängten wir sie, uns doch wenigstens ein Tortenstück zu kaufen, ein ganz ganz kleines! Dabei löste ich die Ältere diese „Sekaturen“ aus, denn wenn ich damit begann, stimmte mein kleiner Bruder natürlich gleich mit ein.

Es war also wieder einmal so weit: Wir standen beide vor der verlockenden Auslage der Konditorei in der Kaiserstraße und waren nicht wegzubringen.

Wir boten ein recht komisches Bild wie wir so dastanden.

Ich hatte einen giftgrünen Trainingsanzug an sowie einen grell pink-farbenen Anorak, der mir viel zu groß war. Unverkennbar Kleidungsstücke aus dem Care- Paket der Amerikahilfe.

Mein Bruder war in zuckerlrosa gekleidet. Diese Farbe gefiel mir noch viel besser. Die Leute drehten sich nach uns um und schüttelten die Köpfe.

Heute wäre so ein Aufzug nichts Besonderes – zum Glück ist alles bunter geworden. Damals fiel man allerdings auf.

Unsere Gesichter waren rot vor Kälte und unsere Nasen rannen ununterbrochen. Der Strom, der aus ihnen herunter rann wurde von unserer Zunge aufgefangen. Wir drückten also unsere „Rotznasen“ an die Auslagen-Scheibe und die Verkäuferin im Geschäft blickte bereits missbilligend zu uns herüber.

Unserer Mutter tat sicher das Herz weh, uns so stehen zu sehen.

Mit allerlei Versprechungen vor allem zuhause Märchen vorzulesen versuchte sie, uns vom Schaufenster wegzulocken. Je mehr sie aber auf mich einredete desto bockiger wurde ich. Mein Bruder greinte bereits zornig und ich scharrte trotzig mit dem Fuß auf dem eisigen Gehsteig.

Plötzlich bückte ich mich, kratzte mit meinen kleinen Fingern das Eis auf und fischte, durchweicht aber unverkennbar einen 25-Schilling-Schein aus dem Eis.

Meine Mutter traute ihren Augen nicht, faltete den Schein auseinander und zeigte ihn mir. „So ein Glück! Du bist wirklich ein Glückspilz, mein Schatz. Das Geld hat uns sicher der Liebe Gott geschickt zur Belohnung weil ihr immer brav seid!“

Lieber Gott oder nicht! nun gab es aber kein Halten mehr. Wir stürmten in die Konditorei und wir durften uns je ein Stück Torte aussuchen.

Mit dem Rest des Geldes, 25 Schilling waren damals viel Geld, konnten wir wieder ein paar Tage halbwegs durchkommen.


Viel später erzählte mir Mama, dass dieses Geld Rettung in letzter Minute bedeutet hatte, denn sie hätte damals nicht gewusst, womit sie unsere nächste Mahlzeit bezahlen sollte.