Die Reise nach Spanien


„Die Lunge des Kindes zeigt leider Schatten!" Herr Dr. Schäfer, unser praktischer Arzt, hielt die Röntgenaufnahmen gegen das Licht und wies mit dem Zeigefinger auf kleine, weiße Stellen. Bestürzt blickte meine Mutter den Arzt an. Seit einiger Zeit hatte sich ein trockener Husten bei mir bemerkbar gemacht, der manchmal zu regelrechten Hustenanfällen ausartete. Ich war danach immer sehr erschöpft und müde. Der Arzt hatte Mama geraten mit mir zum Lungen Röntgen zu gehen und nun hatte er den Befund in Händen.

„Die Kleine muss dringend in ein trockenes, warmes Klima mit hochwertiger, üppiger Kost sonst fürchte ich wird sie Lungen krank! Erste Anzeichen gibt es schon!“, Hilflos blickte Dr. Schäfer Mutti an, denn er wusste, dass er da Unmögliches verlangte. Die Frau war Kriegers-Witwe und hatte ihre Heimat, das Sudetenland verlassen müssen. Sie hatte es ohnehin schon schwer genug mit zwei kleinen Kindern durchzukommen.

„Aber Herr Doktor! Wo soll ich denn das Geld hernehmen um meine Tochter in den Süden zu schicken! Ich wohne mit meinen zwei Kindern in einem Kellerlokal, das ziemlich kalt und feucht ist. Eine trockene, gesündere Wohnung kann ich mir nicht leisten!“

„Das Kellerloch wird auch der Grund sein, weshalb Ihre Tochter erkrankt ist, Frau Fritsch! ich weiß wie schwer

Sie es haben und ich will versuchen, Ihnen zu helfen. Es gibt Organisationen, die bedürftige Kinder zu Pflegeeltern nach Dänemark, Holland, in die Schweiz und, was in Ihrem Fall das Günstigste wäre, nach Spanien oder Portugal schicken. Ich schreibe Ihnen hier die Adresse der Caritas auf. Außerdem gebe ich Ihnen einen Brief an den betreffenden Referenten mit. Vielleicht haben wir Glück!“

Mit einem ermutigenden Lächeln begleitete Dr. Schäfer Mama zur Tür.

Da stand sie nun im Treppenhaus. Ihre Augen zeichneten automatisch das geometrische Muster der Fliesen nach. Immer und immer wieder. Sie beugte sich zu mit herunter und streichelte mich. Plötzlich sah ich wie es nass um ihre Augen wurde. „Was hast du Mama? Habe ich etwas Böses gemacht? „Nein mein Schatz! An allem ist nur dieser schreckliche Krieg schuld! Aber wir werden nicht aufgeben!“ Schon hatte sie sich wieder in der Gewalt, nahm mich bei der Hand und trat entschlossen auf die Straße.

Es war Jänner 1948. Ein beißend kalter Tag, damals doppelt hart, da wenig Heizmaterial vorhanden war und die Wohnungen nach den Bombenangriffen nur notdürftig instand gesetzt worden waren. Es gab die wichtigsten Grundnahrungsmittel auf Marken, vollwertige Kost wie sie Kinder benötigt hätten, gab es aber nicht.

Nun begann es wieder zu schneien. „Schau Mutti es schneit!“ rief ich entzückt. Mutti stellte den Kragen
meines Mäntelchens, das sie aus einer groben, grauen Decke genäht hatte auf und drückte mir die unförmige
Wollmütze ins Gesicht. Auch ihr dunkelblauer Mantel hatte schon bessere Zeiten gesehen, denn er war an den Ärmeln und am Kragen sehr abgewetzt und nochmals Wenden ging nicht mehr.

In der überfüllten Straßenbahn fuhren wir eingezwängt zwischen anderen, schäbig gekleideten Wienern zum Währingergürtel. Mutti meldete sich bei dem Referenten, der ihr von Dr. Schäfer genannt worden war.

„Wenn Sie die Kleine zur Erholung anmelden wollen, muss ich Sie leider enttäuschen, die nächsten Kindertransporte, die Anfang April abfahren sind schon voll besetzt!" eröffnete uns gleich beim Eintritt ein müde aussehender, gleichgültiger Herr. Mama überreichte ihm wortlos den Brief Dr. Schäfers und und automatisch öffnete ihn der Referent. Plötzlich stutzte er. „Das ist natürlich etwas anderes! Ein Notfall sozusagen. Wir werden unser Bestes tun um Ihre Tochter nach Spanien oder Portugal einzuteilen. In vierzehn Tagen bekommen Sie von uns Bescheid!"

Wir wurden kurz verabschiedet, denn draußen warteten noch einige Bittsteller.

In vierzehn Tagen war es dann entschieden. Wir bekamen die Mitteilung, dass ich dem Kindertransport nach Spanien zugeteilt war, der am 4. April abfahren sollte. Ich würde zu spanischen Pflegeeltern nach Lerida in Katalonien kommen.

Nun begann ein fieberhaftes Treiben, denn es mussten ja Vorbereitungen getroffen werden. Vor allem; wo lag denn diese Stadt Lerida? Würden die Pflegeeltern auch gut zu ihrem Kind sein? Die Kleine war ja erst fünfeinhalb Jahre alt. Viel zu klein um so eine weite Reise allein, ohne Mutter zu machen. Würde sie nicht Heimweh bekommen? Wie würde sie sich in einem fremden Land, mit fremder Sprache zurechtfinden....alles Fragen, die meine Mutter quälten. Aber es musste ja sein!

Zwei Wochen vor Abfahrt des Zuges bekamen wir noch genaue Richtlinien zugesandt. Da sollte Packpapier mitgegeben werden und, wenn möglich, ein kleines Kissen, denn die Nacht würden die Kinder am Boden des Abteils verbringen müssen. Etwas Reiseproviant sollte auch vorhanden sein. Mama bemühte sich meine Kleidung so gut es ging aufzubessern.

Mein ganzer Stolz war ein funkel-nagelneuer Trainingsanzug, den ich immer wieder probieren wollte.

Die Vorbereitungen waren aufregend, und dass sich alles um meine Person drehte, gefiel mir sehr.

Schließlich war es so weit: Zeitig früh brachte mich Mama samt meinem dürftigen Gepäck zum Westbahnhof. Während der Fahrt in der Straßenbahn hörte sie nicht auf, mich zu streicheln und mich an sich zu drücken.

Ich, die ich noch gar nicht begriffen hatte, dass es einen Abschied auf längere Zeit bedeuten sollte, freute mich, dass ich meinen neuen Trainingsanzug anziehen durfte und dachte an mein Schnitzel mit Erdäpfel-Salat im Gurkenglas, das Mama sich für mich geleistet hatte.

Tapfer lächelnd brachte mich Mama in meinem Abteil unter und machte mich mit den mitreisenden Kindern und den begleitenden Tanten bekannt. Das war ein Stimmengewirr und ein Lachen! Das faszinierte mich!

Erst bei Abfahrt des Zuges war es mit Mamas Fassung vorbei. „Behüt`dich Gott, mein Kind!" Hörte ich sie schluchzend flüstern und auch mir wurde eigentümlich in der Magengegend.

Der Zug fuhr an, eine Traube von Kindern hing beim Abteilfenster und winkte unter Tränen den Eltern nach. Ich winkte so lang mit meinem Taschentuch bis Mutti nur mehr ein kleiner Punkt war, dann bog der Zug um die Ecke und alles war weg.

Nun kehrte buchstäblich das heulende Elend im Abteil ein. "Mutti, Vati, Mutti, Mutti!" Ungefähr sechs Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren schluchzten und weinten Gott erbärmlich.

Die Tanten gingen von Abteil zu Abteil und versuchten zu trösten - was ihnen auch bald gelang - denn unsere kindliche Neugierde siegte und wir begannen unseren Reiseproviant auszupacken und mit unseren Schätzen zu prahlen.

„Jöh! lass mich von deinem Schnitzel abbeißen!" Rief ein aufgeschossenes Mädchen mit einer dicken, blonden Haarrolle und vielen, vielen Sommersprossen: „Du darfst dafür von meiner Wurstsemmel abbeißen und wenn du mich von deinem Erdäpfelsalat kosten lässt, kriegst du eine Ecke von meinem Punsch-Krapferl. Schau, wie schön rosa es ist!"

Beim Essen kommen die Leut`zusammen und so lernte ich Inge kennen, mit der ich viele Jahre, als wir schon erwachsen waren, befreundet blieb.

Geteiltes Leid ist halbes Leid, und wir Kinder verkürzten uns die Zeit mit spielen, Geschichten erzählen und singen. Am Abend kam allerdings wieder das Heimweh an geschlichen. Trotz der Bemühungen der Tanten schluchzten die Kinder vor sich hin und es sah aus als würde der Jammer kein Ende nehmen.

Zu guter jetzt wiegte uns die monotone Bewegung des Zuges ein. Ich legte mich auf mein Packpapier, hüllte mich in meine Decke, ein letztes Schluchzen und Seufzen, schon aber hatte mich der Schlaf.

Das Erwachen am nächsten Morgen werde ich nie vergessen! Der Tag leuchtete schon durchs Abteilfenster herein, ich richtete mich auf und sah zum ersten Mal die Alpen in ihrer verschneiten Pracht. Als Stadtkind hatte ich so etwas noch nie gesehen.

Den anderen Kindern erging es ebenso, denn sie kamen aus dem Staunen nicht heraus und wir vergaßen darüber sogar unser Heimweh.

Die begleitende Tante erklärte uns, dass wir knapp vor Zürich seien. Zürich in der Schweiz. Schweiz! wie ausländisch das klang! und ich war also in der Schweiz, in einem fremden Land. Ich glaube, dass sich schon damals meine Vorliebe für das Reisen und das Kennenlernen fremder Länder zeigte.

An den Rest der Reise erinnere ich mich nicht mehr so genau. Ich erfuhr später, dass wir zwei Tage unterwegs gewesen waren. Auch an das Heim in Pamplona, indem wir einige Tage verbrachten, bevor wir an die einzelnen Pflegeeltern weitergeleitet wurden erinnere ich mich nur vage. Ich weiß nur, dass ich im dortigen Hof herumlief und, anstatt mit den anderen zu spielen „Mutti, Mutti!" schrie.

Da ich eine der Kleinsten war hatte mich wahrscheinlich das Heimweh und das Bewusstsein der Verlassenheit besonders gepackt.

Ich war eine der ersten, die von ihren Pflegeeltern abgeholt wurden, denn der Zug fuhr durch Katalonien über Lerida in Richtung Madrid und weiter nach Andalusien. Nun galt es auch Abschied nehmen von meiner Freundin Inge, die, wie sich später herausstellte in Zaragoza bei Pflegeeltern landete.

Ich erinnere mich genau wie ein großer, freundlich blickender Mann sich zu mir nieder beugte und mich von allen Seiten betrachtete.

Das war mein viel geliebter "Papa", der mir später, als ich schon das - zigste Mal nach Lerida eingeladen wurde erzählte, dass er sich eigentlich ein blondes Mädchen mit Zöpfen und blauen Augen vorgestellt hatte und dass er erstaunt war so ein dunkelhaariges kleines Ding mit großen Augen vorzufinden, das man in jedem Dorf finden konnte.

Über die erste Zeit meines Aufenthaltes in Lerida habe ich fast keine Erinnerungen. Es ist aber sicher, dass ich mich bald einlebte und mich bei der fröhlichen und lauten Familie, bestehend aus Papa, Mama, Yaya (Großmutter), aus meinen Brüdern Roger, Miguel und Luis und dem Foxterrier „Farina“zu hause fühlte.

Nach neun Monaten kam ich kugelrund, rosig und gottlob kerngesund wieder in Wien an. Deutsch hatte ich inzwischen total verlernt. Dafür sprach ich fließend katalanisch.

Es war äußerst grotesk wie die Wiener Kinder, die vor 9 Monaten nach Spanien gekommen waren, nun alle Dialekte Spaniens sprachen, nur nicht deutsch.

Inge, die ich zu meiner Freude wiedertraf sprach zum Beispiel aragones, ein rothaariger Bub, der zu einem Gutsbesitzer nach Andalusien gekommen war, sprach andalusischen Dialekt.

Kinder stellen sich sehr leicht um und so lernte ich sehr schnell wieder deutsch und verlernte spanisch, das ich allerdings bald wieder erlernte,als ich nach einiger Zeit wieder zu meinen Pflegeeltern nach Lerida reisen durfte.

Ich glaube, diese erste Reise nach Spanien hat mir das Leben gerettet und den Grundstein zu meiner Liebe zu Spanien und überhaupt zu fremden Ländern gelegt.