Ferien in der Krottenbachstrasse



Der Krieg war nun schon acht Jahre zu Ende. Langsam wurden die Zeiten besser. Die Leute bekamen Arbeit, manche sogar in ihrem erlernten Beruf, so dass sie nicht mehr gezwungen waren, irgendwelche Aushilfsarbeiten zu machen.

Auch meine Mutter konnte sich glücklich schätzen, in ihrem Beruf unterzukommen.

Mama war gelernte Kürschnerin und sehr geschickt. Sie konnte aus den kleinsten Abfällen hübsche und warme Kindermäntelchen für uns fertigen.

Die Kürschner Arbeit war gut bezahlt, setzte aber, da es ein Saisongeschäft war vor allem vor Weihnachten bedingungslosen Einsatz voraus.

Man war froh eine verhältnismäßig gut bezahlte Arbeit zu haben und durfte es sich mit dem Chef nicht verderben und auf die Bezahlung der Überstunden drängen, denn sonst wurde man vor die Tür gesetzt – es warteten schließlich jede Menge billigere Arbeitskräfte auf den Posten. Rücksicht auf alleinstehende Frauen mit Kindern – davon keine Rede und so blieben wir Kinder oft nächtelang allein zu hause. Wir fürchteten uns vor Gespenstern und wenn ein flüchtiger Schatten auf das Fenster fiel oder wir Schritte hörten klammerten wir uns fest aneinander und warteten atemlos bis der vermeintliche Spuk vorüber war.

Ich erzählte Mama aber nichts von unseren Ängsten. Instinktiv fühlte ich, dass sie ohnehin an der Situation litt.

So froh Mama war endlich gute Arbeit gefunden zu haben, so schwierig war es für sie, uns Kinder besonders in den Ferien unterzubringen.

Da kam das Angebot eines Kollegen, der mit seiner Frau in einem Schrebergarten in der Krottenbachstraße wohnte wie gerufen. Herr und Frau Kromi erklärten sich bereit, uns während der Sommerferien in Kost und Quartier zu nehmen.

Eines schönen Sommertages also fuhren wir mit Sack und Pack in die Krottenbachstraße in den Schrebergarten des Ehepaares Kromi.

Der Garten war ein typischer Schrebergarten jener Zeit, dicht bepflanzt mit Obstbäumen und Spalierobst, der Stolz der Frau Fini.

„Schau!“ sagte die rundliche Frau mit den roten Backen und den schwarzen kleinen Löckchen „bald werden die Ringlotten reif sein und dann kannst so viele essen wie du willst.“

Dieses Angebot löste in mir Entzücken aus. War das möglich? So viele Ringlotten wie ich wollte konnte ich essen? Frau Kromi war mir gleich sympathisch und ich strahlte sie an.

Mein Bruder hingegen begeisterte sich für Herrn Kromi, denn dieser hatte quer durch den Schrebergarten eine wunderschöne, wasserbetriebene Eisenbahnanlage gebaut.

Da gab es Berge, Tunnels, eine Mühle, die mit Wasser betrieben wurde und, was das Aufregendste war, es gab einen herrlichen Wasserfall, der in einen See mit Schwänen aus Ölpapier stürzte, sobald Herr Kromi die Wasserleitung aufdrehte. Auf dem Gipfel eines Berges stand ein Zwerg mit Pickel und Seil und winkte, ununterbrochen lächelnd ins Tal hinab. Im Tal befand sich ein Stiefmütterchen Beet und mitten darinnen schlief ein wunderschönes Dornröschen, dessen Gips schon etwas abbröckelte seinen hundertjährigen Schlaf uns war auch vom Geratter der Eisenbahn nicht aufzuwecken.

Überhaupt sah das kleine Schrebergarten Haus, das nur aus einer winzigen Küche, einem kleinen Wohn-Schlafraum und einer ebenfalls winzigen Mansarde bestand wie ein Knusper-Häuschen aus. Groß war meine Freude als ich erfuhr, dass ich in der Mansarde schlafen durfte und ich werde nie das Entzücken vergessen, das ich empfand als ich am ersten Morgen die Fensterläden mit den heraus gesägten Herzen öffnete und in den grünen Garten mit der Eisenbahn und den Zwergen blickte. Konnte es etwas schöneres geben?

Den ganzen Tag verbrachte ich nun im Freien, im Garten oder gegenüber im sogenannten „Grabeland“, wo auch

Gemüse und Erdbeeren angebaut wurden. Tante Fini scheute die Mühe nicht, jeden Tag ihre Erdbeeren zu zählen und opferte uns Kindern jedes Mal zwei bis drei Stück, die wir sofort in den Mund steckten.

Bekleidet war ich meistens nur mit einer Turnhose aus Klot, für heutige Begriffe nicht sehr schick, damals aber mein ganzer Stolz. Aufgeschossen und Zaun-dürr wie ich damals war, schlotterte sie um meine mageren Beine.

In diesem heißen Sommer liefen wir Kinder meist barfuß herum, gab es einmal eine längere Schlechtwetterperiode so war uns dies auch recht, denn dann erzählte uns Tante Fini von ihrer Kindheit und Jugend.

Besonders von ihrer „Backfischzeit“, wie sie sich ausdrückte und von den vielen Verehrern, die sie gehabt hatte erzählte sie immer wieder.

Mein kleiner Bruder lief bei solchen Geschichten bald gelangweilt hinaus und vertrieb sich die Zeit mit dem Auf- und Abdrehen des Wasserhahnes und setzte die Eisenbahn in Gang.

Mich aber faszinierten Tante Finis Erzählungen und ich konnte ihre Beschreibungen nicht oft genug hören. Die Schilderungen ihrer Rendesvous und die Beschreibung der Kleider, die sie bei diesen Gelegenheiten getragen hatte wollte ich immer wieder hören.“Ach!“seufzte sie schließlich, „zletzt hob i ja do den Pepsch gnommen!“

Ich wusste nicht, war es ein zufriedener oder ein bedauernder Seufzer.

Heute ist mir klar, dass Tante Fini inmitten ihrer Rosen und Spalier Birnen, umwölkt von ihren Träumen, die wahrscheinlich nur in ihrer Fantasie existierten ein sehr glückliches Leben geführt haben muss. Ihr Pepsch, der erkannt hatte, dass ihre Erzählungen reine Einbildung waren, hörte ihr kaum mehr zu und sie war froh, in mir eine aufmerksame Zuhörerin gefunden zu haben.

Tante Fini, nicht nur romantisch veranlagt sondern auch praktisch war eine ausgezeichnete Köchin, die ihre Kochkunst geradezu zelebrierte. Leider benötigte sie zum Kochen furchtbar viel Zeit . Die Wartezeit aber verkürzten wir uns mit etlichen Schmalz-Broten, die uns Tante Fini widerwillig strich. Widerwillig deshalb, weil sie fürchtete, dass wir durch die vielen Schmalz-Brote vollgefressen zu gegebener Zeit nichts mehr essen würden. Ihre Angst war aber unbegründet.

Trotz etlicher Schmalz-Brote vertilgten wir noch 10 bis 15 Marillen-Knödel. Überhaupt, diese Marillen-Knödel! Tante Fini machte sie aus Kartoffelteig und da sie den Teig scheinbar stundenlang knetete war dieser wunderbar flaumig. Marillen-Knödel waren meine Lieblingsspeise und ich hätte sie täglich essen mögen.

Die größte Freude hatte Tante Fini wenn wir tüchtig und herzhaft aßen und diese Freude bereiteten wir ihr immer. Überhaupt ist es mir unbegreiflich, dass ich soviel vertilgen konnte, denn ich war, wie schon erwähnt dünn und schlaksig. Die reifen Ringlotten waren ebenfalls nicht sicher vor mir. Wenn ich in eine Ringlotte biss, tropfte mir der Saft über den nackten Oberkörper und hinterließ dort nach einiger Zeit Schmutzspuren.

Das Waschen war auch so eine eigene Prozedur in diesen Ferien.

Am Abend wurde ein großer Topf Wasser gewärmt. Tante Fini stellte uns Kinder in ein Holz-Schaffel und schrubbte uns mit einem riesigen Waschlappen und Kernseife ab.

Das gab ein Gezeter, denn wie alle Kinder hielten wir nichts vom Waschen.

Die Belohnung nach der Waschzeremonie blieb aber nicht aus, denn nunmehr sauber saßen wir bei Tisch und verzehrten Tante Finis Köstlichkeiten. Strom gab es in dem kleinen Häuschen nicht. Onkel Pepsch las uns beim Schein einer Petroleumlampe aus dem „Lederstrumpf“ oder aus seiner Sammlung von Gartenlaube Heften vor.

War das ein Vergnügen! Onkel Pepsch, der englischen Sprache nicht kundig, sprach die Abkürzung „Mr“ so aus wie sie geschrieben stand.

„Wer ist eigentlich der „mr“ und wieso kommt er so oft vor?“ wollte ich lästigerweise wissen.

„Des is a Herr! Des haaßt halt Herr – jetzt frag net so vül, sunst krieg i no a Puschkawüll zamm!“ Antwortete unwirsch Onkel Pepsch, der mühsam seine Brille auf und absetzte, um die richtige Zeile wiederzufinden.

Also schwieg ich in Zukunft lieber – war ja auch nicht so wichtig warum die Leute auf der „Teresa“ (Terrasse) saßen und ins Land blickten!

Das Ehepaar Kromi hatte einen alten Plattenspieler, den man aufziehen musste.

Heute ist so ein Gerät ein kleines Vermögen wert. Damals war es wirklich zum Plattenspielen da, denn wie gesagt, Strom gab es im Schrebergarten nicht.

Tante Fini und Onkel Pepsch besaßen zwei Platten. Die eine war eine Platte mit zackigen K- und K-Märschen; der Deutschmeistermarsch war das Lieblingsstück von Onkel Pepsch, der erinnerte ihn an seinen Militärdienst im Weltkrieg, von dem er eigentümlicherweise sehr gerne sprach.

Die andere Platte beinhaltete zwei Lieder: „Oh Dona Klara“ auf der einen Seite und „Auf der Großmutter ihr Kaffeehäferl“ auf der anderen. Das war das Lieblingsstück von Tante Fini und auch meines.

Das Ehepaar Kromi konnte sich meist nicht einigen, welche Platte gespielt werden sollte. Daher wuden wir Kinder befragt. Damit war aber der Streit nicht aus der Welt geschafft, denn mein Bruder wollte den „Deutschmeistermarsch“ hören und ich hielt zu Tante Fini und ihrem „Kaffeehäferl“.

Man einigte sich schließlich auf ein mehrmaliges Abspielen beider Platten und wir Kinder durften die Kurbel des Grammophons drehen. Mit großem Spaß drehten wir die Kurbel immer schneller, so dass nur noch ein nasales Gejaule zu hören war.

Wir Kinder zusammen mit Onkel Pepsch hielten uns dann den Bauch vor lachen und zu allem Überfluss imitierte Onkel Pepsch das Gequake, band sich ein Geschirrtuch um und machte mit gezierten, tollpatschigen Bewegungen einige Tanzschritte.

„Jetz is aber gnua!“ schrie schließlich zornig sein Weiberl und dann hörte der Spaß schnell auf, denn mit seinem Weiberl war nicht gut Kirschen essen, wenn es böse war, das wusste Onkel Pepsch und hielt sich daran.

Tante Fini hatte eine Nichte, die Evi. Evi war 2 Jahre älter als ich und wesentlich entwickelter. Ihre große Schwester hatte einen amerikanischen Besatzungssoldaten geheiratet und Evi besaß daher viele Dinge, von denen ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Einmal im Jahr kam ihre Schwester mit den Kindern von Amerika zu Besuch und kaufte für Eltern und Geschwister in den PX-Läden ein. Evi hatte wirklich Glück! Ich bewunderte und beneidete sie ausgiebig und sie ließ es huldvoll geschehen.

Sie erzählte mir wahre Wunderdinge von diesem Land das Amerika hieß und das weit weg, hinter einem großen

Meer lag. Wenn man zu uns nach Wien kommen wollte musste man dieses große Meer mit einem ebenso riesengroßen Schiff überqueren.

„Weißt du,“ berichtete Evi, „meine Schwester hat mir erzählt, dass in Amerika alles automatisch geht. Du drückst auf einen Knopf und es kommt das Bett herunter. Und erst in der Küche! Überall sind Knöpfe und wenn du die drückst dann geht alles von selbst. Sogar einen Frigidär haben die dort!“

Was das eigentlich ist, wollte ich wissen.“! Na so ein Kasten der innen voller Eis ist!“ Belehrte mich Evi.

„Da kann man ja immer Eis machen und kann Eis essen soviel man will!“ folgerte ich.

„Logisch!“ kam es von Evi.

Also das musste herrlich sein, Eis essen soviel man will und dazu noch jeden Tag!

Unvorstellbar! Phantastisch!

In dieses Land Amerika will ich auch mit dem Schiff hinüber fahren wenn ich einmal groß bin, dachte ich. Schon wegen des , wie hieß der Kasten? Schon wegen des Frigidärs!.

Als ich Evi genug über Amerika ausgequetscht hatte und ihr offenbar nichts mehr einfiel wurde mir das ewige Bewundern langweilig. Evi merkte, dass das Interesse an ihrer Person nachließ, zog sich beleidigt zurück und kam immer seltener.

Das war mir nur recht denn, abgesehen von ihren Amerikaerzählungen war mit Evi nicht viel anzufangen. Sie saß meist auf einer Decke im Grabeland in einem rosa-amerikanischen Kleid, dessen Rock sie malerisch vor sich ausgebreitet hatte, frisierte sich uns wollte eben ausgiebig bewundert werden.

Mir stand aber nach einiger Zeit wieder der Sinn nach Räuber-und Gendarm-Spielen und da hatte ich einen Freund gefunden, der so ganz nach meinem Geschmack war. Das war der Franzl und das kam so:

Ich lernte den Franzl bei der Milchfrau in der Krottenbachstraße, viz a viz vom Schrebergarten des Ehepaares Kromi kennen zu der ich, mit einer Blechkanne ausgerüstet, täglich um die Milch ging.

Eines Tages – ich begann mich gerade vorzuschwindeln – ich hatte schon wieder hundert verschiedene Einfälle, die ich, möglichst alle auf einmal in die Tat umsetzten wollte und daher keine Zeit. Da überrollte mich plötzlich von hinten ein Monstrum von einem Weib und vereitelte meine Absichten.

„I kriag zwa Liter Müch und drei Schuastalaberln!“ trompetete die Vierfachportion an Fleisch und Fett.

„Jetzt kum aber i dran!“ versuchte ein schmächtiger, blasser Bub mit ernsten blauen Augen zu protestieren.

„A da schau her!“ der klane Russ! Wia der si aufspült! Hat dir die Muata net beibracht dass ma sche ruhig sei muass?“ Sie stemmte ihre mächtigen fetten Arme in die Hüften und gab dem Buben einen Stoß mit ihrem mächtigen Untergestell.

„I habs a gsehn, der Bua war vor Ihnen!“ Mischte ich mich kampflustig ein, denn mir tat der Bub, der feuerrot geworden war und dem Tränen des Zornes und der Kränkung in den Augen standen, leid.

„Wos wü denn des Mensch do? Die is jo gornet von do!“ Wandte sich die Monströse entrüstet an die Milchfrau.

Diese musste auch bemerkt haben, dass der Bub im Recht war, sagte aber nichts. Wahrscheinlich wollte sie eine gute Kundschaft nicht verlieren und bediente schweigend die Dicke. Danach verließ das Elefantenweib schnaufend und keifend und mit ihrer ganzen Leibesfülle wackelnd das Geschäft.

„Na na Franzl!“ wandte sich die Milchfrau nunmehr an den Buben, „nimm net alles so tragisch! Es gibt halt solche und solche Leut““ Was kriagst denn Bua?“

Ich war die Nächste und beeilte mich, dem Franzl nach draußen zu folgen, denn ich wollte gerne ein paar Worte mit ihm wechseln.

„I wohn über die Ferien bei der Tante Fini und dem Onkel Pepsch, da in dem Schrebergoarten viz a viz. Mogst mi net am Nochmittog besuchen?“

„Na, i was net obs der Muatter recht wär!“

„No frogst sie holt!“ konterte ich.

„Sie kummt ja erst um sechse!“

„No donn konnst ja sowieso kumma“ bis sechse bist längst daham!“ versuchte ich Gewissenlose den vom schlechten Gewissen Geplagten zu verführen.

Nach einigem hin und her trug meine Überredungskunst den Sieg davon und Franzl versprach „auf a Stund“ am Nachmittag zu kommen.

Nachträglich holte ich die Erlaubnis zu Franzls Besuch bei der Tante Fini ein.

„Wieso is der Franzl a Russ?“ wollte ich natürlich wissen.

„Des verstehst du no net, Kind! Aber der Franzl is a liaber Bua! I kenn a sei Muatta, a brave Frau, orbeit beim Bensdorp in der Schicht. Der Franzl kann ruhig zum Spün kumma!“

Damit begann eine wunderschöne Ferienfreundschaft zwischen dem Franzl und mir. Wir steckten immer
zusammen, denn unsere Interessen und Neigungen waren dieselben.

Durch Franzl lernte ich die Welt des Karl May kennen, die mich fortan lange Jahre beschäftigen und faszinieren sollte.

Mit Begeisterung lasen wir die schon etwas zerfledderten drei bis vier grünen Bände durch, die Franzl noch von seinem Großvater besaß. Die fantasievollen Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand faszinierten uns genauso so wie sie Generationen vor uns fasziniert hatten.

Wir bettelten von Tante Fini eine alte Militärdecke und ein paar Hühnerfedern aus und verzogen uns damit ins Grabeland.

Mit einigen Ästen wurde aus der Decke ein Indianerzelt, ein alter Strohhut von Onkel Pepsch war die Kopfbedeckung Old Shatterhands. Die Hühnerfedern, die wir mit einem Strick um den Kopf banden zierten abwechselnd meinen und Franzels Kopf, je nachdem wer gerade Winnetou darstellte.

Manchmal gab es auch Meinungsverschiedenheiten, denn ich hatte so meine Lieblingsrollen, die ich immer wieder spielen wollte.

Um die Nebenrollen des Sam Hawkins oder der N Scho Tschi, die ja nicht sehr ergiebig waren, riss ich mich nicht. Außerdem schied N Scho Tschi ja bald durch gewaltsamen Tod aus. Franzl, der einen sehr gutmütigen Charakter hatte gab immer nach und übernahm auch die undankbaren Nebenrollen, die er allerdings bestens zu gestalten verstand. Er spielte zum Beispiel die sterbende N Scho Tschi so zu Herzen gehend, dass es einen Stein erweicht hätte. Old Shatterhand (alias mir) kamen jedes Mal Tränen der Rührung. Manchmal schluchzte ich vor Ergriffenheit auf und dann weinten wir beide weil es so schön traurig war.

Einmal gingen wir auch ins Kinderfreibad in den Hugo-Wolf Park. Da war aber leider die Bande der“ Krim-Kinder, allen voran der Lange Heini, der von seinen Kumpanen unterstützt auf den schmächtigen, kleinen Franzl losging.

Der Franzl war gut halb so groß wie der Heini: „geh ham, du Russ!“ schrie der Heini den Franzl an und gab ihm einen gewaltigen Rempler sodass der Franzl fast das Gleichgewicht verlor. Der Heini hatte aber nicht mit meiner blinden Wut und Empörung ob solcher Gemeinheit gerechnet. Mit Zähnen und Fingernägeln ging ich auf den Heini los und biss und kratzte den viel älter und größeren Lackl wo ich ihn erwischen konnte.

Der Heini, der von diesem Angriff völlig überrascht war, wich im ersten Augenblick perplex zurück. Als er aber sah, was für eine halbe Portion er vor sich hatte holte er im wahrsten Sinne des Wortes zum Gegenschlag aus.

Da kam mir der Badewärter zu Hilfe, der plötzlich dazwischen trat. „Schamst di net auf a Mensch herhaun? Schau, dass d“ weiter kummst!“

Grollend und maulend zog sich der Heini mit seinen Spießgesellen zurück.

Für diesmal hatten wir Glück gehabt, denn Heini hätte nicht gezögert uns windelweich zu verprügeln. „Du hast mich gerettet!“ Hauchte Franzl und von diesem Augenblick an verwandelte sich seine Zuneigung zu mir geradezu in Anbetung.Dieses Ereignis schweißte uns noch enger zusammen.

Wir wollten uns der Gefahr eines weiteren Angriffes nicht aussetzen und gingen fortan nicht mehr ins Freibad sondern spielten ausschließlich im Schrebergarten und im Grabeland. War uns heiß stiegen wir, einer nach dem anderen, in die hölzerne Regentonne dass das Wasser nur so überschwappte und ließen uns danach von der Sonne trocknen.

Um 30 Groschen bekam man ein Packerl Brausepulver, das wir, um zu sparen in die Hälfte teilten. In Franzls Haus,wo er mit seiner Mutter eine Zimmer-Küche Wohnung bewohnte war das Wasser herrlich kalt. Kein Vergleich mit dem Wasser im Schrebergarten, das von sonnen warmen Leitungsrohren aufgeheizt wurde.

Wenn wir also durstig waren pilgerten wir barfuß, jeder mit einem Krügelglas bewaffnet, indem sich bereits das rote Himbeerbrausepulver befand zur „Bassena“.

Allerdings führten wir einen Guerillakrieg mit der Hausmeisterin. Von den Schmutzspuren, die unsere Füße in den Lacken rund um die Bassena hinterließen war sie nicht erbaut. Einer musste immer beim Aufgang Schmiere stehen und der andere füllte beide Krügel -Gläser. Manchmal bemerkte uns die Hausmeisterin aber doch und lief fluchend und schreiend hinter uns her. Aber erwischt hat sie uns nie!

Das köstliche Nass, das so herrlich schäumte mussten wir rasch austrinken, denn nur kurze Zeit brauste es und kitzelte angenehm unsere Kehlen. Wenn man es länger stehen ließ blieb nur eine rote Flüssigkeit über, die schal und künstlich schmeckte.

Leider gingen diese herrlichen Ferien im Schrebergarten des Ehepaares Kromi zu Ende. Franzl und ich mussten Abschied nehmen, der sehr tränenreich ausfiel.

Unter krampfhaften Schluchzen überreichte mir Franzl drei blaue, schon etwas aufgeweichte Ein-Schilling-Bensdorp-Schokoladen. Meine Lieblingssorte, von der ich nicht genug bekommen konnte.

„Heb die Schleifen auf! Für dreißig kriagst a Schokolad umsonst!“ Brachte Franzl kaum heraus. „Und gö, du kummst mi besuchen und wenn ma groß san donn heirat ma uns!“

Auch ich heulte wie ein Schlosshund und gelobte ewige Freundschaft und Treue.

Gesehen hab ich den Franzl freilich nie mehr wieder, denn ich kam ins Internat. Mama konnte es nicht mehr verantworten, uns nach der Schule und teilweise auch des nachts allein zu lassen.

Vielleicht ist aus dem Franzl ein Schriftsteller geworden, der wunderschöne Geschichten und Romane schreibt, wer weiß!

Die Schreber-Gärten in der Krottenbachstraße mussten Komunal-Bauten weichen. Die Marillen und Zwetschkenbäume wurden gefällt, das Ehepaar Kromi ist schon lange tot. Geblieben ist mir die Erinnerung an einen schönen Kindersommer in der Krottenbachstraße.