Jugend in den Sechzigern



Die Kleidung und das Aussehen werden sehr wichtig, erste kleine Geheimnisse


„Was blickst du mich so kritisch an, meine Alte?“ fragt Helli. Sie sitzt mir gegenüber. Unser monatliches Treffen im alten Schul-Cafe, das sich seit unserer Schulzeit kaum verändert hat, findet wieder einmal statt.

„Hast wieder zugenommen seit dem letzten Mal!“ bemerke ich.

„Und du bist seit dem letzten Mal wieder dürrer geworden! Wenn das so weiter geht wirst im Völkerkundemuseum als Schrumpfkopf-Indianer landen!“

Bei jedem Treffen überschütten wir uns mit solchen Freundlichkeiten. Wir wissen aber beide genau, dass das nur Schuljargon ist, ganz ohne Gehässigkeit. Wir sagen einander unverblümt die Meinung und akzeptieren sie auch, denn wir sind Freundinnen, wirkliche Freundinnen, schon seit unserer Schulzeit.

„Kannst dich noch erinnern? Ich glaub an dem Tisch sind wir schon in der „Sechsten“ gesessen. Da war auch noch die Marion dabei. Hast von ihr irgendetwas gehört, frage ich.

„Sie lebt jetzt in der Schweiz und arbeitet im Geschäft ihres Mannes mit. Vor einem Jahr habe ich eine Karte aus St. Gallen bekommen.“

Ich erinnere mich. Mittwoch und Freitag hatten wir nachmittags Französisch und Turnen. Alle drei wohnten wir so weit von der Schule entfernt, dass wir nicht nach Hause fahren konnten.

Wir hatten nicht viel Geld zur Verfügung. Manchmal gingen wir in die WÖK essen, manchmal aber verbrachten wir die Mittagszeit im Café. Viel konnten wir uns da aber nicht leisten. Ein Kaffee und eine Buttersemmel waren alles, was unsere Börse hergab. Außerdem tranken wir jede Menge Wasser, denn das kostete nichts. Das Kommen und Gehen der Gäste war äußerst interessant, lieferte ausgiebig Gesprächsstoff und entschädigte uns für die kärgliche Mahlzeit und den damit verbundenen knurrenden Magen.

Eine Gruppe sehr auffallend gekleideter junger Leute betritt das Lokal. Die Mädchen mit viel Farbe im Gesicht, mit verschieden farbig gefärbten Haar. Die Burschen mit „Flinserln“ im Ohr und mit ebenfalls gefärbtem Haar, in diesem Fall aber einheitlich blond und unregelmäßig geschnitten. Die jungen Leute blättern, jeder für sich, in Zeitungen und interessieren sich weder für ihre Gefährten noch für ihre Umgebung.

„Das hats` halt bei uns net gegeben!“ Missbilligend blickt Helli in die Richtung der Gruppe. „In so einem Aufzug!“

„Na und die Halbstarken, waren die nix?“, antworte ich.

Ich erinnere mich an die pomadisierten, sich ewig frisierenden Jünglinge mit den sorgfältig gezüchteten „Packeln“. Im Sommerbad hatte jeder seinen Kamm in der Badehose stecken, um ja immer gut frisiert zu sein.

„Aber sich unbedingt so unvorteilhaft sich zu geben! Total konträr zu allen ästhetischen Normen?“ kritisiere jetzt ich.

„Na und die Lederjacken und Petticoats? Waren die nix?“ ätzt Helli.

Ja die Petticoats! Wie glühend habe ich mir so einen steifen Nylon Unterrock mit vielen, vielen Gitterrüschen gewünscht.

Helli erinnert sich auch:

„Die Vogl und die Kozak, die hatten soetwas. Die waren überhaupt immer „up to date“ angezogen. Ihre Eltern waren damals schon „gstopft“, was eine Seltenheit war. Aber Ausnahmen hats immer gegeben.

Ich dagegen habe mir in den alten Unterrock meiner Großmutter jede Menge Fischbein eingenäht. Mit dem Effekt, dass der Oberrock nicht, wie beabsichtigt duftig weg stand, sondern sich, wie bei einer Krinoline, schlaff von Fischbeinring zu Fischbeinring wälzte.

Die erste Straßenbahnfahrt war eine Katastrophe. Im Gedränge der vollen Straßenbahn wurde natürlich die Krinoline samt Rock ständig hochgehoben. Ich glaube an diesem Tag habe ich unfreiwillig für Heiterkeit in der Tramway gesorgt. Rot vor Verlegenheit musste ich aussteigen und in einem Haustor den Unterrock ausziehen. Ich habe dann die Fischbeinringe kleiner machen müssen und habe den Unterrock erst in der Schule am Klo angezogen.“

„Mir ist es ja auch nicht besser ergangen mit dem verdammten Ding!“ antworte ich.

„Ich habe es mit Mehlstärke versucht. Jeden Tag musste der Unterrock in Mehl-Papp getaucht werden, denn mehr als einen Tag hat die Stärke nicht angehalten. Kannst dir vorstellen wie zeitraubend die Prozedur war.

Einmal habe ich vergessen den Mehl-Papp abzudrehen. Alles Wasser ist verdunstet und Mamas großer Topf war nicht mehr zu brauchen. Am Topf Boden nämlich klebte eine Finger dicke Kleister Masse, die nicht weg zu kriegen war. Mama war wütend und von nun an war es aus mit der Mehlpappkocherei.“

Wie jede Frau liebe ich modische Kleidung. Das Glücksgefühl das ich damals empfand als ich mir endlich von meinem Ersparten den ersten richtigen Petty-coat kaufen konnte, habe ich jedoch später, als ich mir das eine oder andere teure Stück leistete nicht mehr gehabt.

„Kannst dich an die Horak erinnern? Immer hat sie die engsten Pullis getragen damit ihr Busen zur Geltung kommt. Der blanke Neid hat mich damals gefressen.

Ich hab irgendwo einen BH geschnorrt und ihn mit Watte ausgestopft. Einmal hab ich vergessen, dass wir Turnen hatten und da ist dann die Wahrheit an den Tag gekommen. Furchtbar blamabel für mich! Die Horak, die Vogl und die Kozak und die ganze übrige Clique haben sich krank gelacht.“

Ich erinnere mich an Helli, den Unglücksraben und wir müssen beide herzhaft lachen.

„Und die Filmschauspieler! Wie Götter haben wir sie verehrt. Den Kirk Douglas, Tony Curtis, Frank Sinatra usw. aber auch den Walter Reyer vom Burgtheater. So oft ich konnte bin ich ins Burgtheater auf Stehplatz gegangen nur um meinen Schwarm als Faust oder in einer anderen klassischen Rolle zu bewundern. Na ja, sind heute nicht mehr auf der Welt!“

Wehmütig erinnere ich mich.

„Und die Schlagersänger!“ setzt Helli fort „Ob es nun der Vico Torriani, der Peter Kraus oder der Elvis war. Wenn ein neuer Film herausgekommen ist sind wir schon ins Kino gerannt. Zwei bis dreimal habe ich die Filme mit Peter Kraus und Conny gesehen. Vierzehn Tage nach so einem Film waren alle wie die Conny frisiert, zogen sich an wie die Conny, sprachen wie die Conny.“

Mein besonderer Schwarm und Vorbild war Brigitte Bardot. Ihre Filme waren ja „Jugendverbot“, aber ich habe alle möglichen Bilder aus Zeitungen und Illustrierten ausgeschnitten und in Hefte geklebt.

Ich habe die Fransen so geschnitten wie sie sie trug und den Ross-Schwanz habe ich so aufgebunden wie sie. Stundenlang habe ich vor dem Spiegel Schmoll Mündchen geübt. Es gelang aber nicht und ich habe mich sehr gekränkt, dass ich kein bardotsches Schmoll Mündchen besaß und mit dem Schicksal gehadert, vom Busen ganz abgesehen!

„Na und das Jugend Verbot! Wie oft haben wir uns hineingeschmuggelt du, die Marion und ich.“

Damals waren fast alle Filme und wenn sie noch so dämlich waren nicht jugendfrei. Verbiesterte und frustrierte Geister waren am Werk.

„Die Marion, die sehr gut schminken konnte hat uns, eine nach der anderen, geschminkt und frisiert, so auf verrucht. Der Billeteur hat uns aber, trotz der Schminke nicht hereingelassen. Der Schmäh mit dem vergessenen Ausweis hat nicht gezogen. Die Marion ist dann nimmer mit uns gegangen sondern hat sich sozusagen „selbständig“ gemacht. Kannst dich erinnern? Uns zwei habens` wieder einmal beim Eingang ab `gfangt, da ist die Marion mit einem jungen Mann herein gerauscht und hat uns geflissentlich übersehen. Waren wir damals wütend! Ewige Rache haben wir ihr geschworen.

Am nächsten Tag ist sie voll roter Flecke in die Schule gekommen, lauter Knutschflecke! Schadenfreude ist doch die schönste Freude!“

Wir lachen beide laut auf. Sogar die „Alternativen“ blicken erstaunt zu den „alten Schachteln“.

Überhaupt das Lachen! Über jeden Blödsinn konnten wir uns totlachen. An die Lachkrämpfe von damals denke ich noch mit Wonne zurück. Die heitere Erschöpfung danach war ein sehr angenehmen Gefühl.

„Lass sie nur lachen!“ hatte Papa zu Mama gesagt, wenn diese wieder einmal über die „Lachtaube“ den Kopf schüttelte.

„Das Lachen wird ihr leider schon noch vergehen!“

Er hatte recht behalten.

Langsam tauchen wir „Nostalginen“ wieder in die Gegenwart auf.

„Du, ich muss jetzt gehen! War schön sich wieder einmal zu erinnern. Also bis zum nächsten Mal!“

Und schon ist Helli weg.



Liebesgschichten aber noch lange keine Heiratssachen. Die Matura rückt drohend immer näher und wird mehr oder weniger gut bewältigt


Wieder sitzen wir in unserem alten Schul-Cafe. Helli musste sich inzwischen leider einer Unterleibs Operation unterziehen. Total abgemagert ist sie. Weg sind die Fett Pölsterchen ganz ohne Diät.

„Na, so war das auch nicht gemeint beim letzten Mal, Helli! Soviel hättest wieder nicht abnehmen müssen!“

Ich versuche meine Besorgnis hinter der üblichen Freundinnen Lässigkeit zu verbergen. Auch psychisch scheint die sonst immer heitere Helli einen Knacks abbekommen zu haben. So eine Operation und noch dazu im kritischen Alter ist eben keine Kleinigkeit! Die seelischen Auswirkungen sind oft schlimmer als die körperlichen. Diszipliniert ist Helli aber, das hat unsere Generation schon von klein auf lernen müssen. Es gab für uns keine Psychologen oder Psychotherapeuten, Therapien, Behandlungen wie die bei allen möglichen Problemen, Schulproblemen aber auch späteren Depressionen zu Recht angeboten werden. Es war einfach keine Zeit auf die Seele zu achten. Man hatte alle Hände mit dem Aufbau und der beginnenden positiven Wirtschaftsentwicklung zu tun. Da musste man mit seiner

Psyche selbst zu Rande kommen. Ob es für uns gut war? Ich weiß es nicht. Aber so schnell wirft die Helli nicht das Handtuch, das weiß ich und was ich dazu tun kann wird geschehen

„Ich sag es dir, den Leuten kann man nichts recht machen! Als ich mollig war haben der Friedl aber auch die lieben Kolleginnen mehr oder minder direkte Anspielungen auf meine Figur gemacht. Jetzt wo ich abgenommen habe, ganz ohne mein Dazutun ist es auch wieder nicht recht. Der Friedl jammert um jedes Kilo und auch im Büro meinens`, dass ich früher besser ausgesehen habe. Es bleibt mir also nichts anderes übrig als mir die Kilo wieder hinauf zu fressen. Aber dann möchte ich endlich meine Ruhe haben!“

Und schon beginnt Helli mit der angekündigten Fress- Kur, denn sie bestellt sich eine Creme Schnitte.

„Weißt, schön wäre jetzt so ein Urlaub auf einer Insel in der Karibik. Nichts als Sonne, Palmen und Strand. Im Liegestuhl liegen mit einem Cocktail Tropical in der Hand dem Spiel der Wellen zusehend, vielleicht noch etwas Salsa Rhythmus im Hintergrund. Das wird aber nicht gespielt. Der jährliche Urlaub in der Ferienwohnung im Waldviertel wird es auch tun. Ab und zu werde ich mit dem Friedl fischen gehen, da kann man herrlich entspannen. Wenn es mir aber doch zu fad wird beim Fischen gehe ich zur Nachbarin und hör mir den neuesten Dorfklatsch an.“

„Wichtig ist, dass du jetzt ein bisschen abschalten kannst. Dazu brauchst du keine Insel in der Karibik. Was machst denn dort! Bananen zählen? Außerdem ist es da viel zu heiß! Das Waldviertel ist besser, glaube mir!“

Ich versuche alles um das Bittere, das sich bei Helli eingeschlichen hat, wieder wegzubringen.

„Hast ja recht. Es ist schon gut so wie es ist! Alles andere sind „Teenager Träume“, kannst dich an den Schlager erinnern? Wenn ich das Lied gelegentlich höre denke ich an meine erste Liebe, den Hans Heinrich aus der 8A. Wir Mädchen mussten anlässlich des Burgtheatergastspiels in die Bubenschule gehen, die sich in der oberen Albertgasse befindet. Zu unserer Zeit gab es noch keine gemischten Klassen. Wir waren streng getrennt nach Mädchenschulen und Knabenschulen. Daher war das ein besonderes Ereignis. Tagelang haben wir überlegt was wir anziehen werden. Ein Anblick! Lauter aufgemascherlte, kichernde Teenager, die nur mühsam von den Professorinnen im Zaum gehalten werden konnten.

Minna von Barnhelm wurde gespielt. Der Auer hat den Tellheim gegeben. Zwei Reihen vor uns hat der Bubentrakt begonnen und der Hans Heinrich war der zweite von links. Es war Liebe auf den ersten Blick! Ich habe ihn pausenlos angestarrt bis er es dann schließlich gemerkt hat. Ich habe damals gerade „Quo vadis“ gelesen und daher für römische Klassik geschwärmt.

Also, der Hans Heinrich mit seinem „herrlichen klassischen Profil“, so empfand ich es damals und den dunklen Locken war für mich der Inbegriff des jugendlichen römischen Helden, nur der Lorbeerkranz und die Toga haben noch gefehlt.

Von der Aufführung habe ich nicht viel mitgekriegt. In der Pause haben wir uns weiterhin angestarrt wie verrückt.“

„Ja ich erinnere mich, mit dir war nichts anzufangen! Du hast nur auf den Typen geschaut und er hat dich angestarrt. Wir anderen Mädchen haben sofort gewusst was los war mit euch. Sehr diskret waren wir damals nicht, ziemlich laut haben wir über euch getuschelt. Ihr habt nichts bemerkt , so abwesend wart ihr!“

„Mut hat der Hans Heinrich aber schon gehabt, denn am Ende der Vorstellung hat er es so eingerichtet, dass er neben mir gestanden ist. Er hat mich gefragt wie mir das Stück gefallen hat. Ich bin rot geworden und hab kein Wort herausgebracht. Er hat aber sofort die Situation erfasst und etwas von guter Inszenierung und moderner Auffassung gesagt. Ich hab nur verlegen dazu genickt. Dann hat er mich gefragt ob er mich zur Straßenbahn begleiten darf. Da hab ich auch nur genickt.

Wie im Traum bin ich neben ihm hergegangen. Beim Einsteigen hat er mir noch etwas von „morgen nach der Schule um zwei“ nachgerufen. Auch dazu hab ich genickt. Erst in der Straßenbahn, als der Schaffner mich zum dritten Mal nach meinem Schülerausweis gefragt hat bin ich aufgewacht. „A bissl verträumt, das Fräulein!“ Brummig ist der Schaffner weiter gegangen.

Auch den nächsten Tag, als mich der Hans Heinrich abgeholt hat hab ich auf Wolken erlebt. Ich weiß nur, dass er krampfhaft nach Gesprächsstoff gesucht hat. Es ist uns aber beiden nichts eingefallen und so haben wir uns nur angeblickt. Plötzlich hat der Hans Heinrich meine Hand genommen. Auf der Alserstraße hätte uns fast ein Auto überfahren so versunken waren wir ineinander.

Die nächsten Tage habe ich wie im Traum verbracht. Bei der Hartmann, meiner Lieblingsprofessorin hab ich bei der mündlichen Prüfung in Geschichte einen „Pintsch“ gefangen. Die Hartmann hat nur den Kopf geschüttelt. Sie war so etwas von mir nicht gewöhnt, denn Geschichte war mein Lieblingsfach. „Sie ist halt verliebt!“ hat die Marion heraus geplärrt und ich bin schon wieder rot geworden. Die Hartmann hat die Marion aber nur scharf angeschaut. „Dann muss das bei dir ein Dauerzustand sein, denn du glänzt ja immer durch Ignoranz!“ hat die Hartmann in ihrer pathetischen Art entgegnet und alle haben gelacht.

In der nächsten Zeit haben wir uns so oft wie möglich getroffen, der Hans Heinrich und ich. Wir sind in die „WÖK“ essen gegangen und danach „lustwandelten“ wir im Rathauspark bis wir schließlich eine geeignete Bank gefunden hatten.

Es war März, ein sehr milder März. Die Magnolien Bäume und die Forsitia-Sträucher standen in voller Blüte. Für uns war es wie im Paradies. Wir haben nichts und niemanden bemerkt, außer uns.

Im Rathauspark hat mich der Hans Heinrich auch zum ersten Mal geküsst!

Einmal hat mich die Maretschek, unsere Französisch Professorin erwischt wie ich Hand in Hand mit dem Hans Heinrich gegangen bin. Am nächsten Tag hat sie mich bei den unregelmäßigen Verben dran genommen und mein „Pintsch“ war mir sicher.

Durch den Hans Heinrich habe ich mich plötzlich für Latein begeistert. Insofern war meine Vorstellung eines römischen Jünglings ein Schuss ins Schwarze, denn der Hans Heinrich war phänomenal gut in Latein und Griechisch. Er deklamierte ganze Absätze der Klassiker und übersetzte diese in null-komma-nichts. Er begann mit mir Latein zu lernen und plötzlich begriff ich die Schönheit und Logik dieser Sprache. Der Schilcher unser einziger gutaussehender und daher angebeteter Professor staunte nicht wenig über meine plötzlichen Fortschritte.

Auch meine Mathematiknoten wurden besser, denn Hans Heinrich gab mir Nachhilfeunterricht und da bekanntlich die Liebe alles möglich macht, begriff ich, wenigstens zum Teil, den gerade aktuellen Mathematikstoff.

Umso schmerzlicher ist dann das Erwachen gewesen!

Die letzten Tage davor war der Hans Heinrich nicht so heiter und sicher wie sonst. Er wirkte eher verkrampft
und nervös, sehr ungewohnt für mich. Es war an einem Sonntag: Wir haben uns in der Nachmittagsvorstellung

einen klassischen Wild-Westfilm angesehen. Mir ist aufgefallen, dass der Hans Heinrich, der bei den komischen Stellen sonst immer schallend gelacht hat, diesmal nur vor sich hingestarrt hat. Als ich ihn fragend angesehen hab hat er mich seinerseits eigenartig angeschaut und nervös meine Hand gestreichelt.

Nach dem Kino hab ich ihn gefragt was eigentlich los sei. „Nichts, nichts!“ hat er ausweichend geantwortet. Als ich aber keine Ruhe gegeben habe ist es dann herausgekommen:

„Also gut!“ hat er gesagt, und seine Entschlossenheit war plötzlich wieder da. Er hat mich heftig umarmt, so fest, dass es weh getan hat. Dann hat er mich plötzlich los gelassen.

„Es muss ja einmal sein! Es fällt mir furchtbar schwer, denn ich hab dich sehr, sehr lieb aber ich muss dich einem höheren Ziel opfern!“

Sonst habe ich seine hochtrabenden Floskeln immer ein bisschen komisch gefunden. Jetzt aber lachte ich nicht, denn ich sah wie bitter ernst es ihm war.

„Schau, ich will Priester und dann Arzt werden. Ich möchte so bald als möglich in eine Mission und zur Entwicklungshilfe nach Afrika. Schon mit 12 Jahren habe ich die Berufung gespürt. Also bitte, bitte verstehe! Ich weiß, ich hätte es dir schon viel früher sagen sollen, aber es war so schön, so schön mit dir und ich konnte einfach nicht. Seit einiger Zeit aber habe ich Gewissensbisse und ich bin froh, dass es endlich heraus ist! Aber nicht wahr, wir können doch Freunde bleiben! Dagegen ist doch nichts einzuwenden?“

Mir ist plötzlich heiß und kalt geworden. Ich glaube ich muss weiß gewesen sein wie die Wand. Dann aber ist mir alles Blut zu Kopf gestiegen und ich habe ihn zornig angeschrien: „Was redest du da von „Freunde bleiben!“ Es ist alles aus und ich will dich nie, nie mehr wiedersehen!“

Tränen des Zornes und des Schmerzes sind in meinen Augen gestanden. Schluchzend bin ich weggerannt. Der Hans Heinrich ist fassungslos stehengeblieben und hat mir mit hängenden Armen nachgeschaut.

Wie ich nach Hause gekommen bin weiß ich nicht mehr. Scheinbar bin ich automatisch in die richtige Straßenbahn eingestiegen, denn ich kann mich an nichts mehr erinnern. Ich muss aber einen sehr verstörten Eindruck gemacht haben, denn nach einigen Minuten ist Mama in mein Kabinett gekommen. Dort hat sie mich schluchzend und völlig aufgelöst auf dem Bett liegend vorgefunden.

Stockend, von Weinkrämpfen unterbrochen, berichtete ich ihr alles. Sie nahm meinen Kopf mit den zerzausten Haaren und streichelte über die verquollenen Wangen.

„Na, na Kind! Schlaf erst einmal! Morgen sieht die Welt schon wieder besser aus. Ich geh jetzt und koch dir einen Kamillen-Tee.“

Der Kamillen-Tee war das Allheilmittel, das Mama immer zur Stelle hatte. Er tat mir auch wirklich gut, der Kamillen Tee, denn ich schlief ein, nur ab und zu einen Seufzer ausstoßend.

Die nächsten Tage waren grauenvoll. Es hat irgend eine Schularbeit gegeben, die ich total verhaute.

Eine Woche später hat mir ein Nachhilfeschüler von Hans Heinrich ein Kuvert überreicht. Der Hans Heinrich schrieb, wie leid es ihm täte, mich so verletzt zu haben und dass er selbst total fertig sei. Sein Entschluss stehe aber fest und vielleicht sei es wirklich besser, sich nicht mehr zu sehen. „Ich werde dich nie vergessen und für dich beten!“ hat er am Ende des Briefes, groß und unterstrichen, geschrieben.

Das war natürlich Salz in die Wunde. Der Schmerz schien kein Ende zu nehmen. Schließlich aber verdanke ich dir und der Marion, dass ich doch wieder auf andere Gedanken gekommen bin. Ihr habt mich ja pausenlos auf irgendwelche Coca-Cola-Parties geschleppt!“

„Ja, ich kann mich noch genau erinnern. Vor allem der Marion verdankst du die allmähliche Genesung von deinem Liebeskummer. Die hat alle erdenklichen Parties ausfindig gemacht und ihre Freunde eingesetzt. Wir haben es mit dir schon aufgeben wollen. Völlig apathisch

bist du bei deinem Coca-Cola gesessen. Aber dann nach der 5. oder 6. Party bist du plötzlich wieder aufgewacht, hast dich mit irgendeinem Jüngling auf die Tanzfläche geschwungen und hast einen perfekten „Rock“ hingelegt.

Von da an ist es mit dir bergauf gegangen. Kannst der Marion heute noch dankbar sein!

A furchtbar sentimentale Geschichte und so schön traurig! Sag, hast eigentlich noch einmal irgendetwas gehört von deinem Hans Heinrich?“ frage ich.

„Ja, vor ca 5 Jahren war es. Ich glaube die Barbara ist in die Fünfte gegangen. Es war Elternsprechtag und ich stelle mich eben brav in die Reihe um mit der Mathematikprofessorin zu reden, da sehe ich plötzlich den Hans Heinrich über den Gang kommen. Etwas untersetzt, das römische Profil bereits von einem Doppelkinn verwischt. Auch die ehemaligen Jünglings Locken leicht ergraut und schütter, aber doch, unverkennbar der Hans Heinrich, meine erste Liebe!

Ich hab dann vorsichtshalber die Barbara, die sich für mich in die Parallelreihe angestellt hat gefragt.

„Das ist der Dr. Stöger, der lehrt Latein und Mathematik. Ich hab ihn aber nicht, Gott sei Dank! Er soll ein furchtbarer Pauker sein!“ antwortete mir meine Tochter.

Ich habe dann noch erfahren, dass er verheiratet ist und drei fast erwachsene Kinder hat. Also, sein Ziel Missionar zu werden hat der Hans Heinrich nicht erreicht. Haben Ihm scheinbar die „fleischlichen Gelüste“ einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Was weiß man! Wer von uns hat schon das erreicht, was er wollte aber, wer weiß wozu das gut ist. Siehst du ich werde schon alt! Ich fange an, Sprüchlein herzusagen. Die weise „Seherin-Mutter“ nennen mich die Kinder.

Aber, jetzt kommst du dran zum Erzählern!“

„Bei mir spielte sich die sogenannte „erste Liebe“ weit weniger romantisch ab als bei dir. Das lag aber nicht zuletzt auch an mir. Ich war in dieser Beziehung scheinbar ein wenig zurück, denn mich haben die Burschen im Grunde überhaupt nicht interessiert.

Am liebsten habe ich mich irgendwo verkrochen und habe gelesen was mir untergekommen ist. Alles habe ich in mich hinein gesogen. Abenteuerromane, Belletristik, Historische Romane, Kunstbücher und Zeitungen. Aber auch ausgefallene Sachen wie medizinische Lehrbücher oder Bücher über Geologie. Euer ständiges Getuschel und die Heimlichtuerei ist mir auf die Nerven gegangen.

Nach der Schule hat mich einmal die Vogl so aus heiterem Himmel und coram publico gefragt ob ich einen Freund habe. Wahrheitsgemäß habe ich geantwortet, dass ich für so was keine Zeit hätte.

„Na bitte!“ hat die Vogl verkündet. „Ich habe es euch ja gleich gesagt! Die Fritsch interessiert sich nicht für Burschen. Sie ist noch ein Kind, abgesehen von dem bissl Busen! Ich wette die Regel hat sie auch noch nicht!“

„Ihr seid mir ja alle viel zu blöd mit euren Bubengeschichten!“ habe ich erbost geantwortet und bin weggegangen.

Die Vogel hatte ins Schwarze getroffen. Tatsächlich, die Regel hatte ich zu dieser Zeit noch nicht. Ist aber ohnehin dann bald gekommen und hat mich nicht sonderlich beeindruckt.

An einem heißen Sonntag im Kongress Bad, ich hatte mich gerade wieder in ein Buch vertieft, alles um mich vergessend, da merkte ich plötzlich, dass die Sonne nicht mehr auf meinen Rücken schien. Jemand machte mir angenehmen Schatten.

„Was liest denn da?“

„In 80 Tagen um die Welt von Jules Vernes“,“ antwortete ich automatisch und jetzt erst schaute ich auf. Ein mit Pickeln bedecktes Jünglings Gesicht mit freundlichen blauen Augen blickte auf mich herab.

„Interessant?“
Ja, sehr!“

„Du, magst net mit mir und meinen Freunden auf ein Eis mitkommen?“

Ich blickte mich um und da entdeckte ich in einiger Entfernung zwei Burschen die herüber grinsten. Der, der neben mir stand und soeben sein“Packl“ Marke Elvis mit einem Kamm bearbeitete war scheinbar der „Aufreißer vom Dienst“.

Eigentlich wollte ich weiter lesen, jetzt wo es gerade spannend wurde aber ein Eis war auch nicht zu verachten, besonders wenn man eingeladen wurde!

Es entwickelte sich ein recht lustiger und angenehmer Sonntagnachmittag. Ich erfuhr, dass Helmut, so hieß der Bursche der mich angesprochen hatte, Mechanikerlehrling war.

Seine Freunde ebenfalls. Sie überboten sich alle drei mit Aufmerksamkeiten, denn jeder wollte mir imponieren. Ich habe die Situation sehr genossen, vor allem wegen des vielen Eis- und Kracherl Konsums.

Für den nächsten Sonntag haben wir uns wieder verabredet.

Dann ist aber nur der Helmut gekommen. Sichtlich enttäuscht starrte er auf meinen etwa zehnjährigen Bruder Hansi, den mit Mama angehängt hatte. Zum Glück ist Hansi dauernd ins Wasser gegangen und wenn er raus gekommen ist hat Helmut ihn um Eis oder Manner-Schnitten geschickt.

Just wenn der Helmut seinen Arm um mich gelegt hat ist der Hansi schon wieder daher gehopst uns aus war es mit der Zweisamkeit.

Der Nachmittag ist dem Helmut sehr teuer gekommen und hat ihm nichts gebracht.
„kommst nächsten Sonntag wieder, aber allein!“ hat mir der Helmut beim Abschied zugeflüstert.

„Das hängt von meiner Mutter ab!“, antwortete ich schnippisch.

Nächsten Sonntag musste ich Hansi wieder mitnehmen, als Anstands Wauwau. Irgend etwas hat er scheinbar mitbekommen und der Mama getratscht weil sie gar so darauf bestand.

Der Helmut hat zuerst ein langes Gesicht gemacht, hat sich aber dann abgefunden und den Hansi wieder pausenlos um Eis geschickt. Der Hansi ist aber immer wie der Blitz zurückgekommen und so war es nichts mit dem Schmusen.

„Nächsten Sonntag gehen wir ins Kino, aber ohne Hansi!“ Sagte Helmut. Er schob meine Sprödigkeit auf die Anwesenheit des Tugendwächters.

„Vielleicht, wir werden sehen!“ antwortete ich lakonisch.

Nächsten Sonntag kam ich zum Treff tatsächlich ohne meinen Bruder. Dem war es mit uns scheinbar schon zu fad geworden,. Außerdem hatte er sich vom vielen Eisessen den Magen verdorben und konnte kein Eis mehr sehen.

Es war ein trüber, kühler Tag, wie geschaffen fürs Kino.

Helmut wollte einen Western sehen aber ich habe auf die „Wickinger“ bestanden, denn der Kirk Douglas, mein Schwarm spielte da mit.

Den Helmut hat der Film überhaupt nicht interessiert, was mir ziemlich wurscht gewesen wäre, hätte er mich nicht mit seinen Annäherungsversuchen gestört. Nur mit Mühe konnte ich seinen Küssen ausweichen.

Schließlich wurde es ihm aber zu dumm. Energisch zog er meinen Kopf zu sich und versuchte mir einen Zungen Kuss zu verabreichen. Das war mir zu viel! Ich gab dem Helmut eine Ohrfeige und rückte ein paar Sitze weiter, wobei ich natürlich die neben mir sitzenden störte.

„Wird da jetzt endlich a Ruh sein? Diese heutige Jugend! Zu meiner Zeit hätte es sowas nicht gegeben!“ Ließ sich stimmgewaltig eine Dame vernehmen.

„Ruhe!“ donnerte eine männliche Kommandostimme von hinten. Der Billeteur kam angerannt und setzte uns zwei an die Luft, gerade wo es am spannendsten war. Ich habe mich furchtbar geärgert!

„Weißt was? Du bist mir zu blöd, du Gans du!“ schrie der Helmut mir wütend ins Gesicht und entschwand auf Nimmerwiedersehen.

Eben hatte ich mich an die Annehmlichkeiten, die Helmut mir bot gewöhnt. Nichts ist mehr mit Eisessen und Kinogehen, schade! Dachte ich.

Andererseits war Helmut mir mit seinen dauernden Attacken auf die Nerven gegangen. Jetzt hatte ich wieder meine Ruhe und konnte mir die Freizeit einteilen wie ich wollte. Das hieß vor allem: nach Herzenslust lesen.

Einmal mehr konnte ich nicht verstehen was die Vogl und die Kozak und die übrige Clique an dem Herum Schmusen fanden. Wenn das alles ist dann ist mir das Lesen lieben, dachte ich.

Wie gesagt, ich war ein Spätentwickler, habe aber alles später umso gründlicher nachgeholt. Dann entdeckte auch ich wie schön die Liebe ist und wie viel Vergnügen sie bereiten kann. Natürlich sind mir, wie jedem und jeder anderen auch die Leiden nicht erspart geblieben. Aber das gehört halt dazu, wie die kalte Dusche nach der Sauna!“

„Ein sehr treffender Vergleich und typisch für dich. Immer Körper bezogen! Außer dem Ende vor dem Kino haben unsere ersten Liebeserfahrungen nichts Gemeinsames!“ amüsiert sich Helli.

„In der nächsten Zeit war es dann sowieso aus mit „Liebesgeschichten“, denn wir hatten genug zu tun mit der bevorstehenden Matura. Da ist auch der letzte Kummer um den Hans Heinrich flöten gegangen, denn wie du weißt war ich mit der Mathematik und der Darstellenden ewig auf Kriegsfuß. Ich habe sie nicht und nicht kapiert, die Mathematik, so sehr ich mich auch angestrengt habe, Da hieß es eben schematisch einlernen, wo es nur ging. Du und die Marion, ihr habt euch wirklich redlich bemüht und mit mir

gelernt. „Hast es endlich kapiert?“ Habt ihr mich immer wieder gefragt. Kapiert aber habe ich nichts!

Bei der Matura kam es dann auch zur Katastrophe! Die ersten zwei Beispiele habe ich ja halbwegs hingekriegt aber beim dritten Beispiel war irgend eine Fragestellung anders als gewohnt und schon war ich aus dem Konzept.

Bei der darstellenden Geometrie war es nicht anders. Irgendetwas habe ich dann zusammengerechnet und gezeichnet. Auf den geometrischen Zeichnungen waren lauter Tapper meiner Schweiß-nassen Finger zu sehen. Kurz und gut, mir schwante Böses, denn fertig wurde ich auch nicht.

Trotzdem hoffte ich im Geheimen auf ein Wunder. Wunder gibt es aber keine und so war ich total niedergeschmettert, als ich meinen Namen auf der Liste der Durchgekommenen nicht fand. Mit Matura Reise nach Rom auf die ich mich schon so gefreut hatte war natürlich nichts! Abgesehen von der Schande, dass ich versagt hatte! Vater hat zwar nicht geschimpft und getobt sprach aber tagelang nicht mit mir. Nur Mama tröstete und beruhigte. Es war eine furchtbare Zeit, das kannst du mir glauben!

Im Herbst habe ich dann, nachdem ich den ganzen Sommer über nichts wie Mathematik „gebüffelt“ habe den „Nachzipf“ recht und schlecht bewältigt.“

„Mir tat es auch sehr leid! Ich habe mich schon so auf die Matura Reise mit dir und der Marion gefreut! Die Marion und ich haben dann doch noch unseren Spaß gehabt. Du hast uns trotzdem sehr gefehlt, umso mehr als du dich vor der Abreise nicht mehr hast blicken lassen. Das haben wir allerdings verstanden.

Aber sag! Wir haben uns alle gefragt wie es zugegangen ist, dass die Kotzak, die in Mathematik noch viel schlechter war als du auf Anhieb durchgekommen ist!“

„Ja, das ist eine eigene Geschichte! Die wollte ich dir schon lange einmal erzählen! Damals hatte ich noch jede Menge Ideale und ich konnte nicht fassen, dass es soviel Ungerechtigkeit und Gemeinheit gibt. Jetzt wo ich schon ausgiebig durch die klaren und trüben Wasser des Lebens geschwommen bin könnte mich so etwas nicht mehr erschüttern. Außerdem liest man jeden Tag über Korruption im Großen. Warum soll es das nicht im Kleinen geben?

Mama hat es mir viel später erzählt, als ich längst die Matura bestanden hatte und schon ein halbes Jahr als Sekretärin arbeitete.

Das war so: Marions Mutter hat meine Mutter beim Greißler getroffen, gleich nach dem für mich so niederschmetternden Matura Ergebnis.

Mama hat nicht viel reden wollen, was gab es da viel zu reden? Aber die Frau Wambacher hat Mama bei Seite genommen und sagte sie wüßte warum die Kozak in Mathematik durchgekommen war und ich nicht. Sie wäre am Sprechtag vor der Matura hinter dem Kommerzial-Rat Kozak, dem Vater von der Kozak, der eine Lederwarenfabrik besaß gestanden. Sie hätte beobachtet wie der Herr Kommerzial-Rat verstohlen ein umfangreiches Paket, wahrscheinlich eine Lederhandtasche aus seinem Aktenkoffer zog und blitzschnell zur Schering, unserer Mathematikprofessorin hineingegangen ist.

Nun war die Frau Wambacher überall als Tratschen bekannt und daher nahm Mama das Gerede nicht sehr ernst.

Marions Mutter die Frau Wambacher bemerkte scheinbar Mamas Zweifel, denn sie sagte sie möge doch die Frau Wanitschek, die am Sprechtag hinter ihr in der Reihe gestanden hatte und das Paket auch bemerkt hatte, fragen. Da wurde Mama hellhörig. Sie suchte die Adresse der Frau Wanitschek heraus und besuchte sie kurzerhand noch am gleichen Nachmittag.

Die Mutter von der Wanitschek, die einen ruhigen und durchaus nicht geschwätzigen Eindruck auf sie machte, bestätigte ihr die Aussage der Frau Wambacher. Es war also doch wahr!“

„Warum ist deine Mutter nicht in die Schule gegangen und hat den Vorfall gemeldet? So etwas braucht man

sich ja nicht gefallen zu lassen!“ wollte ich wissen. „Das habe ich sie, als ich davon erfahren habe auch gefragt.

„Was hätte das an der Sache geändert?“ sagte Mama. „Außerdem, wer weiß ob die Wambacher und die Wanitschek als Zeugen aufgetreten wären. Etwas erzählen ist eine Sache aber zu dem Gesagten stehen wenn es hart auf hart geht ist eine andere Sache. Wütend war ich aber schon und ich musste mich vor Vati und dir sehr zusammennehmen.

Dem Vati habe ich es natürlich auch viel später erzählt. Er wäre sicher in die Schule gegangen und hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt. Das hätte einen riesen Skandal gegeben. Was hätte aber schließlich ein kleiner Beamter gegen den Einfluss reichen Herrn Kommerzial-Rat Kozak ausrichten können?“

Nachträglich muss ich sagen, dass Mama richtig gehandelt tat.“

Die Türe des Cafes geht auf und mit dem Luftzug kommen zwei Managertypen herein, sportlich elegant gekleidet. Wie auf Kommando zücken beide ihre Zigarettenpackungen und beginnen zu rauchen und sehr intensiv zu verhandeln.

„Die Kozak hat knapp nach der Matura geheiratet. Höchste Zeit, denn die Schwangerschaft war nicht mehr zu verbergen. Der Bräutigam, Sohn eines Industriellen – also eine Verbindung wie im Bilderbuch. Auch eine
Bilderbuchhochzeit. A la Ira Fürstenberg, die damals auch sehr jung und mit großem Pomp geheiratet hat. In Wien hieß das: Hofburgkapelle, Tafel beim Sacher usw. Ein paar „Auserwählte“ von unserer Klasse waren eingeladen. Wir waren nicht dabei. Die Ehe hat aber – genauso wie bei der Ira Fürstenberg – nicht lange gehalten. Beim letzten Matura-Treffen hatte die Kozak schon die zweite gescheiterte Ehe hinter sich. Ihr Vater, der Herr Kommerzial-Rat ist vor zwei Jahren gestorben. Einige Zeit davor musste er Konkurs anmelden. Geld ist also keines mehr da.

Sie hat ja nie einen richtigen Beruf gehabt, die Kozak und lebt jetzt ziemlich bescheiden mit ihren zwei Kindern von den Alimenten ihrer Ehemänner und, Männer zahlen ihren geschiedenen Frauen nur das gesetzlich Vorgeschriebene, wie du dir denken kannst.“

„Das Schicksal kann man eben nicht bestechen, nur die Menschen!“ Ich bin zufrieden mit meiner Aussage.

„Die Vergangenheitsbewältigung hat mir gut getan“ Bekennt Helli, „und, deine letzte Äußerung war Spitze!“ Seit wann hast du es mit der Philosophie?“

„Immer schon! Nur habt ihr es nie bemerkt,“ sage ich Schein gekränkt.

Helli blickt auf die Uhr und erschrickt.“ Jetzt ist es aber Zeit! Servus, bis zum nächsten Mal!“