Vierzig Jahre danach......


Always nice!“. So heißt die Zeitschrift also heute! Denkt Ilse. Seinerzeit vor ungefähr vierzig Jahren hieß das Magazin „Immer schön!“. Klar, dass man sich dem Trend der Zeit, der Sucht alles zu internationalisieren, das hieß natürlich ins Englische zu übersetzen angepasst hatte. Sie schlägt die erste Seite auf und da war es, das Foto des Herausgebers, des Herrn Direktors Schuster!

Herr Direktor Rainer Schuster war ihr Chef gewesen – vor ungefähr vierzig Jahren..... „Ich war damals“ - sie rechnet nach „zweiunddreißig Jahre!“

Nachdenklich blickt sie auf des Foto des Herrn Direktors Schuster. Beim Eingang der Drogeriekette – sie hatte ein paar kleine Einkäufe dort gemacht – lag in einem Kästchen und „zur freien Entnahme“ ein Stapel des Magazins. Aus purer Neugierde nahm sich Ilse ein Exemplar heraus. Hoppla! denkt sie, das ist doch das seinerzeitige „Immer schön!“ Die Zeitschrift informiert vor allem Drogerie-Ketten und Kosmetikfirmen über die neuesten Trends, bringt Interviews der Manager und Eigentümer der Branche , Artikel, Meinungen und – vor allem bezahlte Werbung.

Ilse schlägt die Seite mit dem Impressum auf. Also – tatsächlich Herausgeber Dir. Rainer Schuster! Der Mann muss heute weit in den Achtzigern sein! Denkt Ilse weiter. Und weiter: Chefredakteur: Dr. Georg Schuster, der Sohn. Der Georg war damals ein Bub von circa zehn Jahren, ist also derzeit Chefredakteur des trendigen Hochglanz-Magazins! Denkt sie.

...... Damals vor vierzig Jahren – ihre Erste Stelle nach der Baby-Pause! Die Redaktion der Zeitschrift „Immer schön!“ Es war damals wichtig für sie, wieder arbeiten zu gehen. Nach der Geburt ihres Sohnes war sie vier Jahre zu hause geblieben, hatte ihre Hausfrauen- und Mutterpflichten erfüllt. Aber schon seit geraumer Zeit war sie eben nicht ausgefüllt gewesen. Es hatte immer wieder Spannungen und Diskussionen mit ihrem Mann gegeben, der nicht verstehen konnte, dass sie sich in ein Berufsleben zurücksehnte. Nach langem Hin und Her und, nicht zuletzt weil er seine Ruhe haben wollte war ihr Mann mit einer Halbtags-Berufstätigkeit einverstanden gewesen.

Die Redaktion der Zeitschrift „Immer schön!“ befand sich im zwanzigsten Stock eines Hochhauses und bestand aus zwei spartanisch eingerichteten Räumen. Ihre Aufgabe war es die Korrespondenz mit den diversen Anzeigen-Kunden zu führen, Rechnungen zu schreiben, säumige Zahler höflich zu mahnen, die Honorarnoten der frei schaffenden Mitarbeiter zu kontrollieren und ihrem Chef, dem Herausgeber und Chefredakteur vorzulegen, Kaffee zu kochen et cetera!

Sie hatte sich bald eingearbeitet und fühlte sich wohl zwischen den frei schaffenden Mitarbeitern, Anzeigevertretern und so weiter. Nach ungefähr zwei Monaten durfte sie schon kleine Artikel für bezahlte Werbungen verfassen. Systematisch führte sie ihr Chef in die Zeitungsbranche ein und sie war sehr begierig zu lernen. Es kam vor, dass sie immer öfter auch einige Stunden am Nachmittag in der Redaktion blieb – ohne Überstunden zu verrechnen natürlich.

An solchen Tagen holte ihr Mann oder ihre Mutter den Sohn vom Kindergarten ab.

Manchmal lud der Chef die gerade anwesende Belegschaft und natürlich auch sie zum Essen in die nahe Kantine ein. Die meisten, die dort Mittagspause machten waren aus der Zeitungsbranche und es war äußerst interessant wenn h Diskussionen zu verschiedenen Meinungen entbrannten.

Sie war glücklich, denn ihre Arbeit interessierte sie, ihr Chef ließ sie bei vielem frei entscheiden und war mit ihrer Arbeit sehr zufrieden. Sie war die einzige Frau in der Redaktion und sie hatte das Gefühl, dass alle auf nette, harmlose Weise ihr den Hof machten.

Dann kam die erste Dienstreise zu einem wichtigen Kunden nach Zürich. Ein florierendes Unternehmen der Kosmetikbranche. Ihr Chef erklärte ihr, dass diese Reise sehr wichtig war. Der Unternehmer wollte im österreichischen Markt besser Fuß fassen und etliche Doppelseiten Werbung in „Immer schön“ waren zu erwarten. Direktor Schuster bat Ilse auf diese kurze Dienstreise mitzukommen – es handelte sich nur um zwei bis drei Tage. Ilse sollte während der Verhandlungen mitschreiben, in den Honorarlisten für die Werbungen nachsehen und allgemein den Chef unterstützen.

Ilse bat ihren Mann und ihre Mutter in den drei Tagen ihrer Abwesenheit den Kleinen vom Kindergarten abzuholen und organisierte auch alles Nötige während ihrer Abwesenheit. Ihr Mann war natürlich nicht begeistert. Das übliche Klischee „Chef – Sekretärin“ hatte er vor Augen. Ilse hatte nicht wenig Überzeugungsarbeit zu leisten. Schließlich wendete sie ein, dass ja diese Reise extra bezahlt werden würde und sie beide das Geld gut brauchen könnten. Endlich war ihr Mann einverstanden.

Es war eine sehr erfolgreiche Reise. Die Verhandlungen waren bestens verlaufen.

Der Kunde hatte für die nächsten drei Monate Doppelseiten an Werbung bestellt. Bester Laune lud der Chef Ilse zu „Zürcher Rösti“ in ein teures Restaurant. Dann machten sie noch einen Spaziergang durch die Bahnhofsstraße. In einem sündteuren Geschäft probierte Ilse auf Wunsch von Direktor Schuster etliche hübsche Kleider und er bestand darauf, dass eines gekauft wurde. Ilse hatte eigentlich gerechnet, dass er ihr die Dienstzeit bezahlen würde – das wäre ihr wichtiger gewesen als so ein teures Kleid, das sie zu hause kaum tragen konnte. Aber was sollte sie machen. Es war spät geworden und sie gingen zurück ins Hotel, Direktor Schuster betonte was für eine große Hilfe Ilse gewesen wäre und wünschte ihr eine angenehme Nacht.

Am kommenden Tag fuhren Ilse und ihr Chef, der nach wie vor gut gelaunt und sehr gesprächig war mit dem Zug zurück nach Wien.

Am Ende des Monates fand Ilse auf ihrem Konto zusätzlich zu ihrem Gehalt noch eine Prämie vor. Also konnte sie ihrem Mann mit ruhigem Gewissen gegenübertreten, sie wurde ja für die Dienstreise bezahlt!

Ein paar Wochen später kam es zu einer weiteren Dienstreise und dieses Mal kam es zu einer Begegnung, die nichts mit dem Dienstcharakter der Reise zu tun hatte. Nach dem erfolgreichen Abschluss lud Herr Direktor Schuster Ilse zu einem sehr noblen Abendessen im Hotelrestaurant ein. Er bestellte nach dem Dessert noch eine Flasche Sekt . Etwas beschwipst stiegen sie beide dann in den Aufzug, Herr Schuster begleitete Ilse zu ihrem Zimmer. Als Ilse aufsperrte wartete er vor der Tür, verlegen lächelnd, irgendwie hilflos. Er meinte ob Ilse einverstanden wäre vielleicht noch einen kleinen Magenbitter aus der Zimmerbar mit ihm zu trinken – wäre sicher gut für die Verdauung! Meinte er.

Ilse ließ ihn eintreten. Verlegen nippten beide an dem Magenbitter. Schuster sprach ziemlich schnell und erzählte von seinem Leben, vom abgebrochenen Journalistik-Studium – ein Kind war unterwegs gewesen und natürlich wurde geheiratet und er hatte plötzlich eine Familie zu erhalten. Er hätte aber auch so seinen Weg gemacht , hätte erkannt, dass es keine einzige Fachzeitschrift für Drogerie- und Kosmetikartikel gab und hätte eben diese Lücke ausgefüllt.


Bei all diesen Schilderungen sah er sie zärtlich an, plötzlich ergriff er ihre Hand zog sie zu sich und küsste sie ganz zart auf den Mund. Es wurde eine schöne vor allem zärtliche Nacht. Er war in der Liebe sehr erfahren – das merkte Ilse bald und ließ sich von ihm zum Höhepunkt führen.

Auch danach zog er sie zärtlich zu sich, streichelte ihr Haar und ihren ganzen Körper und flüsterte: „Ilse und Rainer! Sind wir nicht ein schönes, ja perfektes Paar?“ Ilse hatte bis jetzt mit keinem Mann als ihrem Ehemann geschlafen. Es war eine romantische Liebesgeschichte gewesen und Ilse war glücklich und zufrieden. Als dann das Kind, ein Wunschkind kam änderte sich für Ilse die Situation. Durchwachte Nächte, ewig müde und der Haushalt musste ja auch noch besorgt werden. Der Reiz des Neuen, stürmischen hatte sich gelegt und ein immer wieder kehrender Ritus im Bett hatte sich eingespielt. Daher war diese Nacht, die für Ilse etwas ganz anderes war einfach schön und in Rainers Wärme eingehüllt schlief sie ein.

Am nächsten Morgen erwachte sie durch ein leichtes Klopfen an ihrer Zimmertür. Verwirrt sprang sie aus dem Bett. „Ilse, bilse! Frühstück ist da, mach bitte auf! Sie hörte die Stimme Rainers – das war er von nun an für sie, Rainer!

Sie frühstückten ausgiebig, liebten sich nochmals und waren einfach glücklich.

Dann bestellten Sie ein Taxi und führen zum Bahnhof.

In den nächsten Tagen musste Ilse sich sehr zusammen nehmen um nicht aufzufallen. Auf keinen Fall wollte sie sich etwas anmerken lassen. Ihr Mann musste zeitig zur Arbeit – etwas dringendes war zu erledigen und sie brachte den Kleinen in den Kindergarten.

Die nächsten Tage waren die glücklichsten ihres Lebens. Rainer und sie bemühten sich natürlich vor den anderen Mitarbeitern sachlich zu sein. Kaum aber waren sie allein lächelten sie sich zu und küssten sich.

Sie wuchs immer mehr in den redaktionellen Betrieb hinein. Kundenwerbung und kleine Artikel verfasste sie selbständig und sie war auch bei den meisten der Sitzungen vor dem Umbruch dabei, steuerte Ideen bei, die manchmal auch akzeptiert wurden.


Rainer besaß eine kleine Wohnung, die seinen Eltern gehört hatte – so sagte er. Wann immer es ihnen möglich war, trafen sie sich dort, liebten sich, erzählten einander aus ihrer Vergangenheit, scherzten und lachten. Kurzum: sie waren glücklich.

 ...... Und dann kam das Ende und der Zusammenbruch von allem.

Ilse kam von einem vierzehn-tätigen Adria Urlaub zurück, den sie mit Mann und Kind verbracht hatte. Es war ein unkomplizierter Urlaub mit viel Sonne und Strand gewesen und sie hatte Zeit für ihren Mann und den kleinen Sohn gehabt. Dennoch hatte sie Sehnsucht nach Rainer gehabt und war letztlich froh, als sie den ersten Tag im Büro war. Sie nützte die erste Gelegenheit um ins Zimmer ihres Chefs zu schlüpfen. Sie strahlte ihn an und sagte ihm wie sehr sie ihn vermisst hatte. Doch, was war das! Als sich die erwartete Reaktion nicht einstellte blickte sie in Rainers Gesicht. Da war kein zärtliches Lächeln, kein Kosewort wie sonst: Sie blickte in ein Gesicht, das aus Beton gegossen schien. „Frau Zach! Kehren wir doch zum „Sie“ zurück und ...“ so fuhr er fort : Ich bin für sie sowie für alle anderen der „Herr Chefredakteur!“

Was war das! Ilse wurde kreidebleich! Sie blickte Schuster nochmals ins Gesicht und plötzlich fiel ihr auf, dass er kalte bläuliche Fischaugen hatte.

Das ist einstweilen alles!“ sagte Schuster und entließ sie.

Als hätte sie einen Schlag bekommen wankte Ilse aus dem Zimmer. Sie riss sich vor den anderen Kollegen zusammen. Dennoch blieb ihnen ihre Verfassung nicht verborgen. Den ganzen Vormittag ging sie die Kundenkartei durch, schrieb Rechnungen und Mahnungen. Das geschah völlig automatisch. Dir. Schuster rief sie nicht mehr in sein Büro und so ging sie, zum ersten mal seit Wochen pünktlich um zwölf Uhr nach Hause.

Auch in den nächsten Tagen sprach Schuster nur das notwendigste mit ihr, diktierte ihr kurze Briefe und entließ sie aus dem Zimmer. Ilse zermarterte sich ihr Gehirn: was war geschehen? Er hatte die Notbremse gezogen. Es war ihm zu viel geworden. Sicher war ihm bewusst geworden, dass er das Verhältnis mit ihr nicht fortsetzen konnte – er musste Rücksicht auf seine Stellung und auf seine Familie nehmen. Warum sagte er es ihr nicht? Es wäre schmerzhaft gewesen aber sie hätte verstanden. Aber das!


In den nächsten Wochen konnte sie immer pünktlich nach Hause gehen. Ihre Anwesenheit bei Besprechungen war nicht gefragt und sie musste auch keine Artikel für die nächste Ausgabe schreiben.

An einem der nächsten Dienstage plötzlich: „Der Chef geht heute um zwei Uhr weg! Hast du schon gehört?“ sagte einer der Anzeigenvertreter zu seinem Kollegen. „Er hat eine neue „Flamme“ eine von der „Presse“! „Ja stimmt! Dienstag und Donnerstag ist er ja im „Liebesnest!“ Antwortete der andere.

Ilse horchte auf. Absichtlich deutlich, wenn auch leise hatten die beiden gesprochen, damit sie alles mitbekommen konnte. Auch blickten sie verstohlen in ihre Richtung. Kein Zweifel! Das Gespräch galt ihr und war zu ihrer Information bestimmt.

Die Worte trafen sie wie ein Blitzschlag. So also war das! Ich blödes Schaf! Dachte Ilse. Wieso hatte sie nichts bemerkt? Ihre Kollegen hatten alles von Anfang an gewusst! Wahrscheinlich hatten sie schon die ganze Zeit über sie hinter ihrem Rücken getuschelt. Alle hatten es gewusst, nur sie hatte in ihrem Glück und ihrer Verliebtheit keine Ahnung gehabt.

Nur jetzt die Fassung nicht verlieren! Dachte sie. Scheinbar unbeeindruckt machte sie ihre Arbeit, ordnete Karteikarten mit Kunden und begann entsprechende Rechnungen und Mahnungen zu tippen.

Am kommenden Tag kündigte Ilse zum nächst möglichen Termin. „Das kommt mir sehr gelegen!“ sagte Herr Chefredakteur Schuster gleichgültig. „ Ich möchte die Redaktion und die Büroarbeiten ohnehin umstrukturieren!“ sagte es mit einem oberflächlichen Lächeln und schon war Ilse wieder entlassen.

Ilse hatte noch drei Wochen Urlaubsanspruch und ein paar Tage Freizeit auf Grund der Überstunden. Sie kam nur mehr am letzten Tag ihrer vertraglichen Arbeitsanwesenheit, holte sich die Abrechnung und das Dienstzeugnis.

Ein total unpersönlicher Chefredakteur Schuster wünschte ihr viel Glück für die Zukunft und sie war froh, das Büro nie wieder betreten zu müssen.

Die nächste Zeit war sehr schwer für Ilse. Nicht nur die Enttäuschung über den Betrug, ja die Gemeinheit des Herrn Chefredakteurs nagten an ihrem Gemüt. Sie musste und wollte so schnell wie möglich eine neue Stelle suchen um wieder ins Lot zu kommen. Sie hatte Glück! In kürzester Zeit fand sie eine Stelle im Rathaus in einer der Magistratsabteilungen. Die Arbeitszeit war geregelt, sie konnte schon am frühen Nachmittag Schluss mache, sodass sie sich mehr ihrem Sohn und seinen Aufgaben widmen konnte. Auch die Arbeit war angenehm wenn auch mit der Zeit etwas monoton. Aber von irgendwelchen Herausforderungen hatte sie genug.

Die Beziehung zu ihrem Mann, die schon längere Zeit freudlos dahinfloss und auf Grund ihrer Beziehung zu Herrn Schuster immer gespannter wurde endete letztendlich in der Scheidung.

Ilse zog mit ihrem Sohn in eine kleinere aber gemütliche Gemeindewohnung nicht weit von ihrem Arbeitsplatz. Die folgenden Jahre flossen ruhig dahin. Kleiner Winterurlaub, zwei Wochen Sommerurlaub am Meer. Ihr Sohn hatte die Scheidung der Eltern nach anfänglichen Schwierigkeiten gut überwunden, ging anschließend an die Volksschule ins Gymnasium, maturierte, begann ein Jus-Studium und beendete es mit dem Magister der Rechte. Die Zeiten waren schwieriger und eine gute Stelle zu finden war schwer geworden und daher setzte Ilse ihren Einfluss ein, damit ihr Sohn auch im städtischen Bereich anfangen konnte. Schließlich wurde eine Stelle im Rathaus frei und seit seinem Eintritt arbeitet er als Jurist dort. Er heiratete und nach und nach kamen zwei Enkelkinder an.

Nach dem Auszug ihres Sohnes fühlte Ilse sich sehr einsam. Sie tat aber in diesem Fall das einzig Richtige: sie ging zu Veranstaltungen und schloss sich gleichgesinnten Gruppen an. Sie hatte großes Glück und lernte einen lieben Mann kennen. Beide hatten viele gemeinsame Interessen und sie unternahmen, ganz besonders als beide in Pension gingen verschiedene Reisen, Theaterbesuche und ähnliches.

Ein großer Schlag war für beide nach sechs Jahren die Diagnose Krebs. Nach der Operation kümmerte sich Ilse selbstverständlich Tag und Nacht um ihren Partner. Es waren zwei sehr harte Jahre für sie und ihren Lebensgefährten. Sein unausweichlicher Tod war für den entsetzlich Leidenden und auch für Ilse Erlösung. Es war sehr schwer für sie nach der Trauerarbeit wieder ihr Gleichgewicht zu finden. Nunmehr führt sie ein ruhiges, beschauliches Leben, trifft sich ab und zu mit ein paar Freunden ihres Alters und hat sich an das Alleinsein gewöhnt.

Und nun das: „Always nice! Chefredakteur Herr Rainer Schuster! Ilse hatte Jahrzehnte lang nicht an Rainer Schuster gedacht. Der damalige Fall ins Bodenlose war längst überwunden und verarbeitet, ja sie wundert sich, dass es diese Zeitschrift noch gibt. Der nunmehrige Firmensitz ist in der Peripherie nördlich der Donau, ganz woanders als zu ihrer Zeit. Aus purer Neugierde guggelt sie die Privatadresse des Herrn Chefredakteurs: Es ist eine Villa im Nobelviertel von Hietzing. Ilse wohnt klarer Weise nicht in dieser Gegend, der Wienfluss ist die natürliche Grenze zwischen dem Nobelbezirk Hietzing und Ihrem Wohnort in der Nähe der Westbahn. Zu Fuß ist es aber nicht weit bis zur Villa, ungefähr 15 Minuten.

Irgend etwas treibt Ilse an nach Hietzing zu spazieren. Sie redet sich aus, sie hätte sowieso in ihrer bevorzugten Blumenhandlung Blumen zu besorgen.

Nach etwa 20 Minuten steht sie vor dem Eingang der Villa. Ein typischer Bau aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Oftmals nicht besonders vorteilhaft umgebaut, mit grünen Fensterläden, in Schönbrunner-Gelb gestrichen, mit einem gepflegten Vorgarten, angebauter Garage und Kiesweg. „Chefredakteur Rainer Schuster, Emmi Schuster“ steht auf dem Nummernschild.

Von nun an geht sie jeden zweiten Tag nach Hietzing spazieren, vorbei an der Villa. Eine Sucht, die sie sich selbst nicht erklären kann treibt sie an immer wieder an der Villa vorbeizugehen. Einmal sieht sie einen kränklich und hilflos aussehenden alten Mann im Rollstuhl vor dem Haus geparkt. Eine Pflegerin im weißen Kittel zieht dem Patienten mühsam und trotz seines Sträubens eine Weste über. Ilse blickt verstohlen durch das Gartengitter und erkennt den Herrn Schuster. Eine boshafte, ja böse Freude und Genugtuung bemächtigt sich ihrer. Also so steht es mit dem Herrn Chefredakteur, dem großen Verführer und Frauenheld!

Zuhause googelt sie nochmals das Impressum der Zeitschrift. Ja natürlich! Der Sohn, Dr. Georg Schuster ist der eigentliche Herausgeber. Nachdem was sie herausgefunden hat ist etwas anderes nicht möglich!

Weiterhin geht sie bei ihren Spaziergängen bei der Villa vorbei. Bei Schönwetter sieht sie den Mann im Rollstuhl vor dem Haus abgestellt und jedes Mal beschleicht sie diese böse Freude, die sie am ersten Tag ihrer Entdeckung hatte. Eines Tages bemerkt Ilse einen weißen Zettel am Eingangstor.

Suche Gesellschaftsdame für Rollstuhl-Patienten. Dreimal die Woche, 13 bis 17 Uhr. Tätigkeit: Mittagsmenü wärmen und servieren, spazieren fahren, vorlesen, allgemein: Gesellschaft leisten. Da Pflegepersonal vorhanden keine Pflege, duschen etc. nötig. Gute Entlohnung. Vorstellungstermin-Vereinbarung unter der Nr. 0676 …...“

Ilse wird heiß und dann fröstelt sie wieder. Was ist mit dir? fragt sie sich. Ein Gedanke geht ihr nicht aus dem Kopf: wie wäre es denn wenn sie sich für diese Stelle bewerben würde? Bist du wahnsinnig? Schilt sie sich, das ist doch absurd! Verrückt! Was soll das?


Sie weiß nicht was sie antreibt aber ihr Bewusstsein setzt sich über alle Logik und Vernunft hinweg.

Sie trifft Vorbereitungen für das Bewerbungsgespräch. Sie untersucht ihren Kleiderschrank und findet im hintersten Winkel ein dunkelblaues, aus der Mode gekommenes Kostüm, zwei dunkelblaue Röcke, ein paar weiße Blusen und einige dunkle Westen. Eigentlich waren die Kleidungsstücke für die Altkleidersammlung vorbereitet. Wieso Ilse sie noch nicht entsorgt hat ist ihr ein Rätsel. Jetzt aber kommen die alten Dinger Ilse gerade recht. Zwei Paar flache Gesundheitsschuhe, die noch von ihrer Mutter stammen sind für ihr Vorhaben ideal. Abermals wundert sich Ilse wieso die Schuhe noch da sind. Nun ist sie froh darüber.

Am Nachmittag geht Ilse zum Friseur. Zur Verwunderung ihrer Stammfriseuse lässt sie ihre rot gefärbten und modisch geschnittenen Haare kurz schneiden und grau meliert umfärben. Der völlig erstaunt dreinblickenden Friseuse sagt sie, dass Ende der Woche eine alte Erbtante zu Besuch kommt. Die Tante hasst jeden „Firlefanz“ wie sie sich ausdrückt und Ilse möchte die Tante positiv beeinflussen. Man kann ja nicht wissen!

Ilse blickt in den Spiegel. Sie sieht tatsächlich aus wie eine Krankenschwester oder Pflegerin. Sie wirkt seriös. Ihr Alter ist unbestimmt.

Gleich am nächsten Morgen – es ist ein milder Frühlingstag – macht Ilse sich auf den Weg nach Hietzing. Sie hat überlegt: natürlich würde sie nicht ihren wahren Namen nennen, sie würde sagen, sie hätte – was ja den Tatsachen entspricht – ihren Mann zwei Jahre, bis zu seinem Tode gepflegt. Eine bessere Referenz gibt es ja nicht. Sie vermutete auch, dass man sie auf Grund der geringen Arbeitszeit bei der Sozialversicherung nicht anmelden würde und das wäre auch ganz in ihrem Sinne. Also Personaldokumente waren in diesem Fall nicht von Nöten.

Sie klingelt, der automatische Türöffner summt und Frau Emmi Schuster, die Gattin von Herrn Direktor Schuster kommt ihr auf dem kurzen Kiesweg entgegen. Gepflegtes Äußeres, Haarschnitt und Farbe vom Designerfriseur, wohlgenährte Haut und tadelloses Make-up. Die etwas füllige Figur ebenfalls in Designerkleidung – lindgrüne Rohseide gehüllt. Teure Halskette und dazu passende Ohrringe.

Ich nehme an Sie sind die Frau Olga! Wir haben ja telefoniert!“ Sagt Frau Emmi. „ Wie ich ihnen schon sagte: es geht um meinen Mann! Aber kommen Sie doch weiter!“

Die beiden Frauen sind sich rasch einig. Ungefähr dreimal die Woche soll Frau Olga, also Ilse kommen. Sie soll Herrn Direktor Schuster, der leider nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt das angelieferte Mittagessen wärmen, ihn im Rollstuhl spazieren fahren, vorlesen und allgemein mit ihm ein wenig plaudern.

Sie machen auf mich einen ausgezeichneten Eindruck!“ sagt Frau Emmi Schuster „und ich glaube sie wären die geeignete Person für meinen Rainer. Ich muss Sie aber warnen! Seit dem Schlaganfall ist mein Mann teilweise gelähmt. Er muss sich erst allmählich an diesen Zustand der Hilflosigkeit gewöhnen und ist oft übler Laune und daher manchmal grob. Im nächsten Augenblick tut ihm seine Grobheit wieder leid und er ist wie ausgewechselt. Frau Olga, Ich bitte Sie! Wollen Sie es mit ihm versuchen?“

Wie Ilse erwartet hatte fragte Frau Emmi nicht nach irgendwelchen Personaldokumenten. Das Gehalt war mehr als großzügig und Ilse willigt ein. Wenn der Patient zu unausstehlich wurde kann sie ja jederzeit kündigen, denkt sie. Man vereinbart, dass Frau Olga schon am nächsten Tag ihren Dienst antreten soll.

Als Ilse aus dem Tor tritt greift sie sich an den Kopf. Was war ihr da eingefallen? In was für eine Sache hatte sie sich da eingelassen. Aber nun war es zu spät!

Seit fünf Wochen betreut Ilse (Frau Olga) Herrn Direktor Schuster. „Auf die Anrede „Herr Direktor“ legt mein Mann großen Wert!“ Hat Frau Emmi Ilse informiert. Rainer, also Herr Direktor Schuster hatte seine frühere Sekretärin natürlich nicht wieder erkannt. Das war zum Glück vorauszusehen und gut so.

Die ersten Wochen hatte Herr Direktor kaum Notiz von Ilse genommen. Er gab kurze, unwirsche Befehle wenn er etwas wollte. Wenn ihm das angelieferte Mittagessen nicht behagte, schob er den Teller einfach energisch zur Seite und Ilse musste den Teller blitzschnell stoppen sonst wäre er auf dem Boden gelandet.


Vor ungefähr zwei Wochen aber hat Herr Direktor Schuster zum erste Mal Ilse als menschliches Wesen bemerkt und das Wort an Sie gerichtet. „Wie heißen Sie Fräulein?“ „Olga“ .

Die Olga und die Ida, die waren noch nie da! Aber heute sind Sie da!“ hat Herr Direktor zitiert. „Das sagt der „Frosch“ in der „Fledermaus“! Aber das werden Sie ja nicht wissen Frau Olga!“

Geringschätzig hatte Herr Direktor mit der Hand abgewunken. Natürlich kannte Ilse das Zitat aus der „Fledermaus“ aber sie hütete sich, zu widersprechen.

Seit diesem Tag erzählt Herr Direktor bei jeder Gelegenheit aus seinem Leben. Auch während der täglichen Spazierfahrten im Rollstuhl, die Ilse mit ihm unternimmt. „Wissen Sie, Frau Olga! Ich habe ganz klein bei der Presse als Mädchen für alles angefangen.“ Erzählt er. „Bald aber habe ich begriffen wie das Intrigen-Karussel funktioniert. Einen nach dem anderen meiner Kollegen, die im Rang vor mir waren habe ich beim Chefredakteur schlecht geredet. Einer nach dem anderen verschwand sodass ich gleich nach dem Chef kam. Die hinter mir waren habe ich selbst ausgesucht und präpariert, sodass für mich keine Gefahr bestand. Chefredakteur hätte ich werden können aber das war mir zu öde. Immer vor den verschiedenen Parteien kriechen! Ich wollte mein eigenes Blatt und ich habe mein eigenes Journal geschaffen!“ Herr Direktor kneift die wässrigen Äuglein zusammen und verzieht den schiefen Mund zu einem hämischen Grinsen. Der Speichel tropft ihm vom Mundwinkel auf das Hemd.

Und, was soll ich Ihnen erzählen, Frau Olga! Die Frauen! Alle habe ich gehabt, ohne Ausnahme! Von den frisch gebackenen Doktorinnen der Journalistik bis zu den kleinen Sekretärinnen. Ab und zu auch einmal eine hübsche Putzfrau, warum nicht! Ich hab` den Dreh heraus gehabt! Alle hab` ich ins Bett gekriegt! Meine Frau hat nie etwas bemerkt“!Wieder ein schiefes Grinsen, wieder tröpfelt Speichel.

Du alter Widerling! Denkt Ilse. Du bist noch stolz auf das Unheil, das du angerichtet hast! Innerlich tobt Ilse aber sie lächelt Herrn Direktor zuckersüß an.

Frau Emmi Schuster, die Gattin ist nicht oft zu Hause. Um fünf Uhr nachmittags, bevor Ilse ihren Dienst beendet und die Pflegerin Herrn Direktor Schuster für das Nachtmahl herrichtet (Duschen etc.) schaut Frau Emmi kurz vorbei , streicht ihrem Mann über das schüttere Haar und drückt einen flüchtigen Kuss auf seine Wange. „Rainerlein! Ich geh zum Fitness-Training und dann zum Friseur! Schlaf gut!“

Zwei bis dreimal pro Woche ist entweder der Friseur oder die Kosmetikerin dran.

Sie betreuen meinen Rainer wunderbar, Frau Olga! Seit Sie da sind blüht er richtig auf. Wenn ich Sie nicht hätte!“ Mit einem dankbaren Lächeln verabschiedet sich Frau Emmi.

Auch abends zwei bis dreimal in der Woche ist Frau Emmi außer Haus.

Meine arme Frau!“ bemerkt manchmal Herr Direktor Schuster. „Seit dem ich ausgefallen bin muss sie sich verstärkt um die kommerziellen Angelegenheiten kümmern. Mein Sohn Georg ist eine Flasche! Versteht nichts vom Redaktionsgeschäft und schon gar nichts von den Finanzen. Meine arme Emmi plagt sich Tag und Nacht mit der Buchhaltung ab. Muss sich mit dem Steuerberater besprechen usw. Ab und zu braucht sie eine Abwechslung und trifft sich mit ihrer Whist-Runde. Das sei ihr vergönnt! Na wenn ich wieder am Damm bin wird alles anders!“

Herr Direktor Schuster ist sich nicht bewusst, dass es kein Zurück mehr gibt. Denkt Ilse. Auch was die Abende betreffen, die Frau Emmi außer Haus verbringt hat Ilse ihre eigene Meinung. Wahrscheinlich trifft sich Frau Emmi mit einem Freund und Liebhaber. Nach den vielen freudlosen Jahren, die sie neben dem Despoten verbracht hat ist das nur verständlich.

In seiner Selbstüberschätzung und Aufgeblasenheit kommt Herrn Direktor nicht in den Sinn, dass seine Frau fremd gehen könnte.

Es vergehen die Tage und Wochen. Eine gewisse Routine hat sich entwickelt. An schönen Tagen führt Ilse Herrn Direktor spazieren. Er erzählt dann nahezu ununterbrochen: wie er das eine oder andere Geschäft abgewickelt hat, wie er den einen oder anderen Kunden oder Geschäftspartner aufs Kreuz gelegt hat usw. Die Arbeit als sogenannte Gesellschaftsdame ist leicht. Ihre Pflicht besteht im allgemeinen darin zuzuhören. Prinzipiell kann Herrn Direktor niemand das Wasser reichen und am aller wenigsten sein Sohn und seine Mitarbeiter. Die Prahlereien und die Großmannssucht gehen Ilse manchmal auf die Nerven und dann beschleichen sie böse Wünsche. Sie lässt sich aber nichts anmerken und hört einfach zu. 


Nun ist Ilse schon den dritten Monat bei Direktor Schusters in Dienst. Heute ist ein angenehmer Frühsommertag. Schon am Morgen hat es über zwanzig Grad. Das vielstimmige Gezwitscher und Gesang der Vögel in den alten Bäumen der Villa! es übertönt sogar das monotone Surren des Rasenmähers, den der Gärtner betätigt. Die Tulpen sind schon verblüht aber es duftet von überall nach Flieder.

Herr Direktor Schuster ist heute mittags besonders guter Laune. Er hat ein leichtes Mittagessen ohne das sonstige Murren eingenommen. „Frau Olga! Es ist so schön heute. Ich fühle mich viel frischer als sonst! Wir könnten heute eine längere Spazierfahrt zum Park machen!“ Ilse nickt , legt Herrn Direktor eine leichte Decke über die Knie, zieht ihre blaue Weste über und schiebt den Rollstuhl aus dem Gartentor.

Herr Direktor trällert einen alten Schlager: „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein!“ „Kennen Sie den Schmachtfetzen Frau Olga?“ Ilse nickt. „ich fühle mich heute wie neu geboren und ich habe das Gefühl, dass es mit mir aufwärts geht!“ So vital hat Ilse Herrn Direktor in seinem Zustand noch nie erlebt.

Sie erreichen den Eingang des Parks, den sie nicht oft aufsuchen, da Herr Direktor selten Lust hat weite Spazierfahrten zu machen. Aber heute ist es anders. Ein kleiner, abschüssiger Hügel ist vor ihnen, der am Ende durch einen Randstein eingegrenzt wird. Ilse bleibt mit dem Rollstuhl zunächst stehen und fixiert die Bremse. „Lassen`s mich da alleine herunterfahren, das ist sicher lustig!“ Sagt Herr Direktor. „Herr Direktor, es ist gefährlich! Sie könnten zu schnell werden!“ „Das macht nichts! Machen Sie die Bremse auf! Hören Sie nicht? Olga! Sie Trampel! Öffnen Sie die Bremse!“

Bei dem Wort „Trampel“ spürt Ilse eine gelbe Woge des Hasses aufsteigen. Das ist er, der Herr Direktor Rainer Schuster wie er leibt und lebt, widerlich und überheblich. Sie öffnet die Bremse des Rollstuhls, taucht sogar noch ein wenig an. „Fahr doch zum Teufel!“ murmelt sie, nachdem sich der Rollstuhl in Bewegung gesetzt hat. Tatsächlich! Immer schneller wird das Gefährt, kommt mit ziemlicher Geschwindigkeit am Randstein an und kippt um.

Herr Direktor Schuster liegt auf der Seite. Sein Kopf ist auf dem Randstein geprellt. Von der rechten Schläfe rinnt ein Blutfaden. Er ist bewusstlos .

Um Gottes Willen! Denkt Ilse. Was ist da passiert? Ihr ist heiß und kalt und sie zittert am ganzen Körper. Sie ruft sofort Rettung und Polizei an sowie natürlich auch Frau Emmi, die Gattin. Eine Menschenmenge hat sich um den Ohnmächtigen im Rollstuhl gebildet. Ilse bildet sich ein, dass einige Leute sie vorwurfsvoll ansehen. Die Rettung ist gleich zur Stelle, Der Patient wir in den Rettungswagen gehoben und an Schläuche angeschlossen. Unterwegs ruft Ilse nochmals Frau Emmi an und teilt ihr mit in welches Spital ihr Mann gebracht wird. Automatisch hält sie die Hand von Herrn Direktor. Was sie vor sich sieht ist ein eingefallenes Greisengesicht, das Mitleid erregt ob man will oder nicht.

Am leichten Druck ihrer Hand bemerkt Ilse, dass der Patient zu sich gekommen ist. Gott sei Dank! Denkt Ilse wenigstens lebt er noch! Ein kleiner Stein fällt ihr vom Herzen aber da ist natürlich noch ein großer Felsbrocken, der sie belastet.

Frau Emmi und Sohn Georg sind schon da als Herr Direktor in ein Krankenzimmer geschoben wird. Beide blicken erschrocken und ernst drein. Ilse hat Angst, furchtbare Angst! Man wird sie wegen Unterlassung der Aufsicht, ja man wird sie wegen Körperverletzung anzeigen. Nun wird ihre wahre Identität ans Licht kommen, sie wird verurteilt werden und vielleicht auf etliche Zeit im Gefängnis landen. Bevor die ersten Vorwürfe und Drohungen kommen werde ich mich von vornherein schuldig bekennen, denkt Ilse. „Ich bin schuld!“ schluchzt sie,“ irgendwie ist die Bremse des Rollstuhles aufgegangen!“ Sie sitzt am Bett des Herrn Direktors, hält noch immer seine Hand und ist weiß im Gesicht vor Angst. „Nein! Das stimmt nicht!“ tönt es schwach aber verständlich von den Lippen des Patienten.“ Ich war es! Ich habe die Bremse geöffnet! Ich wollte allein den Abhang hinunterfahren! Frau Olga trifft keine Schuld!““Rainer! Was ist mit dir!“ Frau Emmi blickt hilflos ihren Mann an. Sie blickt auch Ilse beschwichtigend und fast entschuldigend an. Dann setzt sich Mutter und Sohn Georg ebenfalls ans Bett.

Ilse hält noch immer die Hand des Herrn Direktors. „Frau Olga! Danke! Und entschuldigen Sie!“ Kommt es von Herrn Direktor, der schwach Ilses Hand drückt.

Es ist alles nicht so schlimm, glaube ich!“ Frau Emmi beruhigt und tröstet Ilse, die sich verzweifelt schluchzend verabschiedet.

Nun besucht Ilse ihren Schützling täglich im Spital. Herr Direktor Schuster freut sich über ihre Anwesenheit. Ilse sitzt am Bett und hält einfach seine Hand. Herr Direktor spricht kaum aber einmal sagt er:“Ich möchte Ihnen danken, Frau Olga! Sie haben mir immer zugehört. Auch wenn ich den größten Blödsinn von mir gegeben habe!“ dabei lächelt er mit seinem schiefen Mund.

Herr Rainer Schuster wird gründlich untersucht. Ein weiterer schwerer Schlaganfall wird diagnostiziert. Wahrscheinlich durch den Schock des Unfalles verursacht. Sein Zustand ist ernst und er muss noch weitere Zeit in der Intensivstation bleiben. Frau Emmi und Söhne besuchen Gatten und Vater natürlich auch täglich und sind froh und dankbar Ilse auch vorzufinden. Zum Glück! Keine Spur von Vorwurf oder gar Drohung mit Anzeige.

Soviel ist klar: Nach Entlassung des Patienten in häusliche Pflege wird Herr Direktor Schuster eine professionelle Krankenschwester brauchen, die rund um die Uhr da ist. Ilse fällt ein weiterer Brocken vom Herzen, denn so ist ihre Kündigung gerechtfertigt. Auf was für einen Wahnsinn habe ich mich da eingelassen! Ilse macht sich Vorwürfe. Wenn das ganze vorbei ist möchte ich nie wieder etwas von der ganzen Sache hören!

Und dann die niederschmetternde Nachricht: Herr Direktor Schuster war über Nacht an den Folgen des zweiten Schlaganfalles verstorben.

Jetzt bin ich aber dran! Denkt Ilse und Angstschauer gleiten über ihren ganzen Körper. Jetzt werden sie mich anzeigen. Wegen Körperverletzung mit Todesfall.

Ilse geht zum Begräbnis. Totenbleich, mit zitternden Händen vor Angst kondoliert sie der, mit schwarzen Schleiern bedeckten und in Tränen aufgelösten Witwe und den Söhnen. Mitleidvoll und dankbar nimmt man ihre Anteilnahme wahr. „Frau Olga, wir bleiben natürlich in Verbindung!“ Verabschiedet die nunmehr gefasste Witwe Ilse.

Niemals! Keine Verbindung! Denkt Ilse. Hoffentlich ist das das glimpfliche Ende meines blöden Abenteuers!

Ilse nimmt ihr früheres Leben wieder auf. Sie hat jetzt wieder genügend Zeit für sich. Irgendwie aber und vor allem in den ersten Wochen fehlt ihr ihre Tätigkeit bei den Schusters.

Nach sieben Wochen kommt ein Anruf von Frau Emmi Schuster: Frau Olga möge bitte am kommenden Freitag nachmittags um drei Uhr in die Villa kommen.

Jetzt ist es doch so weit! Denkt Ilse. Man hat alles erwogen, sich mit dem Anwalt besprochen und man wird doch Anzeige erstatten. Wieder diese furchtbare Angst! Ich hab` mich zu früh in Sicherheit gewiegt. Voller Angst und Bangen läutet Ilse an der Gartentür an.

Im Vestibül der Villa begrüßt sie Frau Emmi freundlich. Das ist erst der Anfang, denkt Ilse, das dicke Ende kommt sogleich! Frau Emmi führt Ilse in den Salon. Dort wartet ein gut aussehender älterer Herr mit vollem weißen Haar und in teurem englischen Sports-ware Anzug gekleidet. „Frau Olga! Darf ich ihnen den Freund des Hauses, unseren geschätzten Steuerberater, Herrn Riess vorstellen! Frank, das ist unsere liebe Frau Olga, die meinen Rainer so aufopfernd gepflegt hat!“ Frau Emmi blickt Herrn Riess zärtlich an und dieser erwidert Ihren Blick ebenfalls zärtlich. Aha, denkt Ilse automatisch, die neue Liebe sei Frau Emmi gegönnt. Wahrscheinlich Ergebnis der vielen Konferenzen in der Steuerberatungskanzlei. All das schießt Ilse automatisch durch den Kopf. Aber was will die Gattin des Verblichenen von mir!

Frau Olga!“ sagt Frau Emmi, „ ich habe Ihnen eine erfreuliche Mitteilung zu machen! Mein Mann hat Sie auch im Testament bedacht. Wie Sie ja gemerkt haben hat er ein großes Zutrauen zu Ihnen gefasst. Er hat Ihnen in Dankbarkeit einen kleinen Anerkennungsbeitrag vermacht. Es sind zwanzig Tausend Euro!“

Frau Emmi überreicht Ilse ein pralles Kuvert. Sie will keine Bestätigung, keine Unterschrift wegen der Steuer! Auch in diesem Augenblick! denkt Ilse mechanisch und wird rot vor Freude und vor Erleichterung. Sie kann ihr Glück noch nicht fassen!

Frau Olga! Nochmals vielen Dank für Ihre guten Dienste und viel Glück! Machen Sie sich einen schönen Urlaub um das Geld! Und... wir bleiben ja in Verbindung!“ Frau Emmi begleitet Ilse zum Gartentor und drückt ihr freundschaftliche Küsschen links und rechts auf die Wangen.

Ilse Ist total benommen und ist im Augenblick zu keinem Gedanken fähig. Als sie aber um die Ecke biegt wirft sie die Arme hoch: „Juchhuuu“ schreit sie. Verwundert bleibt eine Mutter mit Kind stehen.

......  An Bord eines Luxusschiffes macht Ilse eine Weltreise, tatsächlich wie Frau Emmi ihr geraten hat. In eleganter Abendkleidung mit einem Drink in der Hand sitzt sie an der Bar, schlürft genüsslich einen Cocktail und flirtet mit einem einigermaßen gut aussehenden, grauhaarigen Senior. „Auf dein Wohl, Rainer! Wo immer du bist oder auch nicht bist!“ murmelt sie und hebt ihr Glas in den wolkenlosen Himmel.

So hatte ihre verrückte Idee und dessen Ausführung doch etwas Gutes. Und so hat eine vor vierzig Jahren bitter und ungerecht geendete Affäre letztlich ihr glückliches Ende gefunden.