Heinz und Herta


Heinz und Herta sind ein altes Paar. Also nicht was die Zeit ihres beisammen-Seins betrifft alt, denn sie kennen sich erst seit 12 Jahren. Also: in diesem Fall ein Paar alt an Jahren. Sie haben beide die Siebziger überschritten und gehen zügig auf die Achtziger zu. Und... es ist ein Glück dass sie sich – spät aber doch gefunden haben.

Herta hat die schwierigere und problematischere Zeit hinter sich. Sie ist in den Sechzigern aufgewachsen und da gab es für die Zukunft von Mädchen und Frauen nicht viele Optionen. Herta hätte gerne Malerei und Kunstgeschichte studiert aber das war nicht „drinnen“. Nach der Handelsschule bekam sie eine Stelle als Bürokraft. Und – nachdem sie und ihr Zukünftiger eine kleine Genossenschaftswohnung erworben hatten – wurde, und das viel zu früh – geheiratet.

Es kam wie es kommen musste – die Ehe war kein Honiglecken – das erkannte Herta bald aber damals ließ man sich nicht so schnell scheiden. Das Recht war auf alle Fälle auf Seiten des Mannes.  Außerdem war da noch ihr Sohn, der im zweiten Jahr der Ehe geboren wurde. Sobald der Kleine in den Kindergarten ging begann Herta wieder zu arbeiten – zum Missfallen ihres Mannes. Es gab Szenen, Streitereien aber in diesem Punkt blieb Herta hart. Sie verdiente nunmehr ihr eigenes Geld und wurde selbstsicherer. Immer mehr entfremdete sie sich von ihrem Mann. Während sie sich weiter bildete und beruflich aufstieg sackte ihr Mann immer mehr ab, umgab sich mit primitiven Leuten und verbrachte seine Freizeit mit Bier und seinen Kumpeln vor dem Fernseher.

In den Achtzigern hatte sich die Zeit geändert.Die Frauen emanzipierten sich und forderten ihre Rechte. Nach einem Nerven zermürbenden Rosenkrieg war endlich die Scheidung durch.

Herta zog mit ihrem nunmehr zwölfjährigen Sohn in eine kleinere aber komfortable Wohnung. Im Beruf, der ihr Freude machte war sie sehr erfolgreich und stieg auf bis zur Personalreferentin. Sehr oft ging Herta mit ihrem Sohn ins Theater, in Konzerte und zu Ausstellungen und versuchte ihn für Kunst und Kultur zu interessieren, was ihr mäßig gelang. 

Ihr Sohn war erwachsen geworden. Er hatte einen technischen Beruf erlernt, hatte eine gute Stelle gefunden, war in der Folge ausgezogen und hatte geheiratet.

Von nun an lebte Herta allein. Es kam ihr zu Bewusstsein, dass sie noch nichts von der Welt gesehen hatte und sie begann viel zu reisen. Neue Welten taten sich für sie auf und begierig nahm sie das Neue, Exotische wahr.

Dann kam die Pensionierung. Herta hatte gute Arbeit geleistet und wurde von allen Kollegen geschätzt. Aber es war eine andere Zeit angebrochen, das Computer- Zeitalter. Herta, die ja ihr Pensionsalter erreicht hatte fand es durchaus in Ordnung aufzuhören. 

Endlich konnte Herta sich voll ihrem Hobby, der Malerei zuwenden. Bald waren die Wände Ihres Wohnzimmers mit Aquarellen und Acrylmalerei behängt. Auch einen netten Freundeskreis hatte sich Herta aufgebaut. Man machte gemeinsam Wanderungen, man ging Schi fahren und man besuchte Ausstellungen und Konzerte. Herta war zufrieden aber – es fehlte etwas oder jemand!

Herta begegnete diesem „jemand“ beim Spaziergang im Schönbrunner-Schlosspark.

Es war Heinz! Bald merkten beide, Heinz und Herta, dass sie für einander bestimmt waren. Spät aber schließlich doch hatte Herta ihren Mann, den richtigen Mann gefunden und sie war glücklich. Es war keine romantische Liebe auf dem ersten Blick – dazu waren beide Partner schon zu reif und erfahren – aber es war für Herta als wäre ihr endlich eine reife Frucht in den Schoß gefallen, als hätte sie endlich wahrgenommen was und wen sie eigentlich wollte.

Heinz hatte in seiner Beziehung mehr Glück gehabt als Herta. Er hatte eine glückliche und zufriedene Ehe mit seiner Frau geführt bis die Diagnose „Krebs“ bei seiner Frau die beiden aus der Bahn geworfen hatte. Es folgten fünf Jahre Martyrium.  Anträge, Bewilligungen bei der Krankenkasse, Spital-Aufenthalte etc. und obwohl immer aussichtsloser – die Hoffnung auf Heilung.

Heinz pflegte seine kranke Frau aufopfernd bis zum bitteren Ende. Nach ihrem Tod und nachdem er nunmehr von allen Pflegepflichten entbunden war wusste Heinz nichts mit sich anzufangen. Er vernachlässigte sein Äußeres, aß bei irgendwelchen Imbissbuden eine Kleinigkeit und schlich ziellos bis zum Abend herum. Es war tatsächlich purer Zufall, dass er an jenem Tag im Park von Schönbrunn spazieren ging. Herta, die den deprimiert vor sich hin blickenden Mann bemerkte sprach ihn einfach an. Vielleicht braucht er ein paar tröstende Worte dachte sie. Und so hatten sich die Beiden gefunden.

Da Heinz seine Krebs - kranke Frau fünf Jahre lang gepflegt hatte war er von allem und jedem isoliert gewesen. Die unternehmungslustige Herta war es, die Theater, Konzertbesuche und Reisen plante. Wenn Heinz und Herta sich trafen planten sie etwas. Immer gab es alles mögliche zu besprechen, zu bequatschen und zu belachen. Wenn die beiden durch die Stadt spazierten hielten sie sich an den Händen, lachten über jeden Blödsinn wie zwei Teenager und waren einfach glücklich. Natürlich waren sie nicht immer einer Meinung aber es handelte sich  um unbedeutende Kleinigkeiten über die der eine und der andere anders dachte und man akzeptierte die Meinung des anderen.

Zwölf Jahre lebten sie schon zusammen. Die Zeit hatte sie – wenn überhaupt noch möglich – noch enger zusammengeschweißt. Es war als hätten sie sich schon in alle Ewigkeit gekannt und nun wurden sie mit einander alt!

Aber es war vor allem Herta, die sich um ihre gemeinsame Zukunft Sorgen machte.

„Weißt du Heinz! Ich denke ab und zu über den Tod nach! In unserer Gesellschaft wird er ja buchstäblich „totgeschwiegen“. Aber er ist da! Er nähert sich immer mehr! Es würde furchtbar für mich sein, wenn du mich allein zurück lässt!

Heinz war kein Mann großer Worte, er nickte nur und nahm Herta in den Arm.

„Am besten wäre es wenn wir beide zugleich diese Welt verlassen würden. Nur hypothetisch! Keine Angst! Ich denke nicht an Schlaftabletten oder ähnliches. Es geht uns ja zum Glück noch gut! Aber vielleicht durch einen Unfall oder einen Flugzeugabsturz!....“ Aber weiter kam Herta nicht, denn Heinz legte ihr die Hand auf den Mund und umarmte sie wieder.

Wieder einmal überschwemmten sie die Weihnachts - und Neujahrsfeiertage mit ihren lauten Getöse an Weihnachtsliedern und dem ganzen kitschigen Kommerz.

„Weißt du was?“ sagte Heinz. „Heuer könnten wir wieder einmal auf den Silvesterpfad gehen und uns ein bisschen umschauen. Kurz vor Mitternacht könnten wir daheim sein, das Fernsehen einschalten, die „Bummerin“ hören und beim Donauwalzer uns zuprosten .Was meinst du ?“

„Gute Idee !“ meinte Herta.

Der Silvestertag war ein ziemlich grauer und frostiger Tag und es wurde bald dunkel. Umso heimeliger und gemütlicher war es an den festlich erleuchteten Ständen vorbei zu schlendern. Trauben von Feiernden, darunter viele Touristen tummelten sich überall. Um nicht verloren zu gehen hielten Heinz und Herta sich an den Händen, aßen da „Krainer-Würstel“ mit Senf, bestellten bei einem anderen Stand je einen kräftigen Punsch und waren bester Laune. Sie blickten auf die Uhr – es war bereits elf Uhr, eine Stunde vor Mitternacht.

„Jetzt sollten wir aber zur U-Bahn damit wir rechtzeitig vor Mitternacht zu hause sind!“ Sagte Heinz. Sie bahnten sich einen Weg durch das Gedränge. Vor ihnen schlenderte eine Gruppe junger Leute, Mädchen und Burschen , die sich mit Punsch zuprosteten und in guter Stimmung waren. Eines der Mädchen blieb hinter der Gruppe etwas zurück. Scheinbar hatte sie eine Nachricht erhalten, tippte auf ihrem Smart-Phone herum und lehnte sich an die unbeleuchtete Seitenwand einer Silvesterbude.

Plötzlich stürmten zwei junge Männer mit Kapuzen auf das Mädchen los, drängten es zur total unbeleuchteten Rückwand der Bude. Einer der Männer drückte die junge Frau an die Bretterwand und  hielt ihr den Mund zu. Der andere begann sich an das Mädchen zu pressen. 

Heinz und Herta hatten die beiden beobachtet. „Halt! Lasst das Mädchen in Ruhe! Verschwindet!“ Schrie Heinz und schritt auf die Männer zu.  „Verschwindet ihr Gauner!“ rief auch Herta und ging auf die beiden mit ihrer Handtasche los.

Die beiden Gestalten ließen von dem Mädchen ab und wandten sich Heinz und Herta zu. „Du alter Trottel! Was mischt du dich ein! Da hast du!“ Einer der beiden  schlug Heinz zu Boden und trat ihn anschließend  gegen den Kopf. „Da! Du alte Fozze!“ Herta wurde ebenfalls vom anderen zu Boden geschlagen.

Nunmehr hatte die Menge das Vorkommnis bemerkt und die beiden Galgenvögel wollten rasch und unerkannt flüchten. Aber zwei holländische Touristen, kräftige Männer schnappten sich die beiden , drehten ihnen die Arme hinter den Rücken und nahmen sie fest bis die Polizei kam. Auch die Rettung wurde verständigt. Die Sanitäter legten Heinz und Herta auf Bahren und fuhren, Tatü, Tata ins nächste Spital.

Heinz war der erste der aus der Narkose aufwachte. Heinz und Herta befanden sich in der Notaufnahme und, wie es in den Wiener Spitälern üblich ist, im Gang und hinter einander liegend.

Furchtbare Angst beschlich Heinz: „Herta, Herta! Wo bist du? Bist du da?“ Mit zittriger Stimme rief Heinz ein paar mal nach Herta. Herta war etwas später als Heinz aufgewacht.“Heinz! Hier bin ich! Im Bett hinter dir! Tönte es nunmehr leise und gebrochen von Herta. „Heinz wir leben noch! Wir beide!

„Gott sei Dank!“ rief Heinz mit einem erleichterten Seufzer. Ihm, dem Atheisten war nicht bewusst, dass er Gott dankte, an den er ja nicht glaubte. Aber sei es drum!

Ein junger Arzt sprach die beiden an: „Ist alles halb so schlimm mein Herr!“ wandte er sich an Heinz.“ Sie haben einen Kieferbruch davon getragen, den wir aber schon operiert haben. Eine leichte Gehirnerschütterung kommt hinzu und natürlich einige Platzwunden!“ Nunmehr sprach der Arzt die dahinter liegende Herta an „ Gnädige Frau! Sie haben einen Armbruch und natürlich ebenfalls etliche Platzwunden. Die ärgsten Platzwunden haben wir genäht und Ihr Arm ist bereits in Gips! Sie haben sich beide vorbildlich verhalten und wir alle danken Ihnen dafür! Sobald es ihnen besser geht sind Sie vom Herrn Bürgermeister von Wien ins Rathaus eingeladen, der Ihre Tat entsprechend würdigen wird!“

„Das ist ja schön und gut!“ äußerte sich Heinz nunmehr bereits mit etwas kräftigerer Stimme. „Was wir aber jetzt wollen ist, dass unsere Betten neben einander gestellt werden! Wir möchten uns, wie immer an den Händen halten!“

Und so geschah es. Das Paar bekam ein schönes, helles  Zweibett-Zimmer. Herta streckte ihren gesunden Arm aus und hielt Heinz`s Hand bis beide einschliefen.

Die Hoffnung besteht in dieser Welt, denn sie ist die letzte die stirbt! Auf dieser Erde, die täglich  wärmer wird mögen sich die kalten Herzen auch erwärmen!