San Daniello


Die Menschen in Campanien, also die Leute aus Neapel, Sorrent, Livorno – allgemein die Einwohner Süditaliens sind moderne Kinder des Einundzwanzigsten Jahrhunderts. Jeder hat ein Smart-Phone und tippt darauf herum – so wie auch alle unsere Mitbürger. Viele besitzen ein kleines Auto aber – so kommt es zumindest mir vor – alle fahren mit ihren kleinen Motorrollern oder Moto-Guzzi wendig auf den engen Landstraßen und durch die noch engeren Gässchen der Zentren. Es sind fröhliche, kommunikative Menschen die hier wohnen. Dass sie ihren Müll und sonstigen Dreck auf die Straße werfen und sich um die Entsorgung nicht kümmern – das steht auf einem anderen Blatt.

Wenn man aber etwas mehr in die Tiefe geht dann zeigt sich, dass der Aberglaube in jedem Campanier fest verankert ist. Jeder Süditaliener trägt seinen Korallenanhänger bei sich, der ihn vor den bösen Blick schützt und ihm Glück bringen soll – zum Beispiel in der Lotterie. Mit der Ausbreitung des Christentums wurden die antiken Götter nur umbenannt und die diversen Heiligen, männliche oder weibliche, meist Märtyrer nehmen derzeit ihre Stelle ein. So ist für jede Situation, für jedes Weh Wehchen ein bestimmter Heiliger oder eine Heilige zuständig. Wenn man zu Gericht muss spendet man dem zuständigen Heiligen – mir fällt er jetzt nicht ein – eine dicke Kerze usw.

Nun aber möchte ich unseren Tourguide, unsere Anna, die uns während einer kulturell sehr intensiven Reise viel über Land und Leute erzählt hat zu Wort kommen lassen.

Wir waren per Bus auf einen Ausflug nach Sorrent unterwegs und fuhren auf der engen Küstenstraße durch winzige Ortschaften. In jeder der Ortschaften befand sich aber mindesten eine Kirche, die monumental über die kleinen Häuschen mit der Wäsche auf den Balkonen und an den Fenstern ragte. An einer der schmalen Rastplätze blieb der Bus kurz stehen um uns die herrliche Aussicht zukommen zu lassen.

Da begann unsere Anna zu erzählen:

„Liebe Leute!“ so nannte sie uns immer! „Liebe Leute! Wir sind eben durch ein kleines Dorf mit einer gewaltigen Kirche durchgefahren. Diese Kirche ist dem Heiligen Daniello, also San Daniello geweiht. San Daniello ist eifersüchtig auf seine angebliche Schwester, Santa Lucia weil Santa Lucia mehr Verehrung genießt und er in den Hintergrund gedrängt wird. Er ist ja auch als Märtyrer gestorben und sieht nicht ein warum er benachteiligt wird. San Daniello ist zuständig für alle Schwangeren. Er ist dafür zuständig, dass ein Kind gesund und ohne körperliche Defizite geboren wird. Daher pilgern alle Schwangeren, ob sie nun moderne aufgeklärte Frauen sind oder gläubig und den alten Mythen verhaftet – sobald sie wissen,dass sie schwanger sind und in dieser Gegend leben zu San Daniello. Sie opfern ihm Kerzen oder Blumen und werfen auch ein wenig Geld in den Opferstock. Man kann ja nie wissen! Und so sind sie auf der sicheren Seite.

Als meine Mutter im ersten Monat mit mir schwanger war – und sie wusste es noch nicht – ging sie zu einem Familienfest. Sie wollte natürlich gut aussehen und steckte sich hübsche Clips aus Nickel an die Ohrläppchen. Was sie nicht wusste war, dass sie eine Nickelalergie hatte. Mitten während des Festessens begannen die Ohrläppchen zu jucken. Das Einfachste wäre gewesen, die Clips abzunehmen aber aus Eitelkeit behielt sie sie an den Ohrläppchen. Das Jucken wurde immer ärger und Mama kratzte und kratzte bis eines der Ohrläppchen blutig war. Als sie nach Hause kam war das Ohrläppchen bereits ziemlich geschwollen und tat weh. Tags darauf wurde es immer ärger und am dritten Tag war das Ohrläppchen eitrig und tat höllisch weh. Erst da entschloss sich meine Mutter den Sanitäter, der Mädchen für alles war zu verständigen. „Da kann nur ein Schnitt helfen!“ sagte der und ging ans Werk. Er schnitt das eitrige Ohrläppchen auf – Narkose war damals nicht üblich und man kann sich vorstellen welche Schmerzen und Qualen meine Mutter dabei erlitt.

Ungefähr eine Woche kam der Sanitäter jeden Tag um den Eiter auszudrücken und die Wunde zu desinfizieren. Und jedes Mal wand sich meine Mutter unter Schmerzen. Es dauerte ziemlich lange bis die Entzündung zurückging.

Nach acht Monaten kam ich mit einem gespaltenen, rechten Ohrläppchen zur Welt. Es sieht aus als wäre es mit einem Messer aufgeschnitten worden, "schaut her!“ Anna lässt ihr gespaltenes Ohrläppchen von uns begutachten. „Und - im Falle meiner Mutter war es das rechte Ohrläppchen, das aufgeschnitten werden musste. Mit so einem Ohrläppchen konnte ich keine Ohrringe als Taufgeschenk bekommen, was meine Taufpatin sehr kränkte.

Als meine Mutter dann wusste, dass sie schwanger war vergaß sie über der ganzen Prozedur mit dem entzündeten Ohrläppchen und auch wegen anderer Sorgen zu San Daniello zu pilgern und sie war überzeugt, dass San Daniello sich auf diese Weise gerächt hat.“ Anna hielt in ihrer Erzählung inne.“Während ihrer weiteren, insgesamt 8 Schwangerschaften ist sie zu San Daniello gepilgert um ihn um eine glückliche Geburt und wohlgestaltete Kinder zu bitten. Alle meine Geschwister haben nicht den geringsten Makel.

Alle meine Schwestern tragen wunderschöne Ohrringe, nur ich kann das nicht!“ Bedauernd blickte Anna in die Runde.

"Liebe Nordländer!“ Für Anna sind alle Menschen, die nördlich der Alpen wohnen“Nordländer“. „Liebe Nordländer! Ihr, die ihr gewöhnt seid, sachlich und logisch zu denken werdet vielleicht an einen Zufall denken, der nichts mit einem Heiligen zu tun hat. Ich aber, liebe Leute bin fest davon überzeugt, dass San Daniello mitgemischt hat und während meiner beiden Schwangerschaften habe ich es nicht verabsäumt San Daniello aufzusuchen, ihm eine dicke Kerze zu spenden und ihn um ein schönes, wohlgestaltetes Kind zu bitten!“

Wir blicken einander an: Es gibt doch sonderbare Dinge in dieser Welt, die nicht erklärbar sind.