Das Bild


Heribert sitzt in seiner Mansardenwohnung im fünften Stock. Sein "Atelier" nennt er das winzige Heim bestehend aus einem Zimmer, einer Kochnische und einer Dusche mit Vorhang. Missmutig blickt Heribert auf die Staffelei. Er kommt mit dem Bild nicht weiter, Landschaft in blau: Heribert legt den Pinsel auf den Sims der Staffelei. Es ist nicht das Richtige, nein! er muss nochmals von vorne anfangen.

Für heute hat Heribert genug. Er schaut zum Fenster hinaus. Es regnet in Strömen. Den dritten Tag regnet es schon. Das Wetter hebt seine Stimmung auch nicht.

Er geht zur Kochnische und macht sich einen Tee. Dabei fällt sein Blick auf das ungewaschene Geschirr in der von Sprüngen durchzogenen Abwasch. Richtig! Emmi ist weg. Emmi seine Freundin und zugleich sein Modell hat ihn verlassen. Sie ist zu einem Postbeamten gezogen.

Heute Früh hat Emmi ihm ihren Entschluss mitgeteilt. Ruhig, mit knappen, kargen Worten, wie es Emmis Art war.

„A Schönheit is` der Ferdi net! Spätestens in an Joar hot er a Glotzn, aber pragmatisiert is er! Und a schene Pension krieagt er amol. Heiraten will er mi a, hot er g' sogt. Vielleicht wird’s net so lustig wie mit dir, oba i muaß an meine Zukunft denken hot die Muata und d' Annatant gsogt!“

Heribert hatte genickt. Emmis Argumente hatten etwas für sich, das musste er zugeben.

Emmi hatte ihre sieben Sachen gepackt. Schließlich hatte sie noch den Vogelkäfig mit dem Kanarienvogel zu dem Köfferchen gestellt. Um den Kanarienvogel tat es Heribert leid. Pünktlich um acht Uhr hatte der Vogel zu singen begonnen. Heribert hasste Wecker jeder Art, nur den Kanari hatte er geduldet.

Als letzten Liebesdienst hatte Heribert Emmi ein Taxi gerufen und ihr 50 € zugesteckt. Das riss ein Loch in sein Budget. Linkisch winkte Emmi zum Abschied aus dem Taxi, dann entfuhr sie samt Taxi aus seinem Leben.....

Auf dem Häferl steht in verschnörkelten Buchstaben „Bubi“. Heribert gibt zwei Stück Zucker in den heißen Tee, in einer Hand hält er das Häferl am Henkel, in der anderen Hand hält er die Rum-Flasche und hastet rasch zum Couch Tischchen. Das rasche Tempo diktiert ihm das immer heißer werdende Häferl.

Schade um die Emmi! Denkt Heribert. So schnell werde ich kein ebenso herrlich knochiges Modell her kriegen....

Heribert bevorzugt an und für sich üppige Frauen. Jahrelang hatte er und seine Staffelei in Fülle und Überfluss geschwelgt. Üppige Brüste, breite Hüften! Je ausladender desto lieber. Es war ein Genuss sich künstlerisch und auch sonst mit seinen diversen Freundinnen und Modellen auseinander zusetzten.

Dann kam die große Wende:

Bis jetzt hatte Heribert ein dutzend Bilder in kürzester Zeit fertig gestellt. Wie von selbst war der Pinsel die Leinwand auf und ab gefahren. Unermüdlich hatte Heribert gemalt; üppige Akte in den verschiedensten Variationen.

In einem aber waren alle Bilder gleich: der Verbrauch an rosa-pastell-Fleisch-Farbe war enorm!

Heribert zweifelte an seinem Stil. Etwas, das so mühelos von der Hand geht kann nicht gut sein! dachte er.

Ein Freund und Kollege öffnete ihm vollends die Augen: „Zuwenig Linien, kaum Substanz! Kein Wunder bei den Fleischbergen die du malst! Und, nebenbei bemerkt: diese Art zu malen ist derzeit in den Kunstgalerien nicht sehr gefragt. Vor Gesundheit strotzende, üppige Körper, die am End`noch heiter und zufrieden dreinschauen sind „out“. Ausgezehrte, an Magersucht leidende Gestalten, deren Gesichtsausdruck entsprechend verhärmt ist, sind in. Schau dir die Models an, dann weißt was ich meine!

Wir Maler sollten nicht darauf schielen was gerade in Mode ist, aber ab und zu müssen wir etwas verkaufen sonst verhungern wir. Also; versuchs` halt einmal andersrum! Diese Bilder bringst du nicht an. Die kauft dir höchstens ein Wurstfabrikant ab und hängt sie in sein Besprechungszimmer!“

Aus war es von nun an mit der Üppigkeit! Schweren Herzens trennte sich Heribert von der dicken Dame seiner körperlichen- und Leinwandlüste und machte sich auf die Suche nach etwas Ausgezehrtem.

Das war nicht leicht. Emmi war die Einzige, die seinen nunmehrigen künstlerischen Ansprüchen in Bezug auf körperliche Kargheit entsprach.

Die Liebe mit Emmi machte ihm keinen rechten Spaß. Seine Sinne, die an Überfluss und Weichheit gewöhnt waren sträubten sich gegen den mageren, knochigen Körper. Sie war wie ein frugales Mahl, einfach und karg. Heribert opferte die Lust der Kunst.Es kam daher zu seltenen, kurzen und verkrampften Umarmungen, die beide nicht befriedigten.

Dafür malte Heribert Emmi. Emmi, die während der Sitzungen Unmengen von Schmalz-Broten verschlang.

Mit fanatischem Eifer studierte er jeden herausragenden Knochen und zeichnete, ja überzeichnete ihn oder warf ihn mit sparsamen aber wirkungsvollen Pinselstrichen auf die Leinwand.

Seine „dürre Periode“ hatte begonnen und entwickelte sich.

Bei einer Gruppenausstellung verkaufte er zwei Bilder zu einem respektablen Preis. Ein erster Erfolgt! Vielleicht ein Zeichen, dass er auf dem rechten Weg war.

Und jetzt war Emmi, sein Modell weg........

Heribert sitzt in dem abgewetzten Ohrenstuhl und schaut zur ausgestopften Boa Konstriktor hinauf, die ihm freundlich zunickt. Sie nickt bei jedem kleinsten Luftzug.

Einmal wird sie 'runterkommen! denkt Heribert. Er hat das Tier samt dem übrigen Mobiliar von seinem Vorgänger übernommen. Die Schlange hängt über der Couch. Heribert musste sie gegen die Freundinnen in Schutz nehmen, die er auf der Couch liebte. Das rhythmische Nicken des Tieres hatte etwas Voyeur-haftes und störte sie.

Es läutet.

„Servus Alter! Ich wollt' nur einmal kurz vorbeischauen. Wie geht’s'?“

Joschi, Heriberts Freund und Malerkollege bringt die kalte Nässe von draußen herein und knotzt sich samt nassem Anorak auf die Couch. Die Boa Konstriktor ober ihm beginnt heftig zu nicken.

„Wunderbar geht’s mir! Nur – mit meinem Bild komm' ich nicht weiter- und – die Emmi hat mich heut' verlassen! Magst einen Tee mit Rum?“ fragt Heribert.

„Ja, gern! Mit dem Bild liegst irgendwie schief. Ich würd' von vorn anfangen. Aber nicht heute!“ Joschi ist aufgestanden, hockt vor der Staffelei, betrachtet das Bild und legt den Kopf schief. Nun lässt er sich neuerlich auf die Couch unter die nickende Drücker-Schlange fallen.

„Das mit der Emmi würd' ich nicht so tragisch nehmen!“ Joschi sieht Heribert an. Hat er den falschen Ton erwischt? Nein, er bemerkt sogar stummes Einverständnis bei Heribert, daher fährt er fort: „Eine andere Mutter hat auch ein schönes Kind!“ Übrigens – ich will dich nicht kränken!“ vorsichtig äugt Joschi neuerlich zu Heribert. „ein „schönes Kind“ war die Emmi ja gerade nicht! Ich hab' mich immer gefragt, was du an ihr findest!“

„Sie hat halt ein herrlich ausgemergeltes Gestell gehabt, Als Modell war sie unbezahlbar! Es wird nicht leicht sein ohne sie!“ seufzt Heribert, der inzwischen mit einem weiteren Häferl, gleich dem ersten, nur mit der Aufschrift „Mädi“ aus der Kochnische zurückgekehrt ist. Es ist das Einzige in seiner Küche, das zusammen passt.

Joschi kramt in seiner Brieftasche: „du, ich hab' von meinem Nachbar eine Karte geschenkt bekommen, Liederabend: heute Abend. Der Vaniek hat die Karte von was weiß ich wen bekommen. Ein Abonnementkonzert. Ich hab' heut' etwas anderes vor!“ Joschi zwinkert Heribert zu. „Ob's was Besseres ist wird sich erst herausstellen. Vielleicht magst du hingehen, jetzt wo du solo bist!“ Er hält Heribert die Karte hin.

„Warum nicht? Einmal was anderes!“ sagt Heribert.

„Also dann geh' ich jetzt! Das Konzert beginnt um halb acht. Da hast nur mehr eine knappe Stunde Zeit!“Joschi schaut auf die Uhr und trinkt den Tee im Stehen aus.

„Servus alter Schnapser! Nächstens mach' mer wieder was miteinander!“ Joschi klopft Heribert kurz auf die Schulter und geht wieder in den Regen hinaus.

Heribert blickt seinerseits auf die Uhr. Wenn er zurecht kommen will muss er sich tummeln. Er schaut in den Schrank, findet aber nichts Passendes für ein Konzert. Schließlich: da ist eine dunkelblaue Hose, die er seinerzeit zur Matura Feier getragen hat und die ihm etwas eng ist. Wenn er den Reißverschluss offen lässt, dann geht’s. Er muss einen weiten Rollkragenpullover anziehen, der über die Hüfte herunter schlabbert.

Er rasiert sich, spendet sich ein wenig Rasierwasser, zieht den Paletot, dem es schon einmal besser gegangen ist an, stellt den Kragen auf und hastet durch den Regen zur Straßenbahn.

Heribert ist eine Viertelstunde vor Beginn im Konzerthaus. Er hat kein Auto und muss daher auch keinen Parkplatz suchen. Er spaziert ein wenig durch die Gänge, schaut sich die Büsten der Tondichter an und sucht anschließend seinen Platz auf. Es ist ein Sitz in der ersten Reihe, gleich beim Podium. Ein sehr kostspieliger Platz! Denkt Heribert und setzt sich.

Allmählich strömt das Heer der Abonnenten in den Saal. Rechts von Heribert nimmt ein älterer Herr im dunklen Anzug Platz, zu seiner linken Seite sitzt eine sehr gepflegte Dame mittleren Alters mit makellos lackierten Nägeln und kostbaren Ringen.

Hinter ihm hört er zwei Damen miteinander plaudern. Eine ältere und eine jüngere Stimme. Beide Stimmen „parlieren“ in gepflegtem Schönbrunner Deutsch. Grässlich! Denkt Heribert, beugt sich zu seiner Nachbarin und nimmt eine Nase voll Parfüm-Duft. Dabei geht er etwas zu geräuschvoll vor. Die Dame flieht zur Seite wie ein aufgescheuchtes Rebhuhn.

No,no! Denkt Heribert und stiert irritiert auf seine Fingernägel. Dabei bemerkt er, dass noch blaue Farbe auf und unter ihnen haftet.

Wie auf Kommando blicken beide Sitznachbarn ebenfalls auf seine Fingernägel. Bei seinen Nägeln, die den Brennpunkt bilden kreuzen sich die Blicke. Die Fingernägel werden heiß als würden sie von unsichtbaren Strahlen getroffen. Heribert nimmt die Hände von den Knien. Die Betrachter seiner Hände starren wieder geradeaus. Heribert fühlt sich nicht wohl in seiner Haut.

„Was macht denn das Töchterl? Studiert es noch?“ Fragt die ältere Schönbrunner-Stimme hinter ihm.

„Ja, die Babsi ist halt so vielseitig begabt und hat so viele Interessen. Da kommt das Studium manchmal zu kurz. Derzeit schreibt sie etwas Sozialkritisches über benachteiligte Randgruppen; Arbeitslose, Obdachlose usw. Woher das Kind diese Ader hat!“ Antwortet die Jüngere.

„Interessant! Ich glaub' diese Sachen sind derzeit sehr modern. Die jungen Leute traun' sich was!“ Sagt die Ältere.

O Gott! Auch das noch! Denkt Heribert. Er ist jetzt wirklich zornig, zornig über sich. Was ist ihm nur eingefallen! Worauf hat er sich da eingelassen! Unauffällig will er sich davonschleichen. Es ist zu spät. Die Tür öffnet sich und Sängerin und Pianist kommen auf die Bühne.

Dann eben in der Pause! Denkt Heribert.

Begrüßungsapplaus! In seinem Ärger blickt Heribert nicht einmal auf sondern klatscht unlustig und dumpf. Jetzt Stille: Die ersten Takte des Begleiters am Klavier, dann setzt eine Sopranstimme ein. Die Stimme beginnt Heribert zu interessieren. Er schaut auf; Eine große, üppige, blonde Frau. Ein skandinavischer Typ. Heribert blickt kurz dem parfümierten Rebhuhn über die Schulter ins Programm: Tatsächlich, eine Schwedin. „Marita Björnstaad“ liest Heribert automatisch. Automatisch betrachtet er das Gesicht, beginnt die verschiedenen Farbtöne der Haut bis zum Ansatz des prächtigen Busens zu studieren.

Die Frau ist schön, sehr schön. Die Klaviermusik, die kräftige, sehr hohe, manchmal sogar schrille Stimme erregen seine Sinne. Heriberts Augen setzten sich an der Kehle fest aus der der Kehlkopf weiß und gespannt hervortritt. Sie schwenken zu den kräftigen gesunden Zähnen, kreisen über die trainierte Zunge hinab in den Schlund, stellen sich das Vibrieren des Zäpfchens vor.

Heribert fühlt mit Augen, Ohren, Mund, mit allen Sinnesorganen. Er erlebt die Geburt der Töne; einer nach dem anderen drängt aus dem Mutterschoß der Kehle. Manche werden leicht geboren, manche werden erst nach schmerzhaften Press-Wehen des Kehlkopfes durch die Enge des Zäpfchens gedrückt, entkommen dem Gefängnis der Kehle umso jauchzender, treffen Heribert bis ins Mark, bewirken ein wohliges Rauf- und Runter Laufen der Gänsehaut.

Heribert sieht aufgerissene Augen, sieht den roten, weit geöffneten Mund, viele Münder, viele Augenpaare. Sie kreisen im Raum, nehmen Töne mit; hohe, tiefe. Er sieht Farben: Jeder Ton wandelt sich in Farbe, Farbe in Töne. Farben, Töne vermengen sich, verschlingen einander, werden ausgespien, treffen auf Heribert, werden dort zu Schauer und Brände.

Heribert hört von Ferne Applaus. Benommen erwacht er aus der Trance.

Pause: Fast alle Zuhörer verlassen den Saal. Heribert bleibt. Er kann es nicht erwarten, wieder hinweg getragen zu werden vom Tanz der Töne und Farben, die ihn berauschen.

Neuerlich Applaus: Die Sängerin tritt an die Rampe. Heribert sieht die Spitze ihres Schuhs aus dem langen Abendkleid hervortreten. Seine Augen klettern an den Beinen hoch, halten sich lange bei den ausladenden Hüften auf. Er lässt seiner Fantasie freien Lauf. Die Augen befreien die üppige Brust von ihrer engen Schale, zwei lichte Granatäpfel treten hervor. Die Augen liebkosen die dunkel violett farbenen Brustwarzen. Zwei harte Knospen spitzen sich zu. Dann wieder die gebärende Kehle, die großzügig Ton um Ton hervorstößt. Töne, Zwillingsklänge werden zu Farben, hüllen Heribert ein wie ein Narkoticum.....

Heribert applaudiert, er hört nicht auf, obwohl das Konzert beendet ist. Er befindet sich im Reich der Frau Venus.

Allmählich klingt die Erregung ab. Innerlich und äußerlich. Heribert merkt, dass neben und hinter ihm Leere ist, ja, dass er allein im Saal ist. Missbilligend und auffordern nickt der Billeteur ihm zu.

Heribert erhebt sich benommen und geht zum Ausgang.

Die Garderobenfrau hält ihm, weit von sich gestreckt, seinen Mantel hin. Auch sie missbilligt sein „aus der Reihe tanzen.“

„Sie sind der Letzte!“ sagt sie überflüssigerweise. „Ich habe keine Wolle mehr zum Stricken und musste auf Sie warten!“ Weinerlicher Vorwurf klingt in ihrer Stimme.

Heribert tritt ins Freie. Wütend springt ihn der Wind an, prasselt der Regen auf seinen Kopf. Automatisch stellt er den Mantelkragen auf.

Er fühlt sich herrlich leicht und wohl, als hätte ihm ein Chirurg einen stählernen Panzer entfernt, mit dem er verwachsen war. Sein Körper ist durchblutet und warm, trotz des ekelhaften Wetters. Leichtfüßig geht er nach Hause, keine Rede von Straßenbahn.

War er denn blind gewesen? Hatte ihn sein Instinkt, ja sein Verstand verlassen?

Zum Teufel mit der „dürren Periode“! Die Kargheit der ockerfarbenen Akte ist nicht seine Sache. Auch seine vorhergehende „fleischige Periode“ war ein Irrtum gewesen.

Er denkt an die Verzauberung, die die Musik, der Gesang ausgelöst haben. Er will versuchen dieses Entzücken, Sinnlichkeit, Erotik auf Leinwand zu bringen, zu wiederholen. Das ist der springende Punkt, darum geht es in jedem Fall!

Was kümmern ihn Tendenzen, Strömungen. Er muss seine eigene Linie finden, darf keiner Moderichtung nachlaufen, sie vielleicht sogar nachäffen. Er muß ausdrücken, für jeden verständlich, auf seine Art.

Heribert ist besessen. Die ganze Nacht arbeitet er an seinem neuen Bild.

Im Morgengrauen legt er sich zwei Stunden aufs Ohr. Anschließend kocht er sich einen starken Kaffee, kauft eine große Schachtel Mozartkugeln und besucht seine prächtig dicke Exfreundin Ria.