Liane


Michael ist bei seiner Lieblingsbeschäftigung. Er gießt seine Pflanzen. Er befindet sich auf seiner verglasten Veranda, die er stolz seinen Wintergarten nennt. Jede einzelne Pflanze betrachtet er aufmerksam. Er hat gelernt zu erkennen ob es den Pflanzen gut geht und sie sich wohlfühlen oder ob sie Mangelerscheinungen haben, zusätzlichen Dünger brauchen und ähnliches. Er hat im Laufe der Zeit gelernt die Sprache der Blumen zu sprechen.

Die Pflanzen danken ihm seine Zuwendung, sie gedeihen prächtig. Eben streichelt er zärtlich die prächtigen, dreifarbigen Blätter seines besonderen Lieblings. Vor einem halben Jahr hat er sie im Schaufenster einer Pflanzenhandlung gesehen. Damals trug sie herrliche, orangefarbene Blüten, jede anders geformt,jede einzelne ein Kunstwerk, das von Menschenhand nicht nachgemacht werden kann.

„Das ist mein Paradestück!“ Hatte der Florist damals stolz gesagt. „Eine sehr seltene exotische Schlingpflanze, stammt aus den Regenwäldern des Amazonasgebietes, gehört zur Familie der Orchideen. Der Botanische Name ist:.....“ und dann hatte er einen ellenlangen lateinischen Namen genannt. „Sehr schwer zu pflegen, sehr empfindlich. Ich weiß nicht was mir eingefallen ist sie zu kaufen. Ich kann sie kaum mit gutem Gewissen weitergeben, umso weniger da sie sehr teuer ist. Sie ist, wie gesagt sehr empfindlich, reagiert auf jede Klimaschwankung, ist also für unsere Breiten völlig ungeeignet und nur in einem geheizten, Feuchtigkeits- geregelten Glashaus zu halten.“

Aber, es war schon geschehen. Michael hatte sich in Liane, so nannte er die Exotin bereits verliebt. Er fegte alle Warnungen des Händlers beiseite, informierte sich genau über die Pflege der Pflanze und nahm Liane mit nach Hause, nachdem er einen horrenden Betrag für sie gezahlt hatte.

Er hatte Liane den besten Platz auf der Veranda gegeben, hatte sie vorschriftsmäßig gedüngt, täglich ihre Blätter befühlt, ja gestreichelt. Liane hatte es ihm gedankt: nachdem die herrlichen Blüten abgeblüht waren trieb sie eine Menge drei-färbiger Blätter und begann sich entlang der Veranda-Mauer hinauf zu schlingen.

„Sie scheint sich wohl zu fühlen!“ hatte Michael jubelnd gedacht und hatte eine Unterstützung entlang der Mauer befestigt um Liane das Klettern zu erleichtern.

„Na meine Schöne, wie geht es dir heute?“ Michael pflegt mit den Pflanzen zu sprechen, vermeidet es aber vor Karin, seiner Frau. Karin sagt zwar nichts, Michael fühlt aber ihre Ironie.

„Ausgezeichnet!“ scheint Liane zu erwidern, „besonders wenn du da bist, mich streichelst und zärtlich mit mir sprichst, dann bin ich sehr, sehr glücklich!“. Purpurrot, hellgrün und Smaragd -farben leuchten die Blätter auf.

„Es wird jetzt kühler, die Sonne hat nicht mehr die Kraft wie im Sommer. Ich glaube, ich muss einen anderen Standort für dich finden.“ Sagt Michael.

Er sieht sich in der kleinen, komfortablen Wohnung um, prüft die Lichtverhältnisse in jedem Zimmer, entscheidet sich schließlich für einen Standort im Schlafzimmer. Vorsichtig und liebevoll löst er Liane von der Veranda Wand und trägt sie dann, die Ranken um seinen Nacken legend ins Schlafzimmer. Dort baut er das Hilfsgitter auf um das Liane sich ranken soll.

Mittlerweile ist es Mittag geworden. Michael hört das Drehen des Schlüssels im Schloss. Aha! Karin kommt vom Samstageinkauf zurück, denkt Michael. Gleichzeitig wird er von einem Unbehagen befallen, verursacht durch die Tatsache, dass er vergessen hat die Kartoffel zu kochen, die Karin für das Mittagessen benötigt. Karin hat ihn ausdrücklich darum gebeten. Das wird wieder Vorwürfe geben und zur Verstimmung führen. Michael ist sich seiner Schuld bewusst darum eilt er ins Vorzimmer um das Ärgste durch eine überschwengliche Begrüßung abzuwenden. Er nimmt Karin den Einkaufskorb und die Päckchen ab und trägt alles in die Küche.

Karin sieht auf dem Herd den Kochtopf stehen, den sie schon mit den Kartoffeln darinnen vorbereitet hat.

„Die Kartoffel sind sicher schon fertiggekocht. Wir können also in zehn Minuten essen. Sei so lieb und räume inzwischen die Sachen vom Einkaufskorb in den Kühlschrank ein. Ich habe schon einen Riesenhunger, muss nur noch die Schnitzel kurz abbraten“.

Geschäftig räumt Karin eine Stiel-Pfanne aus dem Schrank und macht sich daran, das Fleisch zu braten.

„Karin, die Kartoffel sind noch nicht gekocht, ich habe total vergessen den Herd einzuschalten. Wir werden eben etwas später essen, mir macht das nichts aus, das Essen ist ja nicht das Wichtigste!“ sagt Michael.

Karins Miene, noch vor einer Sekunde gutgelaunt und gelöst, verändert sich urplötzlich. Der von Natur aus schmale Mund zieht sich zu einem gewellten, durchfurchten Schlitz zusammen. Das hagere, eher strenge Gesicht sieht aus wie bei einer byzantinischen Ikone. Die lange, gerade Nase steht scharf im Gesicht, als wäre sie mit hartem Bleistift absichtlich hervorgehoben. Die Augen verstärken ihre Neigung aus dem Gesicht zu treten und wirken durch ihre dazugewonnene Größe unnatürlich, durch ihre plötzliche Starrheit erschreckend. Der lange Hals erscheint noch länger, der Kehlkopf, der Ansatz des Schlüsselbeines tritt stärker hervor. Die hagere Gestalt, die gegen den untersetzten, stämmigen Michael ohnedies größer wirkt scheint durch die offensichtliche Wut und Empörung noch mehr zu wachsen. In solchen Situationen erinnert seine Frau ihn an ein beleidigtes Kamel. Gleichzeitig fühlt er sich noch kleiner, noch dicker, noch unbedeutender als sonst.

„So, nicht das Wichtigste!“ nimmt Karin das letzte Wort Michaels auf. Ihre Stimme klingt schrill, böse. „Du bestimmst, wie immer, was heute wichtig ist oder nicht, was heute wichtig ist wohlgemerkt, weil es dir heute in den Kram passt. Morgen ist das Mittagessen plötzlich zum Wichtigsten geworden. Wahrscheinlich hast du dich wieder einmal stundenlang mit deinen Pflanzen beschäftigt und darüber alles vergessen!“

Karin lässt in der Küche alles stehen und liegen und rennt wütend durch die Wohnung ins Schlafzimmer.

„Nun ist mir alles klar! Dieses blöde, exotische Gewächs ist die Ursache deines totalen Gedächtnisausfalls. Die hast du jetzt auch noch ins Schlafzimmer gestellt, damit du sie schon beim Aufwachen bei dir hast. Aber ohne mich!“

Karin stürzt sich auf die Pflanze, will sie ergreifen und aus dem Topf reißen. Da stellt sich Michael ihr in den Weg und stößt Karin unsanft von sich. Karin verliert das Gleichgewicht, stürzt und landet mit Kopf und Schulter am Türstock. Sich vor Schmerzen krümmend bleibt sie am Boden liegen.

Michael eilt erschrocken zu ihr. Das wollte er doch nicht! Er wollte Karin doch nur von ihrem Vorhaben abhalten seine Liane umzubringen. Er kniet neben Karin nieder, nimmt sie in die Arme, betastet die Stellen an Kopf und Schulter die Karin krampfhaft schluchzend mit den Händen bedeckt. Es scheint nichts Ernstes zu sein, vielleicht ein paar blaue Flecke, morgen. Er streichelt Karin, versucht sie zu beruhigen, ergeht sich in Selbstvorwürfen. Endlich ist der Strom der Tränen versiegt, hört das krampfhafte Schluchzen allmählich auf.

Michael hilft Karin auf und führt sie zu einem Sessel.

Weißt du was Schatz, wenn du dich vollends beruhigt hast dann machst du dich ein bisschen zurecht und wir gehen essen. Vielleicht wieder einmal chinesisch, was hältst du davon?“ er hebt Karins Kinn. Nach kurzer Pause nickt Karin, kaum merklich, Zustimmung.

Aber, es bleibt dabei: so Kompromiss bereit Michael sonst ist, in diesem Fall bleibt er hart und Liane bleibt im Schlafzimmer, trotz der ständigen zermürbenden Sticheleien Karins. Und Liane? Liane gedeiht prächtig: binnen zwei Monaten hat sie sich auf das Doppelte ihres ursprünglichen Volumens vergrößert. Michael zieht eine Schnur durch das ganze Zimmer, an der entlang Liane sich ranken kann.

Karin wünscht sich schon seit geraumer Zeit ein Kind. Auch Michael würde sich über ein Kind freuen.Vielleicht wird sie dann freundlicher, zärtlicher, aufgeschlossener denkt er; aufgeschlossener und interessierter für sein Hobby natürlich. Vielleicht hat sie dann eine Beschäftigung, die sie ausfüllt, stellt keine lästigen Besitzansprüche an mich und lässt mich in Ruhe mit meinen Pflanzen.

Aber leider; es klappt nicht. Karin geht zum Gynäkologen, lässt sich untersuchen; es ist alles in Ordnung. „Es muss an dir liegen!“ sagt sie, schleppt Michael ebenfalls zum Arzt.

Analysen werden gemacht, sein Sperma wird untersucht. Es ist alles in Ordnung! Karin beginnt täglich die Temperatur zu messen. Wenn der Eisprung erfolgt muss Michael sich sogar einen Urlaubstag nehmen um die Gelegenheit zur Befruchtung nicht zu versäumen. Oft ist er gerade an diesem Tag nicht in Stimmung. Endlose Debatten, endlose Vorwürfe von Seiten Karins sind die Folge.

Karin ist besessen davon, ja es wird zur fixen Idee um jeden Preis ein Kind zu bekommen.

Michael hat bemerkt, dass Liane in auffälliger Weise reagiert, wenn er mit Karin schläft. Die sonst so herrlich schillernden Blätter hängen dann graugrün herab, sie macht den Eindruck als würde sie bei solchen Gelegenheiten furchtbar leiden. Michael weiß nicht was er tun soll; einerseits wünscht sich Karin glühend ein Kind, andererseits fühlt er wie Liane leidet. Er kann einfach Liane nicht weh tun. Er erfindet daher immer neue Ausreden, wenn es zum Geschlechtsverkehr kommen soll, wird allmählich gegen die Vorwürfe und hysterischen Anfälle Karins immun, stopft sich heimlich Watte in die Ohren, dreht sich zur Seite und schläft ein.

Immer intensiver widmet er sich seinem Hobby, den Pflanzen. Er weicht Karin aus wo er kann. Immer größer wird daher die Entfremdung der beiden. Seine ganze Freude ist Liane. Sie wächst und wächst, hat sich entlang der Schnur geringelt, die Michael gezogen hat und hat bereits das Kopfende des Ehebettes erreicht. Im Frühling hat sie Michael mit zwei herrlichen, exotischen Blüten beschenkt. Michael ist überglücklich. Karin ignoriert die Pflanze vollkommen. Einmal aber sagt sie und ihre Stimme klingt hasserfüllt: „Diese Pflanze allein ist Schuld an unserem Unglück!“

Das ist doch absurd, das kannst du doch selbst nicht glauben als vernünftiger Mensch!“ antwortet Michael.

Es ist Mai. Das Tageslicht stiehlt sich durch die zugezogenen Vorhänge. Michael ist vom Radiowecker geweckt worden. Leise und wie von Ferne dringt Musik an sein Ohr, da er sich am Vorabend, wie so oft wenn es Debatten mit Karin gegeben hat Watte in die Ohren gestopft hat und über den bald zornigen, bald weinerlichen Vorwürfen
Er hat die Augen noch geschlossen und lauscht ein wenig der lieblichen Musik, ehe er den Tag beginnt. Merkwürdig, denkt er kurz, eigentlich müsste Karin längst aufgestanden sein und den Wecker abgestellt haben. Sie ist immer die erste die aufsteht. Sie wird eben verschlafen haben. Der gestrige Streit hat sie sicher erschöpft, die Arme! Michael hat, wie so oft, ein schlechtes Gewissen. Es muss zu einem angenehmeren Zusammenleben kommen, ich muss mich mehr um Karin bemühen, denkt Michael. Er wendet sich ihr zu, will sie küssen und ein paar tröstende Worte sagen.

Das fahle Morgenlicht, das durch die geschlossenen Vorhänge dringt lässt etwas Grauenhaftes erahnen.

Hastig knipst Michael die Nachttischlampe an. Das Entsetzliche bestätigt sich. Karin liegt da; ihr Gesicht ist blau angelaufen. Die Zunge hängt heraus; ebenfalls blau. Die Augen, starr, weit aufgerissen, aus den Höhlen tretend. Erdrosselt! Fährt es Michael durchs Gehirn, die roten Würgespuren am Hals sind noch zu sehen.

Dann aber sieht Michael Liane; Liane – einen ihrer Arme nunmehr locker, fast zärtlich um Karins Hals geschlungen. Liane, die in ihrer ganzen exotischen Schönheit aufleuchtet.

Ein verklärtes, zugleich aber auch wahnsinniges Lächeln erscheint auf Michaels Zügen: „Oh Geliebte! So sehr liebst du mich, dass du sogar für mich mordest?“