Wassermann


Alfons saß im Schlafzimmer seines kleinen Apartments. Sein Vater hatte das geräumige Dachgeschoss des großen Bürgerhauses für seinen Sohn ausbauen lassen. Er hatte die Wohnung ganz nach den Plänen seines Sohnes gestalten lassen, hatte Alfons in allem freie Hand gelassen.

Ein Mann muss alleine leben, muss kommen und gehen können wann er will, muss Freunde und Freundinnen empfangen können wann immer es ihm beliebt,“ hatte Vater gesagt. Es würde ihm schwer fallen den geliebten Sohn nunmehr nicht regelmäßig bei den Mahlzeiten zu sehen, sein stilles, beruhigendes Wesen, die kurzen aber tiefen Gespräche, die sie abends führten vermisste er sehr. Aber er musste dieses Opfer bringen, zum Besten seines Sohnes.

Alfons legte sich auf das Bett und schloss die Augen. Er hörte das Glucksen des kleinen Springbrunnens, der sich, umgeben von Wasserpflanzen in einer Ecke des Raumes befand.

Alfons liebte Wasser, das Geräusch, den Anblick, die Berührung mit Wasser. Sein Vater hatte ihm im Keller des Hauses ein kleines Hallenbad installieren lassen, damit er täglich schwimmen konnte. Die Kosten waren enorm gewesen. Nichts war Vater zu teuer um seinen Sohn glücklich zu machen.

Alfons dachte an seinen Vater. Er wusste wie sehr sein Vater ihn liebte. Er wusste wie sehr Vater unter der Trennung litt, wenn Alfons für längere Zeit in die Landeshauptstadt fuhr um an der dortigen Universität zu studieren. Alfons liebte seinen Vater auch. Er war ein fügsamer, angenehmer Sohn, war nie aufmüpfig gewesen, war mit den Entscheidungen, die sein Vater für ihn gefällt hatte immer einverstanden gewesen. Auch das Wirtschaftsstudium hatte sein Vater für ihn ausgesucht. „Wenn du den Betrieb übernimmst musst du etwas von der Wirtschaft verstehen!“ hatte sein Vater gesagt.

Sein Vater – der reichste Mann im ganzen Umkreis. Sägewerksbesitzer, Bau-Unternehmer – die beiden großen Kaufhäuser im Ort, ja man kann sagen der halbe Ort gehörte ihm. Sein Vater, der Instinkt für Geschäfte hatte – sein Vater, gedrungen, rotgesichtig, strotzend vor Energie, hart verhandelnd, um jeden Preisvorteil feilschend. Sein Vater, der aus einer kleinen Greißlerei ein großes, weitverzweigtes Unternehmen aufgebaut hatte.

Nur eine große Hingabe hatte sein Vater gekannt, die Liebe zu seiner Frau. Seiner Frau, Alfons Mutter, ein zartes, beinahe feenhaftes Wesen. Sehr weiße Haut fast durchsichtig, mit hellem schimmernden Haar. Ein größerer Gegensatz zu Vater war undenkbar.

Alfons Mutter stammte aus der kleinen, malerischen Ortschaft am See. Früher waren die meisten Einwohner Fischer oder Tagelöhner gewesen, die in bescheidenen, ja teilweise armen Verhältnissen lebten. Seit etwa zwanzig Jahren hatte der Tourismus den stillen, romantischen Ort entdeckt. Zuerst kleine Pensionen, später ein großes Luxushotel wurden gebaut. Der Fremdenverkehr brachte Wohlstand in den kleinen Ort, ja in die ganze Region.

Vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren - damals war der Ort noch nicht von den Wogen des Tourismus erreicht worden – lernte Vater die schöne Maria beim jährlichen Sängerfest kennen. Der robuste, kräftige junge Mann verliebte sich auf den ersten Blick in das zarte, stille Mädchen. Mit der ihm eigenen Zähigkeit, in diesem Fall aber auch unterwürfig warb er um die Tochter des Lehrers, der nebenbei auch Fischer war. Jede freie Minute verbrachte er in der Nähe des schüchternen Mädchens, hatte das Bedürfnis sie vor jeder vermeintlichen Gefahr zu schützen, überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten, war glücklich wenn sie ihm lächelnd dankte.

Nach einem Jahr wurde sie seine Frau. Zwei Jahre später kam Alfons zur Welt. Nach Alfons Geburt begann Maria zu kränkeln. Es schien als hätte die Geburt des Sohnes ihre ganze Kraft gekostet, als hätte das Kind ihren Lebenssaft für sich verbraucht. Als Alfons vier Jahre alt war starb sie und hinterließ einen verzweifelt trauernden Mann.

Alfons hatte vage Erinnerungen an seine Mutter was ihr Aussehen betraf, sehr wohl erinnerte er sich aber an die angenehme Kühle ihrer streichelnden Hand, an ein gewisses Leuchten, das von ihrer Gestalt ausging wenn sie anwesend war.

Vater sprach mit Alfons kaum über seine Mutter. Zu groß war der Schmerz über ihren Verlust heute noch, nach so vielen Jahren. Leute, die sie gekannt hatten erzählten Alfons später, dass ihre bloße Gegenwart auf Menschen beruhigend und angenehm wirkte.

Von allen Seiten wurde Alfons bestätigt, dass er in allem seiner Mutter glich. Wo immer er auftauchte verbreitete er Ruhe und heitere Leichtigkeit. Ohne sein Zutun strömten ihm die Menschen zu als würde er einen Zauber ausüben.

Er selbst aber fühlte sich nicht wohl bei Menschenansammlungen, wie Tanzveranstaltungen, Gemeindefesten und dergleichen. Es war ihm als würde er inmitten der Massen verdorren, als würden ihn die Menschen, die seine Gegenwart zu genießen schienen erdrücken.

Heute hatte die Freundin seiner Verlobten geheiratet. Es war eine prächtige Hochzeit gewesen, wie es sich für die Tochter eines wohlhabenden Grundbesitzers und Bauern des Nachbarortes gehörte. Übermütig hatte die Braut den Brautstrauß Helene, seiner Verlobten zugeworfen. Helene hatte ihn strahlend aufgefangen und vielsagend zu Alfons geblickt.

Alfons war immer unbehaglicher geworden. Schließlich hatte er sich entschuldigt, hatte gesagt er habe Kopfschmerzen und wolle sich zurückziehen. Helene, die ihn geradezu anbetete ließ es sich, trotz seines Protestes nicht nehmen mit ihm zu gehen. Sie war sehr besorgt gewesen, wollte noch mit ihm in seine Wohnung kommen und ihm kalte Umschläge machen. Nur mit Mühe und Diplomatie war es Alfons gelungen ihr klar zu machen, dass er alleine sein wollte. Er hatte sie nach Hause gebracht, hatte sich mit einem flüchtigen Kuss verabschiedet und war anschließend in seine Wohnung gefahren......

Alfons genoss die Kühle des Raumes nach den heißen Ausdünstungen der vielen Menschen und lauschte dem Gurgeln des kleinen Springbrunnens. Die Liebe zum Wasser hatte er von seiner Mutter geerbt.

Seit einiger Zeit spürte er immer öfter Unruhe, zugleich Traurigkeit sogar Gleichgültigkeit. Er konnte sich diese Gefühle, die ihn zunächst nur oberflächlich beschlichen, ihn aber allmählich vollends einhüllten nicht erklären. Diese Depressionen wurden noch dadurch verstärkt, dass er sich schuldig fühlte. Schuldig gegenüber seinem Vater, seiner Freundin, seiner Umwelt. Es war unrecht, dass er eine Mauer aufrichtete, eine schalldichte Mauer gegen die Umgebung, die ihrerseits ihm Zuneigung und Sympathie entgegen brachte.

Was war los mit ihm ? war es der Beginn einer Geisteskrankheit ? War dies das Erbe seiner stillen, melancholischen Mutter von der erzählt wurde, dass sie stundenlang am Ufer des Sees gesessen hatte und in die Wellen geblickt hatte.

Plötzlich ging ihm eine kurze Begebenheit durch den Sinn. Heute Abend, während die Kapelle kurz pausierte hatte er zufällig auf die leere Tanzfläche geblickt. Nur ein kleines Mädchen etwa vier bis fünfjährig war auf der Tanzfläche geblieben. Das Kind drehte sich um sich selbst, immer in der gleichen Richtung, schien manchmal über die eigenen kurzen, festen Beinchen zu stolpern, fing sich aber immer im letzten Augenblick. War es ein gewisses schwereloses Gefühl durch das ständige Drehen oder bereits eine Art Extase, jedenfalls lächelte das Kind verzückt vor sich hin, ab und zu einige unartikulierte Laute ausstoßend. Die dünnen, farblosen Haare waren mit einer riesengroßen rosa Masche zu einem Schwanz hochgebunden, der lächerlich weg stand. Alfons bemerkte an der dicken, speichelnden Zunge und an den etwas schräg gestellten Augen, dass das Kind das Down-Syndrom hatte. Plötzlich hielt das Kind inne und blickte Alfons unverwandt an. Es war ein eigenartiger, verstehender Blick, ein Blick der sagte: ich verstehe dich, ich weiß was du fühlst, ich als Einzige hier im Saal, ja als einziges Wesen auf der Welt. Diese Übermittlung hatte nur ein paar Sekunden gedauert, war aber von ungeheurer Intensität gewesen. Dann war der Tanz fortgesetzt worden und Alfons hatte die Kleine aus den Augen verloren.

Alfons versuchte logisch zu überlegen, alles als Hirngespinst abzutun. Dennoch; immer wieder fiel ihm das Kind ein.

Er setzte sich im Bett auf und stützte den Kopf, der furchtbar schwer schien, in die Hände. Das Zimmer wurde ihm plötzlich zu eng. Er fühlte, er musste hinaus ins Freie. Er ging die Stiegen hinunter in den Garten. Seinen Wagen hatte er in der Einfahrt zur Garage geparkt, so als hätte er geahnt, dass er ihn heute nochmals benützen würde. Er fuhr einfach vor sich hin, ohne besonderes Ziel. Ohne dass es ihm bewusst wurde fuhr er durch den kleinen Ort am See indem seine Mutter geboren wurde und ohne ein besonderes Ziel im Auge bog er in den schmalen Wirtschaftsweg ein, der zum Ufer des Sees führte. Er stieg aus und setzte sich ans Wasser, so dass die Wellen fast seine Füße benetzten.

Die Landschaft, die ihn umfing hatte, eben jetzt kurz vor Sonnenuntergang etwas Überirdisches, Entrücktes. Ein Licht, das buchstäblich aus einer großen Haufen-Wolke herabfiel, tauche in den See. Die Oberfläche des Sees reflektierte das Licht, so dass der Schein von einer unerträglichen Intensität war, die den Augen weh tat. Er schloss die Augen; völlige Stille umgab ihn. Seinen Ohren, durch die verschiedenen Geräusche des Tages belastet, tat die Stille gut und sie begannen nach Innen zu horchen, wie Forscher, die nach der lästigen Routinearbeit endlich zum Wesentlichen kommen.

Alfons öffnete die Augen; das vorhin allzu grelle Licht war in den See eingetaucht, versank an der Oberfläche, diese durch ein nunmehr mildes Licht krönend. Er hatte das Gefühl außerhalb von Zeit und Raum zu sein, der Welt entrückt zu sein.

Er blickte um sich, sah das lichte Grün des Ufers, das Smaragdgrün der Erlen und Weiden, die ihre Arme in den See streckten, als wollten sie ihn zärtlich umarmen. Eine leichte Brise kräuselte die Oberfläche des Sees, so dass das Wasser wie geschmolzenes Silber schien, pflanzte sich weiter am Ufer entlang fort, bewegte leicht die herunterhängenden Äste. Die Dämmerung verwandelte das Smaragdgrün in Blass-grün. Er blickte zum anderen Ufer des Sees, sah die Masse der schwärzlichen Nadelbäume, die den See zu schützen schienen vor dem Massiv des Gebirges, das ebenfalls sein letztes Licht in den See geworfen hatte.

Wie schön war dieser Anblick! Ein endloses Glücksgefühl überkam Alfons. Plötzlich spürte er jeden Baum, jeden Strauch, die Erde, die Gräser auf denen er saß mit seinen ganzen Sinnen. Er hatte das zwingende Bedürfnis Eins zu werden mit der Natur, mit ihr zusammen zu fließen, an den Ursprung seines Seins zu gelangen.

Er streifte seine Kleider ab und glitt fast lautlos ins Wasser. Die Kühle des Wassers durchdrang und erfüllte ihn. Er tauchte hinab in den unendlichen Gang des Geheimnisvollen, Dunklen, während es um seine Schläfen brauste. Tauchte wieder an die Oberfläche um seine Lunge mit Luft vollzupumpen, genoss das Spiel mit dem Wasser, war vollkommen glücklich.

Als er neuerlich auftauchte bemerkte Alfons, dass die Kühle des Abends den See mit einer dünnen Nebelschicht bedeckt hatte. Plötzlich hatte er das Gefühl gerufen zu werden; ein unbeschreiblich süßer, weicher Ton, der die Sinne in seinen Bann zog. Er horchte aber es herrschte vollkommene Stille. Er verspürte unwiderstehliche Lust neuerlich zu tauchen, diesmal noch tiefer, noch länger. Er glaube, diesmal Antwort und Erfüllung auf sein Sein zu erlangen, ja er war fest davon überzeugt.

Immer tiefer glitt er hinab. Kühle weiche Arme umfingen ihn, zugleich ein Kuss, der vollkommene Hingabe geradezu erzwang. Zugleich wurde er langsam aber stetig in die Tiefe gezogen. Er versuchte sich aus dem Sog zu befreien, sich gegen das Hinabgezogen werden zur Wehr zu setzen. In diesem Augenblick reihten sich die Bilder seines Lebens wie ein Film aneinander. Noch einmal bäumte sich seine menschliche Natur auf. Lass mich hinauf, lass mich zurück! Schrie es in seinem Inneren. Zu spät, schon war er der Faszination des Kusses, des Kusses eines Wesens aus einer anderen Welt erlegen; es gab kein Zurück mehr..........

Man fand Alfons Kleider am Ufer des Sees. Alfons Vater wurde fast wahnsinnig vor Schmerz. Eine Woche lang mussten Taucher mit Spezialausrüstung den See absuchen, bis der verzweifelte Vater sich dumpf in die Hoffnungslosigkeit ergab. Die Leiche seines Sohnes wurde nie gefunden.