Der Irrtum


„Traude, hast du die neue Cordhose aufgebügelt? ich brauch` sie für heute Abend. Ich muss zur Quartalssitzung im Tennisclub!" fragt Hannes und streichelt seinen wohl gepflegten dunklen Knebelbart.

"Ja, natürlich Schatzi, sie hängt im Schlafzimmer auf dem Anzugständer," sagt Traude und geht in die Küche um das Nachtmahl vorzubereiten.

"Danke Traude! Ich dusche jetzt und mach mich für die Sitzung fertig." Sagt Hannes und geht ins Bad.

Das wird mindestens eine Halbe- bis Dreiviertelstunde dauern, hoffentlich muss inzwischen keines der Kinder aufs Klo, denkt Traude. Ohne Groll oder Vorwurf denkt sie das, lediglich eine praktische Erwägung der Situation. Seit siebzehn Jahren, das heißt seit siebzehn Jahren Ehe ist sie es gewöhnt, dass Hannes das Bad oft stundenlang blockiert, es kommt ihr überhaupt nicht der Gedanke, dass es anders sein könnte.

Mein Mann ist ein schöner Mann, schöne Menschen brauchen eben entsprechend lang um sich zurechtzumachen, denkt Traude ohne Sarkasmus. Es ist für sie ein Naturgesetz, das unumstößlich feststeht. Auch für Monika und Hannes junior, die Kinder ist es selbstverständlich, dass ihr Vater immer zuerst kommt, das hat ihnen ihre Mutter von klein auf beigebracht. In letzter Zeit aber hat die sechzehnjährige Monika angefangen gegen dieses eiserne Gesetz zu revoltieren. Mit dem Bazillus der Auflehnung hat sie auch den vierzehnjährigen Hannes angesteckt.

Damit muss Traude nun zusätzlich fertig werden, muss ausgleichen, der einen sowie der anderen Seite irgendwie gerecht werden, darf die Aufmüpfigkeit der Kinder um Gottes Willen nicht an Hannes heranlassen. Eine zusätzliche Belastung für die belastete Frau, die nicht weiß wie sie die Capricen ihres Mannes und die nunmehr beginnenden Ansprüche der Kinder mit dem bescheidenen Einkommen ihres Mannes und ihrer kleinen Halbtags-Zubuße unter einen Hut bringen soll.

Vor einem Jahr hat Hannes begonnen Tennis zu spielen. Die Einschreibgebühr in den Club hat ein großes Loch in das Familienbudget gerissen. Dann noch die Ausrüstung, die Trainerstunden! Schläger, und es musste das Beste vom Besten sein. Glücklicherweise hatte Traude etwas Geld zurückgelegt. Für ein paar Tage Urlaub. Es reichte aber nicht, sie musste zusätzlich noch vom Sparbuch abheben. Nun hat Monika Forderungen angemeldet. Berechtigte Forderungen, denkt Traude. Monika möchte, wie die meisten ihrer Mitschüler, eine Tanzschule besuchen. Aus diesem Grund würde sie ein bis zwei hübsche Kleider bzw. Kombinationen brauchen. Hannes junior braucht neue Eisschuhe. Aus seinem Schi Anzug ist er auch herausgewachsen. Das alles kostet Geld, Geld das Traude einfach nicht hat. Und Schulden machen? nein Schulden kommen nicht in Frage.

Zu Hannes kann sie nicht gehen. Er würde verständnislos den Kopf schütteln. "Ich liefere ohnedies mein ganzes Gehalt ab bis auf das kleine Taschengeld, das ich mir gestatte. Du musst dir das Geld eben besser einteilen. Man kann sicher da und dort noch sparen. Die teure Creme, die Monika gegen ihre unreine Haut benützt ist zum Beispiel nicht nötig. vielleicht gibt es eine ebenso wirksame auf Krankenkasse!" hat er letztens besser wissend beigesteuert als Traude unnützerweise das Thema Geld anschnitt.

Es gibt keine Creme auf Krankenkasse, keine die wirklich hilft; nur diese, zugegeben teure Creme, die mithilft Monikas Minderwertigkeitskomplexe wegen der pubertäts bedingten Akne abzubauen.

Dass du dass nicht verstehst! Wenn du weniger für dich verbrauchen würdest, nur ein klein wenig weniger wäre es für uns alle leichter, mein Lieber! Hat Traude gedacht. Gesagt hat sie aber nichts; es hätte ja doch keinen Sinn gehabt.

"Der Papa muss immer die teuersten Sachen haben. Das ist einfach ungerecht!" mault Monika.

"Der Papa braucht eben seine teuren Anzüge, sein Tennis. Schließlich arbeitet er ja auch genug! Irgendwie werden wir deine Tanzschule bezahlen. Es wird mir schon etwas einfallen," antwortet Traude.

Hannes kommt aus dem Bad. "Traude, das Aftershave ist schon fast aufgebraucht. Kannst du bitte Neues besorgen?" Eine Wolke von teurem Herrenparfüm umgibt ihn. Traude hat nie teures Parfüm verwendet. Ab und zu tupft sie sich ein wenig Eau de Cologne, das sie zum Muttertag bekommen hat hinters Ohr.

"Und Traude," fährt Hannes fort und blickt Traude von oben bis unten an."du wirst wieder zu dick, du solltest mehr Bewegung machen, Sport betreiben. Vielleicht überlegst du dir eine Diät!"

Wann soll ich Sport betreiben und mit welchem Geld? denkt Traude, die eben in Gedanken dabei ist alle Möglichkeiten durchzuarbeiten um Monikas Tanzschule doch zu finanzieren.

Laut aber sagt sie:"Eine Diät wär` vielleicht wirklich nicht schlecht!" Sie sagt es mit etwas gekünstelter Munterkeit.

Hannes isst kaum von den belegten Broten, verabschiedet sich mit einem flüchtigen Kuss und geht in den Tennisclub.

Nach dem Abendessen geht Monika zu ihrer Schulfreundin in den zweiten Stock, Hannes junior lernt noch ein wenig für die bevorstehende Mathematikschularbeit und hört nebenbei Rockmusik. Traude bleibt allein bei Tisch sitzen.

Wahrscheinlich isst er im Restaurant des Tennisclubs, denkt Traude und denkt zugleich an die unnötige Ausgabe. Wahrscheinlich hat er wieder eine neue Flamme weil er sich gar so einparfümiert, denkt sie weiter.

Hin und wieder kommt es vor, dass Hannes sich verliebt. Ein untrügliches Zeichen ist dann seine häufige Abwesenheit von zuhause, sein verlorener Blick und, nicht zuletzt, sein oftmaliges Duschen, Hemdwechseln und sein großer Verbrauch an Duftwässerchen. Meistens ist nach vierzehn Tagen der Zauber vorbei. Meistens sind diese Episoden harmlose Flirts, Minnegesang ohne Ambitionen auf Erhörung, Bestätigung der männlichen Eitelkeit. Dann folgt eine Phase besonderer Liebenswürdigkeit und Aufmerksamkeit Traude gegenüber. Da kann es schon vorkommen, dass Hannes mit seiner Familie einen Ausflug macht und sie zum Mittagessen einlädt.

Traude freut sich über so einen angenehmen Tag. Ihr ruhiges, ausgeglichenes Wesen nimmt die Gegebenheiten wie sie nun einmal sind. Bis ihr Mann die nächste verrückte und meist kostspielige Idee hat über deren Finanzierung sie sich den Kopf zerbrechen muss.

Hannes, der verwöhnte hübsche Bub, dem seine Mutter keinen Wunsch abschlagen konnte lässt keine Einwände gelten wenn es um seine Wünsche geht.

Traude blickt an sich herunter. Sie neigte schon als junges Mädchen zur Fülle. Warum hat Hannes, der schöne, elegante Hannes gerade mich ausgesucht, denkt sie. Dunkel ahnt sie; instinktiv hat Hannes von all den hübschen, aber auch anspruchsvollen Mädchen des Jugendklubs sie gewählt. Instinktiv hat er gefühlt; sie war die Einzige, die sich ganz seinen Wünschen fügen würde, die sich ganz seiner Person unterordnen würde, die gutmütig und selbstlos genug war ihre Wünsche, ihre Persönlichkeit hintanzustellen.

Glücklich war sie gewesen, verliebt und glücklich. Eine Liebe, eine Hingabe bei der es keinerlei Einwände gab, die einfach da war, für ihn!

Die Kinder waren gekommen. Traude, wenn überhaupt eine Steigerung möglich, noch glücklicher. Mit Gleichmut und Geduld begegnete sie der beginnenden Eifersucht ihres Mannes. Er fühlte sich von Traude vernachlässigt. Traude konnte nun nicht mehr alles liegen und stehen lassen und seine gefütterten Lederhandschuhe in einem komplizierten Verfahren reinigen. Die Kinder hatten ihre festen Zeiten und mussten versorgt werden. Hannes machte Szenen und brachte Traude in Gewissenskonflikte.

Die Schwiegermutter machte ihr ebenfalls das Leben schwer. Wenn sie unangemeldet zur Jause erschien bemängelte sie die Unordnung, die kleine Kinder nun einmal machen, war beleidigt wenn die Enkelkinder nicht ständig bei ihr sitzen blieben und ihre dummen Fragen beantworteten, sondern sich ins Kinderzimmer verzogen und dort mit einander spielten.

"Das ist deine Erziehung!" warf die Schwiegermutter Traude vor. "Aber, ich habe es Hannes immer schon gesagt!" fuhr sie dann meistens fort. Was sie ihm gesagt hatte konnte Traude sich denken. Sie schluckte die Beleidigungen hinunter. Auf dem Grunde ihrer großmütigen Seele versanken sie. Sie versuchte, sie zu vergessen. Sie hatte nicht das Herz sich mit der Schwiegermutter zu verfeinden, ihr die geliebten Enkelkinder, die sie auf ihre Weise liebte zu entziehen.

Ihr ausgeglichener Charakter, ihre robuste Natur verkraftete viel: Die Selbstsucht, Eitelkeit und damit verbundene Tyrannei ihres Mannes, den Blick mit dem er jungen Mädchen unverhohlen nach starrte, die giftigen Sticheleien der Schwiegermutter, nicht zuletzt die Mühe und Plage mit den Kindern, die dennoch ihr einziger Trost und ihre Freude waren, denen sie ihre Zärtlichkeit schenken konnte als sie noch klein waren und die ihren Rat, ihre Hilfe brauchen wenn sie heranwachsen. Traude war wie ein Staubsauger, der allen Mist und Staub in sich aufsaugen konnte, dessen Staubsack noch viel Platz bot.

Traude steht auf und nimmt sich die Bügelwäsche vor. Geschickt bügelt sie die Hemden ihres Mannes. Jeden Tag muss Hannes ein frisches Hemd haben.

Es ist halb zwölf Uhr nachts. Traude hat eben das letzte Handtuch, das letzte Hemd im Kasten verstaut, da hört sie den Haustorschlüssel im Schloss. Aha! Hannes kommt heim, denkt sie. Schade, dass ich noch nicht im Bett bin. Nun wird Hannes wieder duschen und das Bad mindestens eine halbe Stunde besetzen. Na, werde ich eben ohne Duschen zu Bett gehen, ich bin einfach zu müde um zu warten bis er fertig ist, denkt sie weiter.

„Traude, du bist noch auf?“ fragt Hannes und tritt ins Wohnzimmer. „Ja!“ sagt Traude,“ ich wollte gerade zu Bett gehen.“

„Warte! sagt Hannes und dann setzt er etwas zögernd hinzu „ich muss dir etwas sagen, etwas mit dir besprechen“.

„Vielleicht hat das bis morgen Zeit, Hannes, ich bin sehr müde, habe bis jetzt gebügelt und Wäsche eingeräumt,“ sagt Traude und biegt ihr Kreuz hohl um sich zu entspannen.

Hannes nickt, geht ins Bad, bleibt aber plötzlich in der Tür stehen.

„Traude setz dich, ich habe es schon oft verschoben, das Reden, es muss sein!“ sagt er.

Es ist ihm sichtlich unangenehm was er zu sagen hat. Wie auswendig gelernt kommt es. Er teilt Traude mit, dass er verliebt ist, nein, korrigiert er sich, dass er liebt. Es ist die Serviererin des Restaurants im Tennisclub, fünfundzwanzig Jahre alt, fünfzehn Jahre jünger als er. Ein Monat ist es her, dass sie sich ihre Liebe gestanden haben. Er hatte bis jetzt nicht den Mut es Traude zu sagen, setzt er hinzu.

„Ich möchte mit Melitta zusammen sein, wir lieben uns sehr. Es tut mir leid für dich und die Kinder. Selbstverständlich werde ich meinen finanzellen Verpflichtungen dir und den Kindern gegenüber nachkommen.“ sagt er zuletzt und blickt Traude an.

Eine kurze Weile ist Traudes Kopf leer wie ein ausgeblasenes Ei. Dann allmählich füllt sich ihr Kopf, beginnen die Gehirnwindungen zu arbeiten. Eine, ihr bisher fremd gewesene Stimme flüstert ihr ein:... lass ihn laufen!

Traude nimmt den Flaschenöffner in die Hand. Ihre Finger gleiten an dem kühlen Metall entlang, fahren die Rundungen und Ecken nach. Hannes deutet ihr langes Schweigen als Betroffenheit. Sein Entschluss ist keineswegs unumstößlich, ahnt Traude. Wie immer möchte er, dass sie ihm die Entscheidung abnimmt. Was er erwartet sind: Tränen, Bitten, Beschwörungen sie nicht zu verlassen. Er möchte es sich leicht machen gegenüber sich und gegenüber seiner Geliebten; ich kann meine Frau und die Kinder nicht verlassen! Es würde ihnen das Herz brechen!

Da ist die Stimme wieder, eindringlicher, aggressiver als vorhin;... lass ihn laufen!

Aber, das geht doch nicht! er ist doch mein Mann, der Vater meiner Kinder, ich liebe ihn doch! Ich habe ihn zu lieben! widerspricht Traude.

Lass ihn laufen, das ist deine Chance! Hat er dich nicht genug gequält, ja manchmal gedemütigt? sagt die Stimme und überhört Traudes Einwand. Traude ist erstaunt über sich. Es ist als würde ein Gefangener, tief in ihrem Inneren Eingekerkerter, zu Einzelhaft Verurteilter zu revoltieren beginnen.

Es ist ganz leicht! sag ihm, dass du in die Scheidung einwilligst und du bist frei, bist ihn ein für allemal los! flüstert es in Traude.

Letztlich wird ihr bewusst, dass sie lange geschwiegen hat, dass sich ein Pendel zwischen ihnen hin und her, hin und her bewegt hat, dass geantwortet werden muss, dass entschieden werden muss.

"Gut, ich willige in die Scheidung ein! alles weitere werden wir morgen besprechen. Jetzt bin ich aber wirklich müde!" Traudes Stimme klingt ruhig, fast monoton. Sie kann und will Hannes nicht den Gefallen tun; bitte, bleib! möchte er hören. Nein, es ist genug! Eine Leichtigkeit überkommt sie. Leicht erhebt sie sich. Die Müdigkeit ist von ihr abgefallen wie ein schwerer Sack.

Hannes bleibt verdutzt zurück. Nanu, so leicht hatte er es sich nicht vorgestellt! Eigentlich müsste er froh sein, froh, dass Traude ihm keine Schwierigkeiten macht. Eigenartigerweise stellt sich bei ihm keine Erleichterung ein. Im Gegenteil; liebte ihn Traude nicht? Wie war es möglich, dass sie ihn nicht liebte! Sein männlicher Stolz ist verletzt.

Aber gleich denkt er an Melitta. unbewusst kommen ihm die Barbie-Puppen seiner Tochter in den Sinn. Blondes, langes Haar, überlange Beine, knackiger, kleiner Busen. Meine süße kleine Melitta mit der jungen, rosigen Haut! denkt er schließlich. Du allein liebst mich wirklich! Nun soll nichts mehr uns trennen!

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Drei Monate sind vergangen. Nach einer glatten, problemlosen Scheidung ist Hannes in Melittas kleine Garconiere gezogen. Honeymoon! Hannes ist entzückt von seinem neuen Spielzeug. Melitta lacht über seine Witze und Blödeleien. Stundenlang reden sie verliebten Unsinn. Und erst die Liebe! Melitta kann nicht genug bekommen davon. Hannes ist im siebenten Himmel!

Nach zwei Wochen sind sämtliche Hemden schmutzig und liegen in der Schmutzwäschetruhe. Auch frische Unterwäsche hat Hannes keine mehr. „Wir geben die Wäsche zum Waschen und Bügeln außer Haus, das spart uns viel Zeit!“ hat Melitta gesagt, den ganzen Haufen in einen Nylon-Sack gesteckt und in die Wäscherei gebracht.

Geld allerdings haben sie nicht gespart. Hannes muss erst einmal schlucken als er die Rechnung präsentiert bekommt..

Hannes, der wesentlich früher von der Arbeit heimkommt als Melitta findet einen Einkaufzettel im Vorraum. Er, der nie etwas im Haushalt getan hat geht nunmehr einkaufen, trägt den Mist-Kübel hinunter und wartet dann auf sein Zuckerpüppchen.

Melitta kommt erst um acht Uhr abends vom Restaurant des Tennisclubs heim. Schnell schmeißt sie dann ein paar Einer in die Pfanne oder wärmt ein Tiefkühlschnellgericht. Manchmal ist sie aber so müde, dass sie gleich zu Bett gehen muss. Dann bereitet Hannes notgedrungen das Essen und bringt es ihr ans Bett. Einige Male hat er schon Brandblasen abbekommen. Aber, was tut man nicht alles aus Liebe!

Das Frühstück muss er sich morgens selbst zubereiten. Melitta, deren Dienst im Restaurant um elf Uhr beginnt schläft bis halb zehn, frühstückt gemütlich, schminkt sich ausgiebig, muss sich dann beeilen um pünktlich zu sein, so dass sie das Frühstücksgeschirr ungewaschen auf dem Tisch stehen lässt. Hannes, der bis vor kurzem im Haushalt nie einen Finger gerührt hat muss nun, ob er will oder nicht, auch abwaschen.

Mit Hannes` Mutter hat sich Melitta sofort beim ersten Zusammentreffen überworfen. "Die Wohnung dieser Frau betrete ich nie wieder!" hat sie erklärt.

Trotz aufkommender Schwierigkeiten und Widrigkeiten zwingt sich Hannes zur Zuversicht. Es wird schon alles werden, denkt er, ich muss Melitta erst allmählich erziehen, sie ist halt noch sehr jung. Ein verliebtes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht bei diesem Gedanken.

Eines Tages kommt Hannes Heim vom Dienst. Melitta ist schon zu hause, hat sich auf der Couch ausgestreckt und liest einen Roman.

"Was ist mit dir, Spatzi! bist du vielleicht krank?" fragt Hannes.

"Nein, ich bin nicht krank, im Gegenteil, ich fühl mich ausgezeichnet, denn ich habe heute gekündigt!" sagt Melitta.

"Recht hast du! die Arbeit im Tennisclub ist nicht gerade das was man sich wünscht. Außerdem hört jetzt die ständige Tuschelei über uns auf. Ich hab` mich schon nicht mehr ins Restaurant getraut nach dem Match. Wir werden etwas Passenderes für dich finden, etwas wo du mehr Aufstiegschancen hast." Sagt Hannes.

"Du verstehst mich falsch! ich habe gekündigt um künftig zuhause zu bleiben. Das Servieren ist doch kein Dauerzustand. Es ist wahnsinnig anstrengend. Vielleicht werde ich irgendeinmal umsatteln, vorläufig bleibe ich aber zuhause und werde mich nur um den Haushalt kümmern. Wir möchten doch ein Baby! Der Arzt hat gesagt solange ich so im Stress bin wird es mit einer Empfängnis nicht klappen. Ich brauche also Ruhe, Ruhe und wieder Ruhe. Freust du dich, mein Kater?" fragt Melitta, reckt ihr Stubs-Näschen in die Luft und ist sich Hannes` Zustimmung sicher.

Hannes ist sprachlos. Er setzt sich zunächst einmal, dann beginnt er sanft mit leisem Vorwurf zu sprechen: "Aber Puppilein, wie stellst du dir das vor! das kann ich mir einfach nicht leisten. Ich muss doch die Alimente zahlen für meine Geschiedene und die Kinder. Das verschlingt mehr als die Hälfte meines Gehaltes. Ich wollte dir ohnehin vorschlagen die Wäsche zu hause zu waschen und zu bügeln, die Wäscherei kommt zu teuer. Auch die Fertiggerichte sind auf die Dauer zu teuer. Mein Magen verträgt diese Art Schnellessen überhaupt nicht. Du musst eben täglich frisch kochen. Wir werden gemeinsam einen Speiseplan erarbeiten, leichte und doch billige Kost, damit mein Magen wieder in Ordnung kommt.

Von einem Baby war zwischen uns nie die Rede. Ich habe doch schon zwei Kinder! Nein Spatzi! es ist wirklich eine Notwendigkeit, du musst dazuverdienen, sonst kommen wir nicht aus!“

Während seiner Rede hat Melitta sich aufgesetzt. "Heißt das also, dass ich mich ein Leben lang abrackern muss, etliche Kilometer pro Tag laufen muss um Leute, die sichs` leisten können zu bedienen, während du deine Bürostunden absitzt? Soll das heißen, dass ich nach der Arbeit, wenn ich schon nicht mehr stehen kann deine Hemden bügeln soll und dann ein leichtes Abendessen, täglich frisch und Magen freundlich für dich kochen soll, während du Tennis spielst und anschließend mit den eingebildeten Protzern im Restaurant sitzt und plauderst, nebenbei mit der neuen Serviererin flirtest?

Nein, mein Lieber! So blöd` bin ich nicht. Wenn ich mir schon einen "Alten" nehme, die ganze „Fadesse“ mit ihm in Kauf nehme will ich auch etwas davon haben!" Ihre Mädchenstimme hat sich während der Rede allmählich zu einem schrillen Kreischen gewandelt. Ihr glattes, rosiges Gesicht ist hart geworden. Von den bebenden Nasenflügel abwärts verlaufen zwei tiefe Falten zu den Mundwinkel und weiter bis zum Kinn. Die runden, kindlich blauen Augen sind zu bösen Sehschlitzen verformt. Das blonde Haar hängt strähnig ins Gesicht.

Hannes fährt erschrocken zurück. Plötzlich hat er die Vision eines Hexenantlitzes, das drohend vor ihm schwebt. Unfassbar! noch nie hat ihn jemand so gekränkt, so tödlich beleidigt, so verletzt. Alles Blut ist aus seinem Kopf gewichen. Als "Alten" hat sie ihn bezeichnet. Ist sie denn von Sinnen? Er und alt! Plötzlich schlägt die Betroffenheit in kalte Wut um. Er holt aus und schlägt Melitta ins Gesicht. Ein rosa Abdruck seiner Hand erscheint auf Melittas Wange. Erschrocken zieht er die Hand zurück, wie konnte er sich so gehen lassen! Er beugt sich zu Melitta will sie um Verzeihung bitten, da spürt er ihre Fingernägel auf der Wange. In der nächsten Sekunde spürt er etwas Warmes die Wange herabrinnen. Melitta springt auf. Wie eine böse Katze faucht sie: "Scher dich raus, das ist meine Wohnung!" Sie geht zum Schrank und wirft seine sauber gefalteten Hemden, die Anzüge, Pullover, Unterwäsche und Schuhe auf den Boden. Ein wirrer Haufen entsteht. „Ich geh` jetzt weg. In zwei Stunden bin ich wieder da. Wenn du dann noch in der Wohnung bist rufe ich die Polizei und zeige dich wegen Misshandlung an!."

Blitzschnell hat Melitta den Mantel angezogen, nimmt beide Wohnungsschlüssel an sich und schlägt die Eingangstüre zu.

Hannes wischt sich sorgfältig das Blut, dass ihm von der Wange rinnt mit dem Taschentuch ab und stiert auf das Durcheinander um ihn herum. Mechanisch bückt er sich, beginnt Hemden zusammenzulegen, die verstreute Unterwäsche zusammen zu klauben. Allmählich kann er wieder klar denken: Wie konnte ihm das geschehen. Wie konnte er sich nur so in Melitta täuschen, welcher Fatamorgana ist er da aufgesessen. Er denkt an Traude, seine Traude, seine Frau. Wie war es möglich daß er wegen dieser Göre, die sich als fauchende Hexe entpuppt hatte seine Frau verlassen hat? Er hält einen Augenblick inne und blickt auf seine Hände; Die Brandblasen sind kaum verheilt. Die sonst immer tadellos manikürten Fingernägel sind rissig, ein Nagel ist abgebrochen.

Traude hätte nie zugelassen, dass er Hausarbeit macht. Nie hätte sie ihn so gedemütigt! Traude, ja, Traude, seine Traude. Er wird sie anrufen, er wird zu ihr zurückkehren, zu ihr und zu den Kindern, die ihn bestimmt bereits vermissen. Er hat sich nach seiner Scheidung kaum um die Kinder gekümmert, war viel zu sehr mit Melitta beschäftigt, der vermeintlichen großen Liebe. Welch ein Irrtum. Er wird Traude alles erklären, wird sie um Verzeihung bitten. Er ist sicher, Traude wird ihn mit offenen Armen aufnehmen. Er wird sein gewohntes Leben wieder aufnehmen, wird wieder glücklich sein mit Traude.

Er wählt die Nummer seiner Wohnung. Er hört die ruhige Stimme Traudes.

"Traude, Liebling, du es geht mir sehr schlecht. Alles war ein schrecklicher Irrtum, dieses kleine Biest!" berichtet Hannes aufgeregt. "Zuletzt hat sie mir die Wange zerkratzt!" schließt er. Seine Stimme zittert, er ist den Tränen nahe. Seine Worte überstürzen sich. Er ist glücklich, dass er doch einen Menschen auf Erden hat der ihn versteht, seine Traude! "Du wirst sehen wir werden wieder von vorne anfangen, wir werden glücklich sein. In zwanzig Minuten bin ich bei dir!" haspelt er zuletzt in den Hörer.

Am anderen Ende scheint die Leitung tot.

"Hörst du mich Traude?" fragt Hannes nervös.

"Ja Hannes, ich höre dich." sagt Traude.

"Und, Traudilein?"

"Nein, Hannes! lassen wir es so wie es ist. Wir haben einen Schlusspunkt gesetzt und dabei bleibt es!"sagt Traude ruhig aber bestimmt.

"Aber.... aber Liebling! es wird alles sein wie vorher, so als hätte es diesen Irrtum nie gegeben!" beschwört Hannes.

"Eben Hannes, eben. Es würde alles so sein wie vorher. Ich dürfte mich wieder abrackern für dich, deine Eskapaden tolerieren, deine Kapricen finanzieren. Nein Hannes! Es ist so viel besser für mich und die Kinder. Seitdem du nicht mehr da bist ist es so als wäre mir eine Last abgenommen worden, eine schwere Last. Ich fühle mich leicht und frei. Nie wieder möchte ich diese Last empfinden. Es bleibt schon so wie es ist. Ich wünsche dir viel Glück!"

Traudes Stimme ist während des Gespräches heftiger geworden, zuletzt ist sie aber mit der gewohnten Ruhe ausgeklungen. Es klickt in der Leitung, Traude hat aufgelegt.

Hannes' Kopf scheint sich zu drehen, immer schneller, immer schneller. Es wird ihm schwarz vor den Augen, er muss sich setzen, ist nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Vor seinen geschlossenen Augen blitzen Bilder auf. Bevor er ein Bild erfassen, erkennen kann kommt das nächste. Ein Diaprojektor projiziert in seinem Hirn ein Bild nach dem anderen. Die Bilder werden derart schnell geblitzt, dass er nur Fragmente erkennen kann. Er erkennt Nasen; übereinander, untereinander. Verschiedene Augen die sich im Kreis drehen, andere Gliedmaße, die wirr durcheinanderwirbeln.

Dazu kommt aus dem Hinterkopf ein übermäßig hoher Ton, der das Gehirn zu spalten droht.

Hannes greift sich an die Schläfen. Er hält das nicht aus, nur weg, weg mit dem Schmerz, mit dem Blitzen in seinem Kopf.

Er fühlt sich leicht, öffnet das Fenster, steigt auf die Fensterbank, beugt sich vor und zurück, ergreift im letzten Augenblick den oberen Fensterbalken, wiederholt das Spiel immer wieder, immer wieder........

Plötzlich wacht er auf aus dem Delirium, spürt wieder die Schwere seines Körpers. Von der Straße her ertönt das Folgetonhorn der Feuerwehr. Trari Trara.....der Wagen hält direkt unter seinem Fenster. Männer mit Feuerwehrhelmen springen heraus, breiten blitzartig ein Sprungtuch aus.

Feuerwehr! Ein Bild aus seiner Kindheit erscheint. Er weiß nicht; ist es ein Foto, ist es ein Film? Ein hübscher, etwa achtjähriger Bub mit blonden Locken. Er spielt mit einem Spielzeug-Feuerwehrauto und lächelt in die Kamera. Keiner kann diesem Lächeln widerstehen, keiner kann dem kleinen Hannes etwas abschlagen....

Sein Körper fährt fort sich rhythmisch vor und zurück zu bewegen. Er hört eine Megaphon-Stimme, Es ist eine ruhige, langsame, artikuliert sprechende Stimme. Hannes hört etwas von Besonnenheit und Ruhe. Die Stimme wiederholt den gleichen Satz immer wieder, ändert nicht den Tonfall. Hannes fährt fort am Fenster herumzuturnen.

"So springens` halt. Springen Sie! wie lange soll das noch gehen? Was soll ich in meinen Bericht schreiben?" Es ist plötzlich eine andere Stimme da, eine harte, ungeduldige Stimme.

Hannes springt und wird vom Sprungtuch sicher aufgefangen.