Der „Saiten“- Mörder


Mit stiller Traurigkeit blickt Josef auf seine Gitarre, die er seit Jahren nicht mehr angerührt hat. Wie sehr hatte er seinerzeit das Gitarre-Spiel geliebt! Trotz seiner, von der Arbeit im Installationsbetrieb klobig gewordenen Finger gelang es ihm mit Leichtigkeit zu spielen, ganz gleich welche Stücke. Wie glücklich und zufrieden war er in diesen Stunden gewesen. Und nun nach so langer Zeit immer noch......verzweifelte, quälende Gewissensbisse! traf nicht ihn die meiste Schuld an den damaligen Ereignissen?.....

Mit 12 Jahren hatte Josef, wie viele seiner Schulkollegen eine einfache Gitarre geschenkt bekommen. Der Musiklehrer, ein sehr ambitionierter Mann versuchte seine Schüler für diverse Musikinstrumente zu begeistern und in ihnen den Wunsch zu wecken, diese zu erlernen. Einige von Josefs Schulfreunde hatten Pianinos daheim da war es natürlich, dass sie sich für das Klavier entschieden. Andere wieder wollten Geige oder Flöte lernen. Josef entschied sich für Gitarre.

An der Musikschule machte er bereits in kürzester Zeit große Fortschritte. Sein Gitarre-Lehrer war begeistert. In eineinhalb Jahren lernte Josef so viel wie andere Schüler in 5 Jahren. Der Gitarre-Lehrer überredete Josefs Vater, der den Meisterbetrieb leitete seinen Sohn doch aufs Konservatorium zu schicken.

Josefs Vater, der Installateurmeister Josef Novy, ein tüchtiger Handwerker, der aus dem Nichts einen gut gehenden Betrieb mit 3 Gesellen aufgebaut hatte stimmte nach einigen Zögern zu. Josef junior bestand die Aufnahms-Prüfung mit bravour. Von da an gab es für Josef nur noch das Gitarrenspiel und sein Professor, ein Meister auf der Gitarre war erstaunt über das überragende Talent seines besten Schülers.

Mit 15 Jahren aber brach für Josef die Welt zusammen. Ausgerechnet nach einem Wettbewerb bei dem Josef überragend geglänzt hatte und den ersten Preis gewonnen hatte geschah es: Sein Professor ging Freude strahlend auf Josefs Eltern zu:“Nun steht ihrem Sohn die Musikwelt offen. Er wird eine glänzende Karriere machen, bei seinem Talent, davon bin ich überzeugt!“

Josefs Mutter lächelte stolz. “Woher der Bub das Talent nur hat!“ In unserer Familie weiß ich keinen, der Musiker geworden wäre!“

Aber Herr Novy schaute alles andere als begeistert drein. „Daraus wird nichts! Der Bub wird jetzt vom Gymnasium und vom Konservatorium abgehen. Er wird bei mir in die Lehre gehen, Geselle werden und anschließend, so hoffe ich, die Meisterprüfung machen. Er ist mein einziger Sohn und wird den Betrieb zu gegebener Zeit übernehmen. Es kann doch nicht sein, dass ich alles umsonst aufgebaut habe! Außerdem! Was würde ihm als Gitarrist erwarten. Soviel verstehe ich schon von Musik dass ich weiß, dass Gitarre kein Orchesterinstrument ist. Selbst wenn er ab und zu Konzerte geben würde, es wäre doch ein Leben von der Hand in den Mund, nichts sicheres!

Es gibt schon genug fahrende Gitarristen, die in der Fußgängerzone spielen. Alles ausgezeichnete Musiker.

Nein, es tut mir leid! Das möchte ich nicht für meinen Sohn. Er soll etwas Solides lernen. Nur Handwerk hat goldenen Boden!“

„Ja, aber!“ Der Professor wollte zu einer Erwiderung ansetzen, stockte aber sofort als er in die unnachgiebige und entschlossene Miene des Herrn Novy blickte. Schweigend und verständnislos blickte er Herrn Novy an. Wie konnte er seinem Sohn der, soviel war sicher ein hervorragendes Talent war und bestimmt einer der besten Gitarristen werden würde die Karriere verbauen und aus ihm einen Handwerker machen nur um sein sogenanntes Lebenswerk fortzusetzen. Er schüttelte den Kopf.

Josef aber wurde nach der Ankündigung seines Vaters leichenblass, öffnete und schloss die Lippen. Plötzlich rann ein Schwall von Tränen seine Wangen herunter und er schluchzte auf. Seine Mutter, die zwar immer von den Plänen ihres Mannes gewusst hatte mit seiner spontanen Ankündigung aber nicht gerechnet hatte, stürzte sich auf Josef, sprach ein paar beruhigende Worte und versuchte ihm die Tränen abzuwischen.

„Du wirst mich jetzt hassen, Josef! Ich verstehe das auch, aber glaube mir; so schwer es dir momentan fällt! In einiger Zeit wirst du darauf kommen, dass ich recht hatte und für dich richtig entschieden habe. Wann immer du Zeit haben wirst kannst du deiner großen Leidenschaft, dem Gitarre-Spiel nachgehen. Du wirst sehen, dass es viel schöner ist ohne dem Druck des Geldverdienens, des sich anbiedern müssen an Politiker und Intendanten und nur zu deiner Freude spielen zu können!“

Josef schloss sich die nächsten Tage in sein Zimmer ein und wollte mit niemandem sprechen. Mit Müh` und Not aß er ein paar Sandwich, die ihm seine Mutter aufdrängte. Er hatte gewusst, dass er Installateur werden sollte um den Betrieb seines Vaters eines Tages zu übernehmen. Bis zu seiner Hingabe an die Gitarre war er mit den Plänen seines Vaters einverstanden gewesen. Ja er hatte seinem Vater das eine oder andere Mal bei der Arbeit geholfen und sich recht geschickt angestellt. Dann aber hatte er gehofft, dass sein Vater ihn das Gymnasium beenden lassen würde und dass er anschließend auf die Musikhochschule gehen könnte. Daher war er nach Vaters Ankündigung am Boden zerstört.

Schließlich fügte er sich, absolvierte die Installateur-Lehre bei seinem Vater, dem er lange Zeit grollte und fand sogar nach und nach Gefallen an seinem Handwerk. Er wurde ein geschickter Handwerker, konnte mit Kunden sehr gut umgehen und er war, da er nie den Chefsohn hervorkehrte, auch unangenehme Arbeiten machte bei den übrigen Gesellen sehr beliebt. Einige Zeit nach der Gesellenprüfung absolvierte er auch die Meisterprüfung und konnte ab diesem Zeitpunkt zusammen mit seinem Vater, der ihm aber immer mehr freie Hand ließ den Betrieb führen. Die freie Zeit aber gehörte seiner Gitarre.

Das Geschäft florierte. Die Firma Novy war als gut und zuverlässig bekannt und hatte in der Branche den besten Ruf. Nunmehr waren insgesamt 5 Mitarbeiter beschäftigt um die anfallenden Aufträge zu bewältigen.

Josefs Mutter und eine Hilfskraft machten die Büroarbeit und die Buchhaltung.

Josef heiratete ein nettes Mädchen das gut zu ihm passte. Angelika kam aus einem kleinen Ort in Niederösterreich und hatte bei der örtlichen Blasmusik Klarinette gespielt. Sie hatte Verständnis für Josefs Passion und musizierte zu Josefs Freude gemeinsam mit ihm. Als aber die Babys kam, zuerst Josef Nr.3 und dann die Tochter Gerda und Angelika teilweise Josefs Mutter im Büro ersetzen musste hörte das gemeinsame Musizieren auf.

Josefs Mutter ging es gesundheitlich immer schlechter. Als sie nach 5 Jahren Leidens an Krebs starb wurde ihr Mann immer schweigsamer und litt an Depressionen. Er übergab den Betrieb zur Gänze an Josef und zog sich vollkommen aus dem Geschäftsleben zurück.

Josef hatte seinem Vater längst verziehen, mochte seine geradlinige Art, schätzte ihn und machte sich Sorgen um ihn. Letztlich, das musste er sich eingestehen hatte sein Vater mit der damaligen Entscheidung recht gehabt. Josef beobachtete den Werdegang diverser Berufsmusiker - auch Gitarristen, die alle ausgezeichnet waren. Er musste feststellen, dass sie tatsächlich von einem Auftritt zum nächsten lebten, kaum eine feste Anstellung und daher immer Existenzprobleme hatten. Ja, tatsächlich! den einen oder anderen seiner früheren Mitschüler am Konservatorium hatte er schon in der Fußgänger-Zone spielen sehen. Er hatte ihnen immer ein ansehnliches Trinkgeld in ihren Korb eingeworfen. Zum Glück hatten sie ihn in der Menge nicht erkannt.

Jahre vergingen. Der kleine Josef gedieh prächtig und war ein problemloses, stilles Kind, immer heiter und hilfsbereit seinen Schulkollegen und seiner jüngeren Schwester gegenüber. Sein Vater teilte ihn manchmal für kleine Handlangerarbeiten ein und bemerkte, dass sein Sohn diese Arbeiten gut ausführte. Alle mochten ihn und auch er mochte alle. Er wuchs zu einem hübschen jungen Mann heran und manches junge Mädchen blickte ihn verstohlen nach. Das bemerkte der Bursche aber überhaupt nicht, denn seine ganze Liebe und Hingabe gehörte, wie seinerzeit bei seinem Vater dem Gitarrenspiel.

Schon von klein auf war es für Josef Nr. III die größte Freude seinem Vater beim Gitarre-Spiel zuzusehen und zuzuhören. So bald als möglich begann auch er Gitarre-Unterricht zu nehmen und übte dann zuhause oft bis in die Nacht hinein. Vater Josef freute sich über den Eifer seines Sohnes und er nahm sich vor, sollte sein Sohn Musiker werden wollen, ihn zu fördern und ihm nichts in den Weg zu legen. Heimlich hörte Vater Josef seinem Sohn beim Üben zu und ging dann wieder zufrieden lächelnd an seine Arbeit. Sollte sein Sohn doch das Leben führen, das er wollte. Der Betrieb war nicht so wichtig!

Joe, wie sich Josef III nun nannte machte große Fortschritte beim Gitarrenunterricht. Er war ein mittelmäßiger Schüler, lernte nur das Notwendigste um durchzukommen um sich umso mehr der Gitarre zu widmen. Sein Professor an der Hochschule war sehr begeistert von ihm und prophezeite ihm eine große Karriere.

Dann aber kam der große Bruch. Joe hatte schon an verschiedenen kleineren und größeren Wettbewerben teilgenommen und immer sehr gut abgeschnitten. Erster und zweiter Platz.

Seine Ausbildung war nach 4 Jahren Studium praktisch abgeschlossen. Es fehlte nur die Diplomprüfung. Es sollten zwei unterschiedliche, sehr virtuose und musikalisch fordernde Stücke vorgetragen werden. Der Professor suchte für Joe die Stücke aus. Mit dem einen war Joe einverstanden aber das zweite Stück war ihm zu leicht. Er wollte zeigen was er konnte und wählte eines der schwierigsten Gitarre-Stücke die es gab.

Er machte sich daran zu üben. Das eine Stück ging ihm gut von der Hand und war bald einstudiert. Das Schwierige aber, von ihm gewählte wollte und wollte nicht gelingen, so sehr Joe sich auch bemühte.

Verbissen und stundenlang oft bis weit nach Mitternacht übte Joe. Sein Vater, der wie immer, heimlich sein Üben belauschte musste sich eingestehen, dass sein Sohn an das Limit seiner Möglichkeiten gestoßen war und das bekümmerte ihn. Auch der Gitarre-Professor, der ebenfalls bemerkt hatte, dass Joe das Stück nicht bewältigen konnte schlug vorsichtig vor doch ein anderes Werk zu wählen, das flüssiger war. Aber Joe wollte davon nichts wissen. Mit noch größerem Eifer übte er das schwierige Stück.

In seiner Verblendung gestand Joe sich einfach nicht ein, dass das schwierige Stück einfach gegen ihn war. und so kam es natürlich zur Katastrophe! Er bestand die Diplomprüfung nicht. Der Professor, der den Misserfolg vorausgesehen hatte tröstete Joe und schlug zur Wiederholungsprüfung ein anderes Stück vor.

Joe war einverstanden, versuchte das neue Gitarre-Stück zu üben aber es war wie verhext! Nichts gelang Joe mehr! Es war als hätte sich in seinem Gehirn ein Hebel umgelegt, der nichts mehr zuließ, aus!

Professor und Vater trösteten und beruhigten Joe. Sie baten ihn doch Geduld mit sich selbst zu haben, es würde wieder kommen. Er würde die Prüfung nachholen und nichts würde seiner musikalischen Karriere im Weg stehen. Joe versuchte ihnen zu glauben, versuchte auch für die Diplomprüfung zu üben aber es half nichts, es ging einfach nicht mehr!

Von da ab änderte sich sein Wesen und Charakter. Der früher heiter, ruhig und ausgeglichene junge Mann wurde nervös, ungeduldig mit sich und seinen Mitmenschen, ja auch aggressiv. Er trat von der Diplomprüfung zurück, ja meldete sich überhaupt von der Hochschule ab. Er zog sich immer mehr in sich zurück. Das Verhältnis zu seinem Vater, das vorher ein herzliches und freundschaftliches gewesen war wurde gespannt. Auf vorsichtige Fragen seines Vaters, wie er sich seine Zukunft vorstellte gab Joe ausweichende ja patzige kurze Antworten, ließ seinen Vater einfach stehen und ging weg.

Der war sehr beunruhigt, vermutete aber, dass das Verhalten seines Sohnes entwicklungsbedingt war, ließ Joe einfach in Ruhe und wartete ab. Großvater Josef, der auch die Unfreundlichkeit seines Enkels zu spüren bekommen hatte warf seinem Sohn vor zu nachsichtig mit Joe zu sein. Der Vater aber winkte gelassen ab.

Jahre vergingen... Joe hatte mit Müh` und Not maturiert – er zeigte einfach für nichts Interesse. Die Gitarre hatte er seit Jahren nicht mehr angerührt. Er absolvierte die Installateur-Lehre und anschließend mehr oder weniger gut die Meisterprüfung. Wahrscheinlich drückten die Prüfer ein Auge zu, da Joe ja der Sohn eines alteingesessenen Betriebes war. Vater Josef fühlte, dass sein Sohn zutiefst unglücklich war. Jeder Versuch ihm näher zu kommen scheiterte an der Kälte und an der Mauer, die Joe um sich aufgebaut hatte. Joe ging in kein Kino, in keine Disco, wurde auch nicht zu diversen Festchen eingeladen. In seiner Freizeit lag er stundenlang auf seinem Bett und starrte vor sich hin. Seine Familie aber auch sein Umfeld merkte, dass mit ihm etwas nicht stimmte.

Nur wenn Gitarre-Virtuosen ein Gastspiel gaben kaufte Joe sich gute Karten und lauschte angespannt dem Konzert. Vater Joe freute sich darüber und hoffte, dass Joe vielleicht durch die Konzerte angeregt würde wieder zu spielen. Wenn er aber Joe von den Veranstaltungen nach Hause kommen sah bemerkte er einen Hass erfüllten Ausdruck in seinem Gesicht und das machte ihm Angst.

Wieder einmal kam ein berühmter Flamenco-Gitarrist nach Wien und gab da mehrere Konzerte. Joe besorgte sich im Vorhinein teure Karten für alle drei Konzerte. Nach jedem Konzert stellte er sich um ein Autogramm an und wechselte jedes Mal ein paar Worte mit dem Gitarristen. Er gab sich als begeisterter Fan des Künstlers zu erkennen.

Beim dritten und letzten Konzert begrüßte ihn der Maestro bereits freundschaftlich, legte ihm einen Arm um die Schulter und lächelte ihn verliebt an. Joe war ein hübscher, gutgebauter junger Mann, der, und das hatte er schon öfter bemerkt auf homosexuelle Männer sehr anziehend wirkte. Sofort begriff er. Der Maestro fragte ihn leise ob er mit ihm in seinem Hotel zu Abend essen wolle. Joe lächelte zustimmend.

Als Joe diesen Abend weit nach Mitternacht um 2 Uhr früh nach Hause kam bemerkte Vater Josef, der sich Sorgen gemacht hatte und auf ihn gewartet hatte zum ersten Mal seit Jahren einen zufriedenen, ja glücklichen Gesichtsausdruck bei Joe.

.......Am kommenden Tag fand man die Leiche des Flamenco-Gitarristen in seinem Hotelzimmer. Er war mit einigen Gitarrensaiten erdrosselt worden.