Eine schlechte Mutter


Sie stand im finsteren Hausflur. Automatisch schaltete sie das Fünf-Minutenlicht ein. Es war der Flur eines modernen Wohnbaues, ein fensterloser Flur, ein Flur ohne Licht.

Marianne lehnte sich an die Hauswand. Die Kühle der Wand tat ihrem heißen Körper gut. Der Rhythmus ihres Herzschlages drang aus jeder Pore. Das Einzige, das zu hören und fühlen war.

Es war Sonntag.

Heute, zwei Monate nach der Scheidung, heute endlich würde sie ihren kleinen Sohn sehen. Bis jetzt hatte ihr geschiedener Mann immer wieder Ausflüchte gefunden um eine Zusammenkunft zu verhindern.

Sie läutete. Eine fremde Frau, offensichtlich die Freundin ihres Mannes öffnete. Sie stellte sich vor und sagte sie wolle ihren Sohn abholen.

„Der Gerald ist mit seinem Vater weggegangen. Wahrscheinlich zu den Großeltern. Wusste denn Heinrich, dass Sie kommen würden? Mir hat er davon nichts gesagt.“

Die Frau war höflich aber kühl. Sie bat Marianne nicht ins Vorzimmer.

Wann Heinrich voraussichtlich kommen würde, fragte Marianne.

„Das weiß ich nicht, wahrscheinlich erst am späten Nachmittag. Meist bleibt Heinrich zum Mittagessen bei den Eltern. Bitte entschuldigen sie mich jetzt. Ich muss den Kuchen aus dem Rohr nehmen!"

Die Tür fiel ins Schloss.

Marianne hielt eine Plastiktasche in der Hand. Das Puzzle, das sie für Gerald gekauft hatte. Nun stellte sie die Tasche auf den Boden.

Ihr Gehirn arbeitete: Bilder zogen an ihrem inneren Auge vorüber.

Ein kleines Mädchen. Ein sehr ruhiges Mädchen. Mit fünf Jahren hatte sie schon lesen können. Von diesem Zeitpunkt an waren Bücher das Wichtigste in ihrem Leben.

Mit Leichtigkeit schaffte sie die Mittelschule als Klassenbeste. Dann studierte sie Biologie. Im Schnellzugs-Tempo, Doktorat mit Auszeichnung. Es war selbstverständlich, dass sie in die Forschung ging.

Sie stürzte sich in ihre neue Tätigkeit. Eine Besessene in einem Team von ebenfalls Besessenen und Gleichgesinnten.

Bis spät in die Nacht arbeitete sie im Labor. Das Erkennen von Zusammenhängen befriedigte sie und machte sie glücklich.

Nicht so glücklich waren ihre Eltern. Besonders ihre Mutter.

Ihre Mutter sorgte sich um sie. Marianne entsprach so gar nicht den Vorstellungen, die ihre Mutter von einer jungen Frau hatte. Vorstellungen und Klischees, mit denen die Mutter groß geworden war.

Einige Studienkollegen überredeten Marianne auf einen Ball zu gehen. Dort lernte sie Heinrich kennen. Ein netter, sehr selbstsicherer Mann. Gerade mit dem Technikstudium fertig, arbeitete er in einem Großkonzern. Sein Ziel war es, eines Tages das Unternehmen zu leiten. Es gab für ihn keinen Zweifel, dass er dieses Ziel erreichen würde.

Das alles erzählte Heinrich schon an diesem ersten Abend. Marianne faszinierte die Selbstverständlichkeit im Umgang mit den ihm unbekannten Studienfreunden, die Selbstsicherheit und Ungezwungenheit, die sie nie besessen hatte. Nur in ihrem Labor unter Menschen ihrer Art fühlte sie sich zu Hause.

Er war ihr erster Mann. Er war zärtlich, heiter, selbstverständlich. Sie gingen viel aus. Er bestimmte was unternommen wurde. Marianne war mit allem einverstanden. Im Labor kam es vor, dass sie manchmal vom Mikroskop aufblickte, nicht so konzentriert war wie sonst.

Nach einem Jahr heirateten sie. Ihre Eltern waren überglücklich. Ihre Mutter fiel ein Stein vom Herzen. Ihre Tochter würde keine belächelte alte Jungfer werden! Auch die Besessenheit zu forschen würde nach und nach verschwinden wenn erst Kinder kämen!

Marianne und Heinrich richteten sich eine hübsche, geräumige Wohnung ein. Heinrich begrüßte Mariannes Einsatz in ihrem Beruf. Er war stolz auf seine kluge Frau.

Er selbst rückte seinem Ziel immer näher. Als stellvertretender Abteilungsleiter musste er oft verreisen. Marianne hatte nichts dagegen. Im Gegenteil! In dieser Zeit arbeitete sie, wie vor ihrer Ehe, die halbe Nacht im Labor.

Es kam die Zeit, da auch Sie dienstlich verreisen musste. Ihr Chef hatte einen bedeutenden Forschungsauftrag bekommen. Das ganze Team arbeitete auf Hochtouren. Immer öfter schickte der Chef Marianne zu Besprechungen und Konferenzen. Ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung .

Eigenartigerweise hatte Heinrich kein Verständnis für Mariannes Dienstreisen. Wenn sie nach einer Woche Abwesenheit heimkam erwartete sie kein liebender, interessierter Gatte, sondern eine beleidigte Majestät. Erste, große Auseinandersetzungen waren die Folge. Es gab niemanden, der Marianne verstand. Ihre Eltern standen ganz auf Heinrichs Seite.

„Eine Frau gehört eben zu ihrem Mann und soll nicht allein in der Weltgeschichte herumfahren!" Sagte ihre Mutter, als Marianne versuchte, sich bei ihr auszusprechen.

Natürlich kam alles wieder ins Reine. Heinrich war nicht nachtragend. Ein Schuldgefühl, das Marianne sich nicht erklären konnte blieb zurück.

Heinrich wünschte sich Kinder.

„Später, wir haben noch so viel Zeit! Erst möchte ich dieses Forschungsprojekt zu Ende führen. Bei manchen Details sind wir ganz nahe daran. Weißt du, dass wir einen Forschungspreis bekommen sollen?" Marianne war sicher, dass Heinrich sie verstehen würde.

Doch Heinrich verstand sie nicht. Im Gegenteil! Er beharrte auf seinem Wunsch. Er wollte ein Kind, so rasch als möglich. Das Kind würde sie vollkommen verändern. Sie würde eine liebende Gattin und Mutter werden. Das würde für ihre Ehe sehr gut sein! So hoffte er.

Marianne gab nach. Sie wurde schwanger. Die Geburt verlief normal, Marianne war erschöpft aber glücklich. Sie hatte einen Sohn. Ihren Sohn!

Heinrich war ebenfalls glücklich. Strahlend erschien er mit einem Strauß roter Rosen.

Die erste Zeit war sehr anstrengend. Marianne, noch sehr schwach musste mehrmals des Nachts aufstehen und den Säugling stillen. Heinrich, nunmehr Vater und Alleinverdiener wurde von seinem Beruf ganz in Anspruch genommen. Oft musste er verreisen. Marianne blieb mit dem Säugling allein.

Die Pflege des Kindes nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Auch erwartete sich Heinrich jetzt, da sie zu Hause war, mehr Zuwendung zum Kochen.

Es machte ihr großen Spaß, neue Rezepte auszuprobieren, die mehr oder minder gut gelangen. Ihr Tag war mit vielerlei Tätigkeiten ausgefüllt. Abends, wenn der Kleine schlief, versuchte sie in Fachbüchern zu lesen. Meist fielen ihr aber vor Müdigkeit die Augen zu.

Die ersten drei Jahre nach der Geburt ihres Kindes waren vorbei. Allmählich empfand sie eine gewisse Leere. Sie vermisste ihr Labor sehr. Der Haushalt und das kleine Kind, so sehr sie es liebte, konnten ihr die frühere, intensive Forschungsarbeit nicht ersetzen. Unlust und Depressionen waren die Folge.

Eines Tages nahm sie sich ein Herz und rief in ihrem Labor an.

Ihr Chef war hocherfreut, teilte ihr mit, dass ihr Forschungsprojekt noch auf demselben Stand sei, da sich nach ihrem Ausscheiden noch kein geeigneter Nachfolger gefunden hatte und lud sie zur neuerlichen Mitarbeit ein.

Glücklich sagte sie zu, ohne lange zu überlegen.

Als sie Heinrich von ihrer Zusage erzählte gab es Krach. Sie hatte herausbekommen, dass sie ihre persönlichen Probleme mit Heinrich nicht besprechen konnte. Ihre psychische Verfassung interessierte ihn nicht. Er verdiente die Brötchen, und was für Brötchen! und sie sollte doch, verdammt noch einmal froh sein, dass sie zu Hause bleiben konnte und sich ganz ihrem Kind widmen konnte.

Dieser Meinung waren auch ihre Eltern.

Diesmal gab sie nicht nach. Widerstrebend und beleidigt willigte Heinrich schließlich ein. Aber nur halbtags! war seine Bedingung.

Sie suchte und fand einen Kindergarten für ihren Sohn. Nach Anfangsschwierigkeiten fühlte sich Gerald dort sehr wohl. Auch die Gemeinschaft mit anderen Kindern tat ihm gut.

Marianne war wieder in ihrem Element. Anfangs machte sie pünktlich um ein Uhr mittags Schluss. Bald aber überzog sie. Es war ihr unmöglich, bei einem komplizierten Versuch pünktlich aufzuhören. Sie musste und wollte auf das Ergebnis warten.

Sie bat ihre Mutter, das Kind vom Kindergarten abzuholen. Es gab eine Auseinandersetzung, bei der harte Worte fielen. „Das Kind muss dir doch wichtiger sein als jede Forschung! Du bist eine schlechte Mutter! Ich liebe mein Enkelkind! Deshalb werde ich mich um Gerald kümmern!"

Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Aber warum eigentlich? Was hatte sie Schändliches getan? Sie liebte ihr Kind. Das schloss aber nicht aus dass sie auch ihre Arbeit liebte. Dass sie sich bei dieser Arbeit bestätigen wollte.

Ihre Forschung nahm sie ganz gefangen. Ein Mosaiksteinchen fügte sich zum anderen. Bald würde das ganze Bild fertig sein. Und dann war es endlich so weit. Ihr großer Erfolg!

Mit Stolz und Freude teilte sie ihrem Mann mit, dass das Team für einen Forschungspreis nominiert sei und diesen öffentlich, mit allen Ehren erhalten sollte.

Auch ihr Mann hatte ihr etwas mitzuteilen: Nämlich, dass er die Scheidungsklage eingereicht hatte.

Es ging alles seinen Gang. Die üblichen Anwalt-Briefe. Die Scheidung. Der Bub wurde dem Vater zugesprochen. Ihr Mann konnte mit Hilfe eines tüchtigen, hochbezahlten Anwaltes glaubhaft beweisen, dass sie, bedingt durch ihre Arbeit, nicht in der Lage war sich ausreichend um das Kind zu kümmern. Sie schaffte es nicht, das Gegenteil zu beweisen.

„Mami, Mami!" Zwei Ärmchen strecken sich ihr entgegen, als sie sich herunter beugt. Sie nimmt den Kleinen auf den Arm und schaltet das Flurlicht ein.

Wenn man das Licht einschaltet erhellt sich der finstere Gang, auch wenn es nur für fünf Minuten ist!