Harmonie


Jürgen und Elisabeth sind zwölf Jahre miteinander verheiratet. Eine überaus harmonische Ehe.

Geheiratet haben sie aus Liebe, selbstverständlich und weil Elisabeth schwanger wurde.

Mittlerweile sind vier Kinder da. Schön regelmäßig in Abständen von zwei Jahren sind sie angekommen. Alles wohlerzogene, daher wohlgeratene Kinder.

Jürgen heiratete als er mit dem Studium fast fertig war. Elisabeth heiratete am Beginn ihres Studiums. Sie studierte Mathematik.

Elisabeth gab ihr Studium auf um für Mann und Kind da zu sein. Das heißt um die Harmonie der Ehe nicht zu gefährden.

Anfangs hatte es das junge Paar nicht leicht. Die Familie musste mit dem kleinen Gehalt auskommen, das Jürgen als Spitals-Arzt bezog.

Jürgen war sehr tüchtig und hatte auch unwahrscheinliches Glück. Er bekam schließlich eine Stelle als Oberarzt.

Nach der Geburt des vierten Kindes konnte Jürgen und Elisabeth ihren Traum verwirklichen: Jürgen verdiente gut und war in der Lage diverse Kredite aufzunehmen. Sie zogen in ein Einfamilienhaus im Grünen.

Elisabeth hatte gut gewirtschaftet. Trotz des knappen Haushaltsgeldes konnte sie einiges ersparen und zum Haus beitragen. Jürgen bewunderte sie. Wie hatte das seine kleine Frau geschafft? Ohne ihre innere Harmonie wäre es nicht möglich gewesen!

Jürgen lobte seine Frau. Täglich gab es Grund zum Loben. Auch wenn es nur Kleinigkeiten waren wie die richtig gewürzte Suppe.

Elisabeth war süchtig nach Jürgens Lob. Sein Lob spornte sie zu immer größeren Leistungen an. Sie putzte, saugte, wusch, bügelte, kochte ein, pflegte den Garten, versorgte und erzog die Kinder: pädagogisch einwandfrei.

Weihnachten verbrachten sie in vollkommener Harmonie.

Jürgens Eltern nebst mürrischer Erbtante wurden eingeladen. Gerne nahm Elisabeth die Mühe auf sich. Für Jürgen! Die Anwesenheit der Frau von Jürgens Bruder war das größte Opfer, das sie brachte. Die lockeren Reden die diese Frau über Gott und Familie führte reizten Elisabeth zum Widerspruch. Wahrscheinlich war die Schwägerin eine „Emanze“.

Wenn es zu arg wurde und sie sich kaum zurückhalten konnte blickte sie zu Jürgen. Jürgen nickte beruhigend. Sie wusste was er meinte. Es war das Einverständnis, die Harmonie, die sie verband.

Vor der Bescherung marschierten die Kinder, alle wohlgeraten wie erwähnt, auf. Eines nach dem anderen spielte Klavier oder sagte ein Weihnachtsgedicht auf. Großmutter und Großvater stießen Schreie des Entzückens aus. Auch die mürrische Erbtante zollte, verhalten zwar, Beifall. Nur die kinderlose Schwägerin im engen Rock schlug lasziv ein schwarz bestrumpftes Bein über das andere und lächelte eigenartig. Elisabeth bemerkte wie Jürgens Augen auf diesen Beinen ruhten. Er fühlte Elisabeths Blick, lächelte verlegen und wandte sich wieder seinen Musterkindern zu.

Im Morgengrauen, nach der Mitternachtsmette, wenn Elisabeth über den gelungenen Weihnachtsabend sprach und sich über das ungehörige Benehmen der Schwägerin empörte pflichtete Jürgen ihr eifrig bei.

Sie waren, wie immer, einer Meinung. In vollkommener Harmonie!........

Jahre vergehen. Jürgen ist ein viel gesuchter, etablierter Arzt. Er hetzt zwischen Spital und Praxis hin und her. Außerdem kommen noch die Ärztekongresse hinzu. Ein vielbeschäftigter Mann!

Elisabeth hält ihm den täglichen Kleinkram vom Hals. Um Kinder- und Schulangelegenheiten kümmert sie sich allein, fährt die älteste Tochter zum Klavierunterricht, den älteren Sohn zum Geigenunterricht, den jüngeren Sohn zum Judo-Training, die jüngere Tochter zur Geburtstags-Jause im Kindergarten.

Das Haus ist tip top in Schuss. Früchte eingemacht, die Gefriertruhe gut bestückt. Gäste können Elisabeth nicht überraschen. Eine Haushaltshilfe braucht sie nicht, wäre Verschwendung.

In letzter Zeit lobt Jürgen nicht so oft. Er ist eben überarbeitet. Und zerstreut ist er! Zum dritten Mal bringt er ihr Parfüm vom Flughafenshop mit. Er müsste doch wissen, dass sie aus Prinzip kein Parfüm verwendet!

Jürgen liegt im Ehebett und tut so als ob er schliefe........

Gestern ist er von einem Kongress zurückgekehrt. Im Flugzeug hat er sich Champagner bestellt und an die hübsche Kollegin aus USA gedacht. Ihre Handynummer hat er. Im Frühjahr findet der nächste Internisten-Kongress statt.

Im Haus hat ihn seine Frau begrüßt, im blauen, hausbackenen, durchgeknöpften Kleid. Das strähnige Haar zurück gebunden. Er hat auf ihre Hände geblickt. Rote, rissige Hände mit abgebrochenen Fingernägeln. Herrgott! Warum pflegt sie sich nicht ein bisschen! Warum geht sie nicht zum Friseur! Warum verwendet sie nicht das Parfüm, das er ihr hartnäckig schenkt!

Ihre Brust, ihr Bauch ist schlaff geworden von vier Schwangerschaften. Sie wirkt verbraucht, vor der Zeit gealtert.......

Eigentlich hätten auch drei Kinder genügt. Das vierte hat sie ihm aufgedrängt, der Harmonie wegen........

Sie streiten nie. Er kann mit ihr nicht streiten. Sie ist zu langweilig. Sie erwidert nichts. Es soll doch alles harmonisch zwischen ihnen bleiben! Sagt sie.

Eigentlich sollte er jetzt mit ihr schlafen, aber..... das Bild der Amerikanerin drängt sich dazwischen......

Elisabeth liegt im Ehebett und tut so als ob sie schliefe...

Was ist los mit Jürgen? Gestern hat er sie wieder nicht gelobt. Dabei ist die Torte, die sie ihm zum Empfang bereitet hat so gut gelungen!

Er hat seit sechs Wochen nicht mehr mit ihr geschlafen! Wenn man die kurzen Umklammerungen überhaupt Erfüllung nennen kann! Sie hat sich nie beklagt, um der Harmonie willen.

Es ist doch alles harmonisch in ihrer Ehe, oder nicht?