Herbstlaub


So, fertig Gnä` Frau!", sagt Hermi, ihre Hermi, die ihr Gesicht seit Jahren kosmetisch betreut. „Gut sehen Sie aus! Die Modelage ist genau das was Ihre Haut braucht!“ Mimi die Chefin des Kosmetikinstituts und Gretas Freundin kommt auf Greta zu, prüft Augenpartie und Wangen und fügt hinzu. „Nächste Woche machen wir wieder so eine Behandlung!“

Greta blickt in den Spiegel. Gereinigte, wohl gepflegte und genährte Gesichtshaut, Augenbrauen sauber gezupft. Kein Härchen fällt mehr unangenehm auf alle sind in Reih` und Glied geordnet. Kleine, nichtssagende Fältchen auf Stirn und um die dunklen, immer noch strahlenden Augen. Feine Sprünge um Mund und Kinn wie sie bei altem Porzellan vorkommen. Die Mundwinkel zeigen die Tendenz sich nach unten zum Kinn zu, tief einzukerben, wie bei einem Fluss der sein Bett ausbaut. Jetzt lächelt der sauber geschminkte Mund und lässt tadellose, doch durch einige Unregelmäßigkeiten natürlich wirkende Zähne sehen. Die Zähne haben mich viel Zeit, Geld und Schmerzen gekostet. Hat sich aber gelohnt, denkt Greta. Sie ist mit sich zufrieden.

Sie hebt das Kinn und senkt die Augenlider mit den frisch getuschten Wimpern. Ihr Gesicht bekommt etwas damenhaft Gelassenes; Lady von Welt. Außerdem „ kaschiert“ diese Haltung die beginnenden Falten unterhalb des Kinns, strafft die Haut an Hals und Kehle. Ich muss mir diese Haltung angewöhnen, denkt Greta.

Ihre Augen streifen im Spiegel die kunstvoll natürlichen, kupferfarbenen Locken. Kostet mich viel Geld und Zeit der Friseur, der Stranski! Jede Woche eine Sitzung. Alle vierzehn Tage eine Färbung. Lohnt sich aber, keiner hat das G`spür für die passende Farbe, für die passende Frisur wie der Maestro Stranski. Er erschafft jedes Mal etwas Neues, noch nie Dagewesenes. Ich habe immer das Gefühl jung und schön zu sein, wenn ich vom Stranski weggeh`, das Gefühl, dass sich alle Männer nach mir umdrehen, das Gefühl jung und begehrenswert zu sein, trotz meiner neunundvierzig Jahre! Denkt Greta.

Gretas Mund zuckt unmerklich. Hab` ich eben neunundvierzig gedacht? Blödsinn! keiner gibt mir mehr als fünfunddreißig. Ehrlich! Ein ehrliches Greta-Kindergesicht zeigt der Spiegel. Es ist wirklich ehrlich, nicht ehrlich aufgesetzt. Das Gesicht der von der Wahrheit überzeugten Greta. Greta legt den Spiegel weg. zahlt und zieht ihren roten Mantel an, dem man an Schnitt und Stoff ansieht, dass er nicht vom billigen Jakob stammt. Gutgelaunt und angeregt macht sie eine halbe Drehung. Die Eleganz des Schnittes kommt voll zur Geltung.

Gut schaust` aus!", wiederholt Mimi, die sicheres Urteil, Einfühlungsvermögen und einen gesunden Geschäftssinn in einer Person vereinigt. „Aber, abgesehen vom Gesicht, die Figur! wie machst du das, dass sie so straff und jugendlich ist? " Fragt Mimi.

Strengste Diät, täglich eine Viertelstunde Gymnastik, dreimal in der Woche joggen- mit Niki!" Beim Wort "Niki" entspannt sich ihr Gesicht noch mehr, ein mutwilliger zugleich glücklicher Ausdruck breitet sich auf ihm aus.

Aha, da habn`wir es!" Mimi heuchelt Erkenntnis und lächelt wissend. „Der Niki, der ist dein Haupt-schönheitsrezept! Wann triffst ihn wieder?"
„Heute um sechs Uhr nachmittags. Wir machen einen Stadtbummel mit Aperitiv und gehen anschließend eine Kleinigkeit essen. " Greta streckt ballerinahaft die Fußspitze im eleganten Lackpumps und spitzt die Lippen keck in der Vorfreude auf den Abend. Ganz dicht steht sie nun neben Mimi. Die leise Musik die den kleinen Salon berieselt, der Duft von frischem Kaffee und dem Parfum der Salben geben dem Raum etwas angenehm Intimes, regen Greta an. Wohlige Gänsehaut läuft ihr vom Nacken aus den Rücken hinunter.

Und nachher? Das kann ich mir schon vorstellen!" Sagt Mimi. Die Stimme ist zu einem Verschwörer-Geflüster abgesunken.

Ach Gott, es ist ja schon viertel nach fünf ich muss schleunigst weg! Servus Mimi-Maikäfer bis nächste Woche!" Greta küsst Mimi auf die linke und rechte Wange und entfernt sich mit festen Stöckel-Schritten. Mimi-Maikäfer, die ist heut` besonders aufgekratzt! denkt Mimi und schmunzelt in sich hinein. Mimi-Maikäfer ist Mimis Spitzname von der Schule her-sie war seinerzeit ein pummeliger, brauner Teenager. Lang` ist`her! denkt Mimi flüchtig, aber nur sehr flüchtig. Sie ist Geschäftsfrau, geschieden, völlig auf sich gestellt, mit zwei halbwüchsigen Kindern, die ihr genug aufzulösen geben. Keine Zeit für sentimentale Erinnerungen. Gut so, denkt Mimi.

Greta betritt den Schani-Garten des Cafes in der Fußgänger-Zone. Es ist sechs Uhr nachmittags. Ein junger, dunkelhaariger Mann sitzt an einem der ersten Tische. Als er Greta bemerkt streckt er seinen Arm demonstrativ aus und blickt auf seine Armbanduhr. Er spitzt die Lippen und schüttelt den Kopf in gespieltem Tadel.

Servus Niki! ja ich weiß ich komm schon wieder zu spät, hab` mich bei der Mimi verplaudert, lässt dich übrigens schön grüßen!"

Ja, so sind die Frauen! So ein Kosmetiksalon ist eine Schlangengrube. Worüber habt' s denn getratscht? über Männer natürlich!" gibt sich Niki selbst die Antwort. "Erraten!" Sagt Greta und artikuliert dabei jeden Buchstaben. Sie schließt halb die Augen, hebt ihr Kinn, bewegt Nikis Kinn mit dem dunklen Ein-Tagebart spielerisch hin und her und küsst ihn auf den Mund. „Kannst du mir noch einmal, ein letztes Mal, bis zum nächsten Mal verzeihen?" Greta klimpert mit den Wimpern und spielt die Unschuld vom Lande, zwinkert aber Niki mutwillig zu.

Mein Groll schmilzt dahin wie der Schnee wenn es in Kitzbühel Föhn gibt!" Niki umfängt Greta, die gut einen Kopf kleiner ist, wieder ein Grund für Greta das Kinn zu heben.
„Oh Geliebte!" hängt Niki an wie ein Schmieren-Schauspieler, dem sein Text erst nachträglich einfällt.

Übermütig bist heut` passt dir gut! überhaupt, gut schaust` aus!" sagt nach Mimi auch Niki. "Wollen wir nicht hineingehen? es ist schon ein bisschen kühl hier draußen!" Niki nimmt Greta` s Ellbogen und führt sie ins Cafe.

Sie erzählen einander dies und das, nur Heiteres, Amüsantes, Unbeschwertes. Sie lächeln einander an, halten sich an den Händen. Nach einer Stunde verlassen sie das Cafe, schauen sich Auslagen an, bewundern manches, missbilligen anderes, bummeln müßig durch die Kärntnerstraße, über den Graben ihrem Restaurant zu. Ein paar junge Mädchen mit lachenden Gesichtern, langen, gewellten Haaren und langen Ohrgehängen kommen ihnen entgegen. Blitzartig dreht Niki sich nach ihnen um.Irritiert blickt Greta Niki an.

Ist nur eine Reflexbewegung! Frauen im gebärfähigen Alter, laut Forschung ist dieses Verhalten des Mannes im Kleinhirn programmiert!"

Für einen kurzen Augenblick erscheint vor Gretas Innerem Auge: Rosenkavalier, erster Akt, erste Szene; Die Marschallin im eleganten Negligee des Rokokos auf dem Prunk-Bett halb liegend, halb aufgestützt, zu ihren Füßen der knabenhafte Quien Quien. "Blödsinn!" sagt die Greta zu sich. Niki ist kein Oktavian, kein Sechzehn- oder Siebzehnjähriger. Niki ist vierunddreißig und, weiß Gott nicht unerfahren in der Liebe. Es gab nichts was sie ihm hätte beibringen müssen. Niki ist ein Genießer, der sehr wohl die Qualitäten einer reifen Frau zu schätzen weiß. Es ist ihr bewusst; eines Tages wird Niki sie verlassen. Das kann aber noch Jahre dauern. Sicher nicht jetzt da ihre, nicht zuletzt sexuelle Anziehungskraft so groß ist.

Der Gedanke zerrinnt in Nichts. Verliebt lächelt Niki auf Greta herab und drückt ihre Hand

Na wenn die Forschung meint!" sagt Greta und platziert einen spitzen Kuss auf Nikis Lippen.

Ihr Stammlokal ist, wie immer um diese Zeit überfüllt. Sie nehmen einen Aperitiv an der Bar und warten bis ein Tisch frei wird. Der Martini wirkt anregend auf den Magen und verspricht ihm köstliche Genüsse. Das Versprechen wird gehalten, das Essen ist ausgezeichnet. Ein Valpolicella zum italienischen Gericht schmeichelt dem Gaumen, bewirkt eine intensive Leichtigkeit.

Anschließend gehen sie zu Greta. Sie lieben sich. Immer wieder tauchen sie in einender, erschöpfen einander von einer Ekstase zur nächsten, schlafen vollkommen matt schließlich Körper an Körper ein.

Am nächsten Morgen frühstücken sie hastig. Keine Zeit um den Abend nachklingen zu lassen. Sie müssen beide zur Arbeit. Greta ist Einkäuferin eines renommierten Modesalons im Stadtzentrum. Niki, der lange vor sich hin studiert hat hat endlich sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und arbeitet seit kurzem in einer Computerfirma.

Also, servus G.G.!" Sagt Niki und küsst Greta während er sich die Krawatte bindet. Ein Duft von herbem Rasierwasser und frisch gewaschener Baumwolle hüllt Greta ein. G.G. ist für Greta Garbo. Niki dehnt die E nach dem G endlos aus.

Wann darf ich wieder mit Euer Gnaden Gesellschaft rechnen?" fragt Greta komisch devot.

In nächster Zeit hab` ich wahnsinnig viel zu tun, Besprechungen, Sitzungen, das Übliche. Ich ruf` dich Mitte nächster Woche an, dann weiß ich schon Genaueres!"

Niki wirft einen letzten langen Blick auf das zerwühlte Bett. Er tastet nach Gretas Brust, drückt diese sanft, spürt das Hartwerden der Brustwarzen unter seinen spielenden Fingern. Er presst seinen Oberschenkel zwischen ihre Beine, die sich bereitwillig auftun. Der Druck seiner Zunge biegt ihren Kopf zurück, die Zunge schickt sich an ihren Mund zu ergründen, eine Ewigkeit lang. Dann löst er sich widerstrebend.

Du machst mich ganz verrückt!" sagt er. Er bringt Greta zur U-Bahnstation und verabschiedet sich mit einem flüchtigen Kuss. Als Greta in der U-Bahn sitzt klingt allmählich das erregte Ziehen in der Brust und im Unterleib ab.

Der Alltag bemächtigt sich Gretas. Arbeit, Termine, eine kurze Dienstreise nach München um Stoffe einzukaufen. Sie hört wenig von Niki. Zwei kurze sehr flüchtige Anrufe, lieb aber in Eile. nicht einmal Zeit zum Joggen. Dann, nach zwei Wochen, plötzlich ein ausführlicheres Gespräch, unter anderem: "G.G du fehlst mir! hast du morgen Zeit?"

Greta hat Zeit.

Es ist Mittwoch. Ein Mittwoch im Spätherbst. Blässlich kommt mittags die Sonne hervor, beleuchtet die Stadt mit grellem Scheinwerferlicht. Niki holt Greta vom Modehaus ab. Sie küssen einander, Niki hakt sich bei Greta ein und presst ihren Oberarm an sich. Wie immer ein heiteres, oberflächliches Gespräch. Greta verschweigt die Enttäuschung über seine lange Abwesenheit, hat heute bereits alles vergessen, will vergessen.

Unterwegs zu Greta essen sie eine Kleinigkeit in einem Vorstadt-Beisel, lassen sich anregen vom Wein für das Kommende.

Wieder lieben sie sich. Zuerst rasch gierig, dann immer sanfter, subtiler. Sie sind aufeinander eingespielt. Der Ritus des sich Wiederholenden, den ihre Fantasie hundertmal vorweggenommen hat erregt ihre Sinne, treibt sie zum Höhepunkt. Allmählich beim zweiten Mal, umso genussvoller, befriedigender.

Nachts steht Greta auf, um seine und ihre überschüssigen Säfte, Säfte des Lebens weg zu waschen. Als sie ins Bett zurück steigt bemerkt sie, dass Niki, gegen seine sonstige Gewohnheit wach ist.

Was ist mit dir,Niki-Bär? hab`ich dich gestört? du schläfst ja sonst immer wie ein Stein!" sagt sie. „Bedrückt dich etwas?" fügt sie hinzu.

Niki seufzt aus tiefer Brust. „Ja Greta. Ich muss heraus damit, es nützt nichts! Es kommt aber auf dich an, wie du es aufnimmst. Ich möchte dir eine Lösung vorschlagen!“

Keine lange Einleitung, fang schon an! " Gretas Stimme ist bemüht heiter zu klingen. Es gelingt auch.

Kurz - ich werde heiraten. Nächste Woche ist Verlobung. In acht Monaten, im Mai - so wünscht es sich Daniela - soll die Hochzeit sein." Sagt Niki und blickt Greta an. Warum gibt es keine Narkose für seelische Operationen? denkt er.

Ich nehme an, eine Frau, ein Mädchen im gebärfähigen Alter!" Ihre Stimme sollte sarkastisch klingen, so war es vom Gehirn geplant. Das Gefühl, der Schock hat es vereitelt. Die Stimme klingt schmerzlich guttural. Gut ,dass er mein Gesicht im Finstern nicht sehen kann! denkt Greta. Sie spürt körperlich jede Falte auf der Stirn, jede Einkerbung an den Mundwinkeln. Warum fällt dir so etwas Belangloses ein? fragt Greta das Gehirn.

Nicht so G.G, bitte nicht so! Es hat nichts mit dir zu tun, glaube mir! Ich hab' lang herum gebummelt mit dem Studium, hab es mir gutgehen lassen. Hab' meine Erfahrungen gesammelt auf jedem Gebiet. Jetzt bin ich vierunddreißig! Es ist Zeit für mich Karriere zu machen, eine Familie zu gründen. Es bietet sich mir beides an. Daniela ist die Tochter eines Unternehmers der Computerbranche. Ein gesunder Mittelbetrieb. Sie ist das einzige Kind. Sie hat Malerei und Graphik studiert. Ist also nicht unbedingt geeignet einen Computerbetrieb zu übernehmen. Mit ihrem Vater verstehe ich mich sehr gut, da wird es kaum Probleme geben. Die Tochter ist die Draufgabe für den Betrieb. Eine gute Draufgabe.Sie ist ruhig, macht einen beherrschten Eindruck. Sie ist hübsch. Die Figur neigt etwas zur Fülle. Wird auch kommen nach ein, zwei Kindern. Wird mich aber nicht stören. Ich glaube, sie wird die ideale Gattin und Mutter. Sie ist fünfundzwanzig, ja, im gebärfähigen Alter wenn du so willst, in des Wortes Bedeutung.

Mein Plan zu heiraten, eine Familie zu gründen und Karriere zu machen hat aber mit unserer Beziehung nichts zu tun. Und nun zu uns: Natürlich können wir uns in nächster Zeit nicht sehen, dass du das verstehst setze ich voraus. Wenn aber Daniela schwanger wird – ich nehme an das wird innerhalb eines Jahres sein – sehe ich nicht ein warum wir uns nicht gelegentlich treffen könnten. Dass du sexuell, aber auch sonst eine große Anziehungskraft auf mich ausübst brauche ich dir nicht zu sagen. Das spürst du ja!“ sagt Niki, nimmt ihre Hand, krault die Innenfläche leicht mit den Nägeln, wandert anschließend den Oberarm hinauf, umkreist das Rund der Brust, kratzt leicht an der Brustwarze, die sofort reagiert.

Schon will die Brust sich an ihn pressen, ihr Mund sich auftun, seinem entgegen. Da schaltet sich der Verstand ein, erlaubt kein Sich Gehen Lassen der Sinne. Mit einem Ruck entzieht sie sich ihm.

So stellst du dir das also vor, ein gut durchdachter Schachzug! Der Turm im Eck in der Reserve, für alle Fälle, falls die Dame ausfällt weil sie mit der Aufgabe des Kind-Austragens und Gebärens beschäftigt ist. Das muss sich der Turm noch gründlich überlegen!“ Nun klingt Gretas Stimme ruhig und sehr leise, wie geplant.

Hast Recht Schatzerl, überleg` es dir! Es kommt ja überraschend für dich! Lass dir Zeit. Es würde mich sehr freuen wenn du auf meinen Vorschlag eingehen würdest. Er ist so aufzufassen wie er gemeint ist. Vor allem; sei nicht bitter! Was du da vom Turm und Dame sagst ist doch kindisch und deiner nicht würdig. Schlafen wir! Ich bin jetzt, nachdem ich dir alles gesagt habe furchtbar müde!“ Niki schmiegt sich an Gretas Rücken und zieht die Decke über sie beide.

Er schläft sofort ein. Wie ein müdes Kind, ein egoistisches Kind! denkt Greta. Greta schiebt ihn sanft von sich. Ein tiefer Schnarcher! Niki dreht sich auf die andere Seite. Greta bleibt allein, allein mit ihren Gedanken, stundenlang liegt sie wach, kommt immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Schließlich überkommt auch sie der Schlaf und fordert sein Recht.

Frühmorgens ist Greta ruhig. Sie wirkt entspannt. Sie bereitet das Frühstück, faltet pedantisch die Servietten zusammen. Niki duscht inzwischen. Schweigend trinken sie Kaffee. Er ist unsicher, nervös, nestelt an der Untertasse herum, verschüttet fast den Kaffee, steht abrupt auf um sich anzukleiden.

Als er aus dem Schlafzimmer kommt überreicht ihm Greta eine Tragtasche, die mit dem eleganten Schriftzug des Modesalons bedruckt ist, indem Greta arbeitet.

Was ist da drinnen?“ fragt Niki

Dein Schlafrock, dein Pyjama, deine Hausschuhe, dein Rasierwasser.“ sagt Greta „Schick mir bitte meine Sachen, die bei dir sind“ fügt sie hinzu.

Hast du dir das auch genau überlegt, Greta?“ Fragt Niki und blickt Greta ernst und etwas verzweifelt an.

Es musste einmal so kommen. Ich hätte es wissen müssen. Es ist schwer aber ich werde es schon schaffen. Es ist mein Problem!“ fügt Greta bitter hinzu. Nur nicht heulen, nur keine Tränen, nicht jetzt! befiehlt sie ihrem Kopf, ihren Tränendrüsen, die zu schmerzen beginnen.

Niki merkt, dass Überredungs-Versuche keinen Sinn haben. „Na dann, machs` gut! Solltest du anders darüber denken, lass es mich wissen. Du kannst mich jederzeit anrufen!“

Niki geht. Er ist nicht so geschmacklos Greta zu fragen ob er sie zur U-Bahn mitnehmen soll.

Greta ist ruhig. Ihr Donnerstag verläuft wie jeder Donnerstag. Sie befielt sich den Verlauf des Donnerstags. Morgens die übliche Donnerstags- Sitzung. Hauptaktionär des Betriebes ist der berühmte Modeschöpfer, allgemein ehrfürchtig “Meister” genannt. Das Modehaus trägt seinen Namen, sein Wort,sein Wunsch ist Gesetz. Der Meister ist Künstler, besessen von seinem Werk, ja von seiner Sendung, entsprechend schwierig ist er als Chef und Verhandlungspartner.

Früher hatte es bei den Donnerstagssitzungen große Szenen gegeben. Der Meister liebte es zu inszenieren. Mit großen Gesten warf er seine Mitarbeiter hinaus, stellte sie, seinen ganzen Charme versprühend, in der nächsten Stunde wieder ein, meistens mit einer Gehaltsaufbesserung als Trostpflaster für die Grobheiten die er ihnen an den Kopf geworfen hatte.

Der Meister war in die Jahre gekommen. Szenen gab es kaum mehr. Nach einem Herzinfarkt war unbedingte Schonung geboten. Jeder der Mitarbeiter nahm Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand. Auch nahm der Meister immer seltener an den Donnerstagssitzungen teil. Allmählich war die Führung des Unternehmens in die Hände des zweiten Gesellschafters geglitten, eines realistisch denkenden Mannes, der den Markt genau kannte, ohne Umschweife auf das Wesentliche kam und ein korrektes aber unpersönliches Verhältnis zu seinen Mitarbeitern hatte.

Greta nickt zu den Vorschlägen ihres Chefs, macht sich Notizen. Wirkt konzentriert, ist froh, dass die Sitzung bald beendet ist. Ein Stoß Eingangsrechnungen ist durchzusehen, zur Zahlung freizugeben.

Mittags hat sie keine Lust essen zu gehen. Sie lässt sich ein paar Sandwich von ihrer Mitarbeiterin bringen und isst am Schreibtisch während sie arbeitet.

Das Telefon läutet. Automatisch hebt Greta ab. „Servus Mama! wie geht es Dir?" Ihr Sohn ist am Apparat.

Wochenlang hört Greta nichts von Andreas. Greta hat sich daran gewöhnt. Schließlich ist er vierundzwanzig. Wenn er anruft braucht er meistens etwas. So auch heute. Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln kommt es dann:

Du Mama, ich hab` einen Unfall gebaut. Nein, mir ist nichts passiert. Ein Auffahrunfall. Der Fahrer vor mir hat zu langsam reagiert, hat bei Grün nicht gleich Gas gegeben wie man es erwarten könnte. Die scheiß Versicherung will nicht einsehen, dass eigentlich ich im Recht bin. Jetzt muss ich meinen und seinen Schaden zahlen, sonst komm` ich in den Malus. Ein Haufen Geld, wie du dir vorstellen kannst. Mama, bitte kannst` mir ein bissl was borgen?“

Greta erinnert sich kurz, dass Andreas seine Schulden vom letzten Mal noch nicht zurückgezahlt hat. Söhne zahlen selten Schulden zurück, die sie bei ihren Müttern haben. Mütter haben großzügig zu sein. Greta sagt zu Andreas 2000 Euro zu überweisen.

Ich komm am Sonntag mit der Michaela!" sagt Andreas großzügig. „Was hältst du davon wenn wir ins Grüne fahren und irgendwo hübsch essen gehen?"

Greta hält etwas davon. Es wird von ihr erwartet, dass sie etwas davon hält. Zum Essen darf ich sie selbstverständlich auch einladen denkt Greta.

Übrigens, hast du das Billett schon bekommen? Papa ist Vater geworden. Ein Mädchen! und ich bin Bruder geworden, lustig was?" sagt Andreas.

Gretas Hand, die den Hörer hält wird eiskalt. Schnell verabschiedet sie sich von Andreas. Sie hat das Gefühl, dass alles Blut, alle Wärme aus ihrem Körper entweicht. Es ist als hätte sie einen Schlag bekommen. Sie erinnert sich an Comics, sieht die Sterne die oberhalb der Beule gezeichnet sind. Sie schiebt den Teller mit den restlichen Brötchen zur Seite, sitzt vollkommen unbeweglich da, starrt vor sich hin.

Die Tür zum Büro geht auf. Silvia, ihre Mitarbeiterin und Sekretärin kommt herein. Sie bringt Banküberweisungen zum Abzeichnen. Greta unterschreibt diese, ohne zu kontrollieren, ganz gegen ihre Gewohnheit.

Silvia, ich fahr` jetzt heim, fühl` mich nicht ganz wohl. Werd` mich ein bisschen hinlegen. Morgen bin ich wieder fit. Gibt` s noch etwas dringendes?“

Sie sehen tatsächlich nicht gut aus, Frau Lehner, ganz blass! Fahren Sie nur heim, ich komm` schon zurecht. Ich ruf` jetzt ein Taxi, wenn es Ihnen recht ist." Sagt Silvia.

Greta nickt automatisch. Steigt dann automatisch in das Taxi, zahlt automatisch vor ihrem Haus, entnimmt automatisch die Post aus dem Postfach, sperrt automatisch die Wohnungstür auf, sieht automatisch die Post durch. Tatsächlich, ein Billett ist dabei. Greta öffnet es sorgfältig mit dem Brieföffner. Ein rosa Storch mit einem rosa Bündel im Schnabel, eine Geburtsanzeige mit stereotypem Text.

Ruhig legt Greta das Billett auf den Wohnzimmertisch und lässt sich in den Fauteuil fallen. Plötzlich, ein furchtbarer Schmerz, ausgehend vom Gehirn, sich bis zu den Zehen und Fingerspitzen ausbreitend, alle Nerven erfassend, Mark- erschütternd.

Wann hatte sie ihre letzte Regel gehabt? Vor ungefähr einem Jahr. Sie hatte bis jetzt das Klimakterium gut überstanden. Keine Depressionen, kaum Wallungen, kein Libido-Verlust. Im Gegenteil: Sie war froh gewesen, die Last des monatlichen Bluten-Müssens los zu sein. Sie hatte sich frei gefühlt. Ihr Liebesleben war durch diese Freiheit intensiver geworden, unbeschwerter.

Frauen im gebärfähigen Alter! Der Satz leuchtet vor ihrem Inneren wie eine Laufschrift, sich aus einzelnen Lichtpunkten zusammensetzend, immer wiederkehrend. Alt, ausgedient, nur mehr Hülse, biologisch wertlos! denkt die Schwerverletzte, sich unter dem Dolchstich, dem wiederkehrenden, fürchterlichen, alles erfassenden Schmerz windende Greta.

Plötzlich springt Greta auf, nimmt das Billett vom Tisch zerreißt es in tausend Stücke, lässt die Papierschnitzel wie rosa Konfetti auf den Teppich flattern. Zorn überkommt sie. Der alte Trottel wird schon sehen wie das ist, wenn Nacht für Nacht der Säugling schreit. Die schlaflosen Nächte beim ersten Mal mit Andreas hat er schon vergessen. Ob die Liebe da nicht einen Dämpfer bekommt wird sich herausstellen. Den Niki mit seiner Gebärfähigen soll auch der Teufel holen. Ich brauch` keinen, denkt Greta.

Immerhin lebt dein Exmann schon zehn Jahre mit seiner Freundin zusammen. Glaubst du nicht, dass sie sich das Kind gewünscht und alles damit Zusammenhängende genau überlegt haben?" fragt die andere, die unbestechliche Greta.

Geschieht mir schon recht. In meiner grenzenlosen Naivität hab ich dem Hans voll vertraut. Umso furchtbarer dann die Entdeckung, dass er mich betrügt. Die schönsten Jahre meines Lebens hab` ich ihm geschenkt! Greta schluchzt auf zum bohrenden Schmerz in ihrem Inneren kommt grenzenloses Selbstmitleid hinzu.

Bist du dir nicht zu gut um solche abgedroschenen Phrasen von den "schönsten Jahren“ wieder zu kauen? Du hast die Jahre nicht ihm geschenkt sondern dir. Ihr habt schöne Zeiten miteinander erlebt. Du hast in erster Linie auf dich geschaut. Angefangen mit der Hochzeit. Du die schöne Braut, er der gutaussehende, charmante junge Mann. Von allen beneidet, bewundert. Das hat dir gefallen! Du hast dein Ziel erreicht. Verliebt warst du, aber in erster Linie hast du dich geliebt. Dich in ihm geliebt. Ich mach dir keinen Vorwurf, aber sei fair mit ihm und mit dir! Wie es bei Hans war? Ich weiß nicht. Irgendetwas hat er vermisst bei dir. Irgendetwas hat er gebraucht, das du ihm nicht gegeben hast. Trotzdem; ich glaube er hat dich mehr geliebt als du ihn. Ein Wort von dir, ein sich Öffnen hätte ein neuer Anfang sein können. Die Beziehung damals zu dem jungen Mädchen war nicht so tief. Du hast das Wort nicht gesagt. Warst in deinem Stolz verletzt. Hast dich in Selbstmitleid zerfleischt. Warst nur mit dir beschäftigt!" sagt die andere Greta.

Du hast recht, ich habe alles falsch gemacht. Wer ist schuld, wenn der Mann sie betrügt? die Frau! Das war immer so, wird sich nie ändern. Woher die Frau die übermenschliche Kraft, die übermenschliche Vernunft für zwei nehmen soll danach fragt keiner. Bei Andreas hab` ich wohl auch alles falsch gemacht?" fragt Greta, bringt sich weitere Dolchstiche bei. „Vieles!" sagt die Unbestechliche, „ich kann es dir leider nicht ersparen. Du hast dir Andreas gewünscht, glühend gewünscht. Als du Andreas geboren hast warst du im Zenit deines Glückes. Du hast Andreas geliebt, du hast in Andreas wieder dich geliebt, warst in das süße Baby, in das aufgeweckte hübsche Kind verliebt. Hast ehrgeizige Pläne gehabt mit Andreas. Hast später nicht wahrhaben wollen, dass Andreas diese Pläne nicht erfüllen konnte. Hast nicht wahrhaben wollen, dass Andreas nur durchschnittlich begabt war. Warum hast du ihn nicht ein Handwerk lernen lassen? Da wäre seine Stärke gelegen. Nein, du hast Andreas mit Ach und Krach durch die Mittelschule und schließlich durch die Matura gepeitscht. Andreas ist wie ein Halm der vom Wind hin und her geschleudert wird. Du hast ihm keinen Halt gegeben. Du hast dich enttäuscht zurückgezogen, als aus ihm nicht das wurde was du dir vorgestellt hattest. Dankbarkeit und Liebe kannst du von ihm nicht erwarten!" Sagt die andere Greta.

Greta sitzt da, sie rührt sich nicht. Sie hat keine Kraft mehr der anderen Greta zu widersprechen. Der Schmerz hat sich stabilisiert. Er frisst sich gleichmäßig durch sie hindurch.

Und der Niki? der Niki war eine Interessens-Gemeinschaft. Sexuelle Anziehung und Gleichklang garniert mit Gefühl. Aber bitte nicht zu tief gehend. Potjomkinsche Dörfer! Alles in Ordnung, alles heiter, unbeschwert. Nur keine Probleme, die man sich gegenseitig Trost heischend mitteilt. Ein Liebhaber nur für Feiertage, für rosarote Stunden, die man sich selbst verschreibt.

Dass es so kommen musste hast du gewusst. Es war wie bei einer Bonboniere: du hast immer wieder blind in die Schachtel gegriffen und dir ein Bonbon herausgenommen. Du hast geglaubt, dass noch viele Köstlichkeiten für dich da sind. Plötzlich ist es so, dass nur mehr die aufwendige Verpackung da ist." Sagt erbarmungslos die Unbestechliche.

Greta holt sich eine Flasche Wodka und ein Glas und geht mit dem Tablett ins Schlafzimmer. Sie setzt sich aufs Bett, gießt sich das Wasserglas voll Wodka ein und leert es in einem Zug. Die Antwort des Magens kommt prompt. Furchtbares Brennen, dann wohlige Wärme, die bis in die Extreme dringt. Greta gießt sich noch ein Glas voll und stürzt es hinunter. Leichtigkeit bemächtigt sich ihrer, hebt die Schwerkraft auf. Greta hat das Gefühl über sich selbst zu schweben. Es ist so als hätte sie am Hinterkopf ein zweites Augenpaar, das die unten liegende Greta beobachtet. Die schwebende Greta sieht wie die unter ihr liegende Greta die Augen schließt und dahin döst.

Überflüssigerweise schaltet sich der Radiowecker ein. "It was fascination......" tönt es schmalzig. Mit einem Ruck fällt die schwebende Greta auf die liegende und vereinigt sich mit ihr zu einer. Da stürzt es über ihr zusammen. Der Damm bricht. Eine Flut von Tränen ergießt sich. Der Schmerz, der zuerst den ganzen Körper beherrscht hat hat sich auf den Kopf konzentriert. Hundert Bohrer beginnen Gretas Schädeldecke aufzuknacken, legen mit dem Seziermesser Verzweiflung frei. „Es ist meine Schuld, meine Schuld, allein meine Schuld! Darum ist jetzt Schluss, Schluss mit dem Schmerz, mit dem ganzen wertlosen, sinnlosen Leben!" sagt Greta entschlossen.

Bist du wahnsinnig?" fährt sie die andere Greta an. Ihre Stimme wird immer leiser, klingt wie aus weiter Ferne, wird nicht mehr gehört.

Greta reißt die Lade des Nachtkästchens auf und nimmt zielsicher ein kleines braunes Fläschchen mit Schlaftabletten heraus. Sie schüttet den Inhalt in das Wasserglas und gießt reichlich Wodka nach, wartet kaum ab, dass die Tabletten zergehen, setzt das Glas mit zitternder Hand an den Mund, beginnt zu trinken.
Plötzlich kippt ihr Oberkörper mit einem Ruck nach hinten. Es ist als hätte eine unsichtbare Faust Greta geschlagen. Das Glas fällt aus der Hand, zersplittert an der Bettkante in tausend Stücke. Der Inhalt ergießt sich teilweise auf Gretas Oberschenkel, teilweise auf den Teppich.

Morpheus verscheucht den dunklen Todesvogel, der bereits begonnen hatte Gretas Bett zu umflattern und nimmt sie barmherzig in seine Arme. .....

Das gleichmäßige Läuten des Telefons gräbt sich einen Weg in Gretas Bewusstsein. Das Gehirn registriert außer diesem Läuten noch ein anderes Geräusch, das die Pausen des Folgetones ausfüllt, teilweise gleichzeitig mit dem Telefon zu hören ist, die Hausglocke!
Allmählich taucht Greta aus dem Alkoholnebel auf. Allmählich erinnert sie sich an ihre letzte, bewusste Handlung.

Wieso bin ich eigentlich noch da?" fragt sie sich dümmlich. Sie richtet sich allmählich auf, will sich an den schmerzenden Kopf greifen, merkt dass die Hand klebrig ist. Sie legt die Hand auf den Oberschenkel. Das gleiche klebrige Gefühl auf dem Wollstoff ihres Kleides. Mühsam öffnet sie die Augen, bemerkt die Glassplitter und beginnt zu begreifen. Das Tageslicht tut den Augen weh. Greta schließt die Augen. Ihr Kopf schmerzt entsetzlich. Das Läuten des Telefons und der Glocke an der Haustür wirken wie zwei Presslufthämmer. Greta springt auf und eilt zum Telefon. Ohne es zu merken tritt sie auf einen Glasscherben.
„Greta, was ist los mit dir? Wir waren doch gestern Abend verabredet!“ Mimis besorgte Stimme dringt von weit her an Gretas Ohr.

Nichts, nichts Mimi!" antwortet Greta automatisch. Das Läuten an der Haustür ist noch da. „Du, es läutet an der Haustür, ich ruf` dich zurück!" sagt Greta und legt auf.

Greta eilt zur Haustür. Sie bemerkt, dass ihr Fuß Blutspuren hinterlässt. Sie öffnet. Herr Malik - Chauffeur, Boote, Hausmeister, Mädchen für alles im Modehaus steht vor der Tür. Herr Malik stiert Greta entgeistert an. „Aber Gnä Frau, was ist los!" fragt auch er.

Nichts ist los, Malik! Haben` s noch nie ein altes Weib g` sehn!" fährt Greta ihn an.

Herr Malik kennt die Welt nicht mehr. Ist das die allzeit freundliche, gepflegte Frau Lehner? Nie hatte Frau Lehner ihn mit "Malik" angesprochen. Immer war er der "Herr Malik". Und wie sieht die Frau aus? fahle, schlaffe Wangen, Tränensäcke prall und gelb als wären sie mit Cognac gefüllt.

Kommen`s doch herein, Herr Malik!" Greta hat die Verwirrung des armen Herrn Malik bemerkt und ärgert sich über sich selbst.

Herr Malik tritt ins Vorzimmer. Entsetzt blickt er auf die Blutspuren, die ins Wohnzimmer und zur Eingangstür führen. Greta blickt an sich hinunter. Die Strumpfhose an der rechten Ferse ist zerrissen. Lange Laufmaschen ziehen sich zum Unterschenkel hinauf. Der Fuß blutet, sie spürt keinen Schmerz.

Das ist nichts!" sagt Greta "bin auf einen Glasscherben gestiegen und hab` mich ein wenig geschnitten. Hab` gestern wohl einen zu viel gehoben. Das machen alte, einsame Weiber manchmal. Haben`s das noch nie gehört, Herr Malik?" Schelmisch blinzelt Greta Herrn Malik an. Die Verwirrung des Herrn Malik amüsiert sie und sie lächelt.

Aber Gnä` Frau, ich hab` ja nicht gewusst, dass Sie, dass Sie......"
„Dass ich trink` haben Sie nicht gewusst?" Greta beginnt zu lachen. Zuerst ein hohes Kichern, dann aus tiefster Kehle kommend. Das Lachen zwingt Greta den Mund weit aufzureißen, fast gegen ihren Willen. Es wird immer lauter und dröhnender. Greta setzt sich auf das zierliche Vorzimmer-Sesselchen, die Tränen rinnen ihr die Wangen herab und sie lacht und lacht. Es ist als ob etwas in ihr explodiert wäre, sich befreit hätte.

Aber Gnä` Frau! so hörn` s doch auf zu lachen! Sie müssen was mit ihrem Fuß tun. Haben Sie Jod im Haus? Warten` s ich werd` Sie verbinden! Übrigens, dass ich nicht vergess` wieso ich da bin: der Meister will Sie dringend sprechen!" sagt Herr Malik. Er hat sich wieder unter Kontrolle, weiß nicht ob er an Gretas Verstand zweifeln soll oder nicht und fühlt sich für sie verantwortlich.

Sie haben recht! ich muss was mit dem Fuß tun. Sonst wird der ganze Spannteppich dreckig. Ich dusch` mich nur schnell und zieh mich um. Dann verbinden Sie mich bitte. Nehmen Sie inzwischen Platz!" Auch Greta hat sich wieder unter Kontrolle. Blitzschnell duscht sie, zieht nachdem Herr Malik ihr leicht schmerzendes Bein mit Jod betupft und verbunden hat eine bequeme Hose, Pullover und flache, weiche Pumps an „So, jetzt können wir fahren!" sagt Greta entschlossen. ..........

Greta sitzt im Zug nach München. Der Meister hatte alle Stoffe, die sein Kompagnon während des Meisters Grippe für die neue Kollektion ausgesucht hatte verworfen. Der Meister, nach seiner Genesung wieder gebündelte Energie macht die meisten Anordnungen des Kompagnons wieder rückgängig, bringt die Belegschaft durcheinander, treibt den Blutdruck des Kompagnons in die Höhe. Was soll der Kompagnon machen, er muss sich fügen; der Name des Meisters bürgt für den Erfolg der Kollektion.

Greta hat sich sehr beeilen müssen um den Mittagszug noch zu erreichen. Sie hat Mimi kurz angerufen, ihr den Sachverhalt geschildert, ihr versichert, dass alles in Ordnung sei. Näheres wolle sie ihr nach ihrer Rückkehr erzählen. Mimi hat sich nicht ganz überzeugen lassen, das hat Greta gespürt. Gute, alte Mimi! die einzige, die eine Antenne zu mir hat, denkt Greta .

Gretas Kopf schmerzt. Der ganze Körper tut weh vom ungewohnten Alkoholexzess. Sie lehnt den Kopf zurück, schließt die Augen, versucht ein wenig nachzudenken und dann zu schlafen. Es geht nicht. In St. Pölten steigt eine junge Mutter mit ihrer etwa dreijährigen Tochter ein. Die Kleine greint, versucht von der Mutter loszukommen. Es gelingt ihr. Greta spürt ein kleines warmes Händchen auf ihrem Knie. Sie öffnet die Augen und blickt in das süße, rosige Gesichtchen der Kleinen.

Die Mutter holt hastig das Kind zu sich, entschuldigt sich. „Das macht doch nichts!" sagt Greta, streckt einladend die Arme aus. Die Kleine kommt zu ihr. Greta hebt sie auf ihren Schoß. Sie spürt feste, kleine Wärme, drückt das Kind an sich, riecht den süßen Duft der Haut und des Haares. Sie spielt „Hoppa, hoppa Reiter" mit der Kleinen. Je höher Gretas Knie gehen je mehr jauchzt das Mädchen, trenst Gretas teuren Seidenpullover an. Nochmals will die Mutter eingreifen, entschuldigt sich wieder. „Lassen Sie nur!" sagt Greta, deren Müdigkeit und Schlappheit verflogen ist. In Linz steigen Mutter und Kind aus. Greta bedauert, dass sie das kleine bewegliche Bündel zurückgeben muss. Vor ihrem Abteilfenster winken Mutter und Kind Greta zum Abschied zu. Die Kleine schwenkt den ganzen, kurzen Kinderarm. Das sieht drollig aus. Schon fährt der Zug an.

Lächelnd lehnt Greta sich abermals zurück. Das Brummen des Schädels ist wieder da. Trotzdem spürt sie eine ungeheure Leichtigkeit. Der Lachanfall hat diese ungeheure Leichtigkeit ausgelöst. Es ist als wäre eine Brille von ihren Augen heruntergefallen und zerbrochen. Eine Brille die sie zwang nur sich zu sehen, die die Natur, die Menschen, die sie umgeben ausschloss. Mit dieser Brille hatte sie nur sich bespiegelt. Die Brille hatte sich mit ihren Augen selbstständig gemacht. Sie war aus ihr heraus gehüpft, hatte sie von außen betrachtet, hatte sie, wenn sie mit Niki durch die Straßen ging, wenn sie mit Niki joggte, wenn sie mit Niki im Bett lag bewundert. Hatte ihren Ehrgeiz angestachelt noch eine Runde mit Niki zu laufen, ihm zu beweisen wie jung, wie elastisch sie noch war. Auch wenn das Herz wie verrückt pumpte und an seiner Leistungsgrenze angelangt war. Sie hatte sich gezwungen entspannt zu lächeln, wenn sie endlich neben Niki stand, auch wenn ihr der Schweiß in Strömen herablief. Sie hatte sich das Altern, das Zurücknehmen verboten. Ihr Körper, ihre Seele hatten dagegen protestiert. Nun, da sie dem Tod so nahe gewesen war, hatte die eine Greta sich von der Tyrannei der anderen befreit. Die unter Zwang junge Greta war besiegt worden. Sie war verschwunden wie die Schatten der Königin der Nacht. Geblieben war eine Frau, die alles Überflüssige abgestreift hatte, wie der Schmetterling der aus der Puppe kroch. Die sich vom Zwang der Jugend befreit hatte. Eine Frau, die sich nunmehr gestatten würde zu altern, die sich nunmehr ihrer Umgebung, ihrer Welt bewusst wurde, ja, die begonnen hatte sich als Teil des Ganzen zu fühlen, nicht als Mittelpunkt. Daher kam die Leichtigkeit, die Heiterkeit, die sie fühlte.

Greta öffnet die Augen und sieht das Brechen der Herbstsonne durch die Scheiben, sieht Millionen von Staubkörnchen im Sonnenlicht tanzen. Sie blickt zum Fenster hinaus und sieht Bäume, Wiesen, Gärten und Wälder wie einen Film an sich vorüberziehen. Sie schaut und schaut und kann sich nicht sattsehen. Dann schließt sie wieder die Augen und schläft ein......

Gretas Leben hat sich verändert. Nicht nach außen hin. Da ist es geblieben wie es war mit den vielen beruflichen Pflichten, kleinen Gehässigkeiten der Kollegen aber auch kleinen Alltagsfreuden.
Ihr Wesen, ihre Einstellung hat sich gewandelt und fährt fort sich zu wandeln.

„Weißt Mimi, es war mit mir wie bei der bösen Königin im Schneewittchen. Spieglein Spieglein an der Wand!...... Ich hab mich viel zu wichtig genommen, hab` viel zu viel Zeit mit mir vertrödelt. Hab` manches mit falscher Geschäftigkeit, mit falschem Ehrgeiz abgewürgt. Jetzt erst nehm` ich mir wirklich Zeit für mich, denk über mich und die anderen nach!"

Mimi schüttelt den Kopf. „Was du zusammen philosophierst!" sagt sie, lächelt aber dabei. Mittlerweile weiß sie; es hätte auch anders kommen können mit Greta.

Greta, in Jeans und langem, dicken Pullover wandert durch den Wienerwald. Sie raschelt übermütig in den dürren Herbstblättern und erfreut sich an dem trockenen Geräusch. Sie raschelt nicht allein. Sie raschelt mit den zwei Kindern ihrer Nachbarin, die sie, wie so manchen Sonntag zur Entlastung der berufstätigen, geschiedenen Mutter und zu ihrer eigenen Freude zum Spazierengehen mitnimmt. Sie macht einen Wettlauf mit den Kleinen, zottelt x-beinig hinter ihnen her, so dass sie selbstverständlich gewinnen.

Sie hört zu, wenn Sonja, die Siebzehnjährige, Tochter der anderen Nachbarin ihr ihren Liebeskummer klagt. Mit ihrer Mutter kann Sonja darüber nicht reden. Die ist viel zu sehr mit sich beschäftigt, sagt Sonja.

Über das Du kehrt Greta heim zu ihrem Ich!