Meuterei auf der Bounty


......and is condemned to be hanged from the yardarm of HMS ship Brunswick........


Schweißgebadet wacht Willi auf und blickt um sich. Was war das? Er ist doch soeben noch vor Gericht gestanden, vor Gericht auf Ihrer Majestät Schiff in Portsmouth. Er sieht den behäbigen Richter Ihrer Majestät mit der Allongeperücke vor sich. Der Richter hat sich erhoben, mit ihm die beiden Offiziere zur See. Alle drei setzen sich die Dreispitze auf. Feierlich, in etwas affektiertem Englisch verkündet der Richter nun das Urteil beim knarren der Schiffsplanken. All seine Sinne sind aufgerufen.....

Willi greift sich an die nasse Stirn. Die letzten Worte des Richters Seiner Majestät hallen in seinen Ohren. Langsam kommt er zu sich. Heute Nacht ist er aus London kommend in Schwechat gelandet. Knappe zwei Stunden Flug. Er muss öfter geschäftlich nach London. Nach zwei Tagen intensiver Besprechungen ist ihm ein freier Nachmittag geblieben. Er fährt nach Greenwitch, spaziert durch den großen gepflegten Park hinauf zum Hügel und zum kleinen Greenwitch-Museum mit den ersten Navigationsinstrumenten und besucht das Marinemuseum. Dort wird zufällig eine Sonderausstellung gezeigt. "Die Meuterei auf der Bounty". Anschaulich, in lebenden Bildern mit entsprechenden Tonuntermalungen wird der Hergang der Fahrt der Bounty, die Meuterei, die Aussetzung des Kapitäns und seiner Offiziere, die grauenhafte und aussichtslose Fahrt in dem Rettungsboot sowie die unglaubhaft glückliche Rettung dargestellt.

Eines der lebenden Bilder stellt die Verurteilung der gefangenen Meuterer dar. Dreimal schaut sich Willi die mechanische Abfolge an. Dreimal hört er die Urteilsverkündung des Richters. Aus irgendeinem Grund fasziniert ihn gerade dieses Bild. Geduldig und höflich wartet der Museumswärter im Hintergrund. "Sie müssen die Sätze schon auswendig kennen! Wahrscheinlich träumen Sie von der ganzen Geschichte!" Sagt Willi in seinem unverkennbar wienerischen Englisch. „Its my job!" Antwortet lächelnd der Gentleman.

Und nun hat er gerade von diesem Bild geträumt! Er setzt sich vollständig im Bett auf, schüttelt heftig den Kopf und verscheucht die restlichen Schwaden des Albtraumes. Er dreht sich zur Seite und blickt seine schlafende Frau an. Brigitte hat die Beine angezogen, den Rücken rund gekrümmt. Der Mund berührt fast die Knie, der linke Arm umklammert das kleine Kissen, das auf dem spitzen Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel liegt. Die Decke umschließt die schmächtige, fast kindliche Gestalt. Der Vergleich mit einem bewohnten Schneckenhaus drängt sich auf. Zum ersten Mal fällt Willi die Übereinstimmung ihrer typischen Schlafstellung mit ihrem Wesen auf. Natürlich! das ist es: Brigitte ist eine Schnecke. Die Wohnung ist ihr Schneckenhaus, ihre Welt. Balkonpflanzen, die sie pflegt ersetzen ihr die Gärten Andalusiens, die Prärien Amerikas, die Urwälder Brasiliens. Nie hatte Brigitte ihn auf seinen Reisen begleitet. Anfangs redete sie sich auf die kleine Tochter aus, der das Klima nicht bekommen würde. Nach und nach bemerkte Willi, dass Brigitte nicht gern verreiste, dass es ihr Überwindung kostete auch nur ein paar Tage von der Wohnung, ihrem Schneckenhaus fernzubleiben. Er versuchte, die kleine Tochter in die Ferien zu schicken. Bald aber bemerkte er, dass auch die Kleine unglücklich war, wenn sie von zu hause weg war. Ihm war es recht so, er musste ohnedies viel verreisen und war froh, den Urlaub gemütlich zu hause, unterbrochen durch kleine Tagesausflüge zu verbringen. "Zwei Schnecken!" Denkt er belustigt.

Er geht ins Badezimmer und dreht die Dusche auf. Beim Rauschen des Wassers fällt ihm wieder die Bounty ein. Er singt dröhnend einen Shanty.

Inzwischen hat Brigitte das Frühstück gemacht. Alles steht genau auf seinem angestammten Platz. Butter, Marmelade, Semmeln. Angenehm ist es, so verwöhnt zu werden! Denkt Willi. Die Häuslichkeit Brigittes ist ausgesprochen bequem für ihn. „Servus Schatz!" begrüßt ihn seine Frau. „Ich hab` dich gar nicht heimkommen gehört. Hast du einen guten Flug gehabt?" „Ja, alles bestens. Die Verhandlungen in London waren auch zufriedenstellend. Hier, eine Kleinigkeit für euch!“ Willi überreicht Brigitte ein O`de Cologne und Sonja, seiner Tochter ein T-Shirt bedruckt mit einem Bobby. „Oh, danke Vati, das ist super!" Sonja hält sich das T-shirt an. „Oh, danke Schatz!“ Von links und rechts schmatzt je ein Kuss auf Willis Wangen. Willi fühlt sich wohl zwischen seinen zwei Mädchen. Er ist glücklich, dass er ihnen Freude bereiten kann. Heute nimmt er sich Zeit zu frühstücken. Er schneidet eine knusprige Semmel auf und bestreicht sie mit Butter und Marmelade. Der Kaffee ist ausgezeichnet, so wie er ihn gern mag. Locker plaudert er über seine Reise. In der Euphorie des Wohlbehagens und der Zufriedenheit kommt ihm ein Einfall.

„Gestern nachmittags war ich in Greenwitch. Dort habe ich eine Ausstellung über die “Meuterei auf der Bounty“ besucht. Ihr wisst ja, diese berühmte Geschichte vom Captain Bligh! ist auch verfilmt worden. Was ich da gesehen habe hat mich so fasziniert, dass ich sogar davon geträumt hab`. Was hält ihr beide von dem Vorschlag heuer im Sommer eine Kreuzfahrt mit einem großen Schiff zu machen. Ich hab` mir immer so etwas gewünscht. Heute ist es mir wieder eingefallen." Mutter und Tochter sehen einander betroffen an und schweigen. Schweigen das andauert. Willis Euphorie fällt, fällt wie ein Barometer, wenn der Luftdruck plötzlich absinkt. Endlich spricht Sonja, zuerst zögernd, dann immer sicherer werdend:

„Vati, ich weiß du willst uns eine Freude machen aber.... aber es geht nicht! Mir würde auf der Seereise schlecht werden - Mutti übrigens auch. Letztes Mal, als wir nach Venedig gefahren sind, da war ich sehr enttäuscht. Ich hab` Venedig von Filmen und Ansichtskarten gekannt, wunderschön - eine Traumstadt. Vielleicht hab` ich mir alles zu schön vorgestellt: In Wirklichkeit ist Venedig eine verfallende, stinkende Stadt, vollgestopft mit Touristen in kurzen Hosen mit umgehängtem Fotoapparat. Ein Höllenlärm den ganzen Tag! Ich möcht` nicht mehr enttäuscht werden. Ich schau` mir die Länder und Städte lieber im Fernsehen an. Da ist das Meer blau, die Sonne scheint immer, Musik spielt im Hintergrund. Ich bleib` lieber zu Haus!"

Brigitte sagt nichts. Sie lächelt erleichtert, dass Sonja ihr zuvorgekommen ist. Willi blickt Sonja und Brigitte an. Gestalten und Gesichter zerfallen in Quadrate, Rechtecke, wie bei einer Computerdarstellung. In jedes Rechteck, jedes ordentlich gezeichnete Quadrat ist ein Schneckenhaus eingezeichnet, größer, kleiner. Jetzt streben die Rechtecke und Quadrate auseinander, lösen die Umrisse der Körper auf, schweben durch den Raum... Zwei Gesichter, zwei Gestalten sind wieder da. Von der Schwerkraft doppelt besiegt, doppelt unbeweglich, angewachsen. Erkennen ist erst in ihm eingedrungen, dann wie ein Blitzstrahl aus ihm heraus, hat sich ihm bis in die letzte Faser seines Körpers mitgeteilt. Alles dauert nur einen Augenblick. Rasch verabschiedet sich Willi. Es ist ein Fliehen aus dem Sog der Schwerkraft.

Einige Wochen.... Willi vermeidet es längere Zeit mit Frau und Tochter zu verbringen. Er täuscht Arbeit vor, auch am Sonntag. Sitzt dann stundenlang an der Donau, beobachtet die Schiffe. Schiffe und Wasser nehmen ihn gefangen. Er absolviert einen Segelkurs an der Alten Donau - nur so zum Spaß. Aus dem Spaß wird Begeisterung. Instinktiv daher mit Leichtigkeit lernt er die Handhabung eines Segelschiffes. Viele Stunden verbringt er auf dem Wasser. Bei wenig Wind oder Flaute liegt er bequem im Boot. Locker hält die Hand das Tau des Großsegels. Er lässt sich schaukeln, gibt sich dem Glucksen der Wellen hin. Bald wirkt es auf ihn wie das Prickeln von Sekt, der in Gläser verteilt wird, bald wie schweres Öl, das aus einer Kanne in einen anderen Behälter gegossen wird. Boiing, boing, boing....... angenehmes Dahindämmern. Wenn der Wind auffrischt erwacht das Boot und er mit ihm. Er spannt die Segel, lehnt sich weit hinaus. Ein Gefühl der Wonne und Schwerelosigkeit überkommt ihn, er besiegt die Schwerkraft, er fliegt über die kleinen Teiche der Alten Donau, wendet und beginnt das Spiel von neuem, dabei geschickt jedes Lüftchen nützend. Es ist nur Platz für die Elemente Wasser und Luft in ihm und um ihn. Nach dem Segeln, wieder auf festem Boden, müssen seine Beine sich umstellen, müssen sich daran gewöhnen bei jedem Schritt vom Mittelpunkt der Erde angezogen zu werden. Automatisch verrichtet er seine Arbeit, sitzt in Sitzungen, verhandelt mit Kunden. Nur von dem einen Gedanken beseelt wieder ins Boot zu steigen, sich wieder vom Wasser umarmen zu lassen.

Er segelt im Mittelmeer: Adria, Ägäis. Nimmt zum Spaß an Segelregatten teil. Gewinnt wie selbstverständlich, trixt routinierte Seebären aus, wird als großes Talent umworben und gebeten an Weltmeisterschaften teilzunehmen. Danach steht ihm aber nicht der Sinn. Keiner begreift ihn. Kaum einer kann die Verschmelzung von Boot, Mann, Wasser und Wind nachempfinden. Sein Äußeres verändert sich. Haare und Bart sind von Sonne und Wasser gebleicht. Die Haut weist eine gleichmäßige, bleibende Bräune auf. Nicht die spektakuläre vierzehntägige Urlaubs-Bräune, die manche Kollegen befriedigt zur Schau stellen. Wenn er ein Zimmer betritt zieht er alle Blicke auf sich, besonders die Blicke der Frauen. Er merkt es nicht, selbst wenn er es merkte, es wäre ihm gleichgültig.

Die wenigen Wochenenden an denen er nicht segelt verbringt er zu hause im Schneckenhaus. Seine Frau ist zufrieden. Nie macht sie ihm Vorwürfe wegen seiner Segeltörns. Er ist gleichmäßig nett und höflich, aber in Gedanken weit entfernt. Die Geschichte der Bounty beschäftigt ihn schon seit langem. Bei seinem nächsten Englandbesuch verschafft er sich jede erdenkliche Literatur über die Meuterei. Lesend verbringt er Samstag und Sonntag, von Frau und Tochter ungestört. Diese bilden eine Einheit für sich, wohnen auf einem anderen Planeten. Bei den Mahlzeiten blickt er manchmal verstohlen Brigitte und Sonja an: Eine angenehme, ruhige Frau, ein angenehmes ruhiges Kind. Brigitte behindert ihn nicht bei seinen Segelvorhaben. Nie gibt es Szenen wenn er wieder einmal eine Woche auf See ist. Kaum einer der Segelkumpel kann sich so glücklich schätzen wie er. Sie berichten von Auftritten, Tränen, Eifersucht, beklagen sich über jene einengende, aus ihrer Sicht Oktopus-achtarmig umschlingende, im Grunde egoistische Liebe. Schwören, dass sie dem Theater ein Ende setzen werden. Aber Willi bemerkt ihre Unruhe wenn sie auf dem Heimweg sind. Sieht ihre strahlenden Gesichter wenn sie am Flughafen Frau und Kinder umarmen. Er küsst automatisch Brigitte, wird von ihr automatisch wieder geküsst. Ist ihre Beziehung am Ende? Er macht sich keine Gedanken darüber.

Anfänglich keimte für Momente ein Gefühl der Verlassenheit auf. Ein Gefühl, das er aus seiner Kleinkinderzeit kennt wenn die Mutter ihn kurzzeitig alleinließ. Seit er sich intensiv mit der Geschichte der Meuterei beschäftigt ist dieses Gefühl verschwunden, so als hätte er eine Lade ausgeräumt, alten Plunder entfernt um neuen, wichtigen Dingen Platz zu machen. Willi schließt eine Lebensversicherung zu Gunsten seiner Frau ab.

Wenn er dienstlich nach London kommt geht er ins Marinemuseum, in Bibliotheken, studiert eingehend das Leben, den Charakter des Captain Bligh und des Anführers der Meuterei, Fletcher Christian - kommt zu dem Schluss, dass bei diesen beiden starken Persönlichkeiten eine Meuterei unvermeidlich war. Intensiv studiert er die Route, die das ausgesetzte Beiboot des Captain Bligh und seiner Offiziere genommen hat. Er findet heraus, dass es einen Club der "Mutinity on the Bounty" gibt. Trifft sich dort mit Gleichgesinnten, Menschen in den verschiedensten Berufen: Kaufleute, Manager, Direktoren, Fleischer, Buchhalter. Gleich ihm besessen vom Segelsport, fasziniert von der Geschichte der Bounty.

Eine Idee lässt ihn nicht los. Sie wird zum Mittelpunkt seines Lebens. Wie ein Verliebter, der immer wieder in Gedanken zur Person und der Umgebung der Geliebten zurückkehrt, der die Nähe der Geliebten spürt, und sei sie noch so weit entfernt.

Zuerst ist es nur ein Spiel der Möglichkeiten, Phantasie, ein Traum, der nur geträumt werden kann, der unmöglich Wirklichkeit werden kann. Dann nehmen die Träume feste Konturen an, Schiffsformen werden überlegt, Material, Ausrüstung wird berechnet. „Nehmen wir einmal an“ wird gespielt.

Immer mehr steigert sich Willi in die Möglichkeit hinein, die Fahrt des ausgesetzten Captain Blight nachzuvollziehen. Alles sieht er klar vor sich, ein tollkühnes Unternehmen wird zur einfachsten Sache der Welt.

Er lässt sich von seiner Firma beurlauben, steigt aus. Manche Kollegen wundern sich, für manche ist es nicht überraschend. Einigen kommt sein Ausscheiden sehr gelegen. Sie schicken sich an, die Messer der Intrige auszufahren, die Nadelstiche der Bosheit werden erprobt um den Konkurrenten von der Futterschüssel zu verdrängen. Was kümmert es Willi? Er befindet sich schon in Gedanken auf dem Weg nach Tahiti. Gleichmäßig weht der Wind vom Meer und Willi durchschneidet mit seinem Segelboot die Kämme und Wellen der Südsee......

Und dann, herbei hypnotisiert und dennoch und gerade deshalb phantastisch landet Willi in Tahiti. Er wohnt in einem einfachen Bungalow mit zwei anderen Mitgliedern des "Bounty-Clubs". Alle drei wurden vom Club ausersehen an Ort und Stelle den Spuren der Meuterei auf der Bounty zu folgen. Alle verfügbaren Informationen über dieses Ereignis hatte sich Willi und seine Crew beschafft. Wochenlang hatten sie in Bibliotheken von London, Greenwich und Portsmouth nach Unterlagen gesucht.

Die märchenhafte Landschaft, exotische Pflanzen, die goldbraune, scheinbar unverdorbene Schönheit der Menschen, fremdartige, intensive Gerüche verzaubern ihn und seine Freunde. Dieses Gefühl des Wachtraumes hatte er zuletzt in seiner Kindheit, als er an der Hand seiner Mutter im Türkenschanzpark spazieren ging.

Der kleine Ententeich ersetzte das Meer, das er noch nie gesehen hatte. Sein kleines Papierschiffchen war ein Ozeanriese.

Zuhause im Wohnzimmer gab es so ein Segelschiff, eingefangen in einem Goldrahmen. Oft hatte er das Bild betrachtet. Jede blau-türkise Woge, die sich, meisterhaft gemalt gegen das Schiff im Sturm warf kannte er. Und das Schiff hielt stolz den Wellen stand, so wie sein Schiff im Ententeich des Türkenschanzparkes......

Täglich, nach dem Aufwachen muss er sich beweisen, dass er nicht träumt.

Vorerst genießt er das exotische Paradies. Segelt viel, schwimmt, taucht, liegt im feinen, weißen Sand und hört die ewige Symphonie der Brandung, das lüsterne Ächzen wenn Ozean und Land aufeinanderstoßen, in einander dringen....

In alle Ewigkeit möchte er die Farben des Meeres betrachten, seinen Körper spüren. Vollkommene Ruhe und Gelöstheit, Eins sein und Versöhnung mit dem Planeten, der ihn hervorgebracht hat atmen. Etwas treibt ihn gegen seinen Willen. Kein Ehrgeiz es sich und anderen zu beweisen.

Es ist ein Müssen, eine Besessenheit - er will die Route des ausgesetzten Captain Blight und seiner achtzehn Getreuen unter den gleichen Bedingungen nachsegeln.

Er spricht mit den beiden Freunden und versucht sie zu überreden. Mit aller Kraft versucht er sie zu überreden. Sie zögern; das Wagnis in einem sieben Meter langen und zwei Meter breiten Boot bis zur Insel Timor, 6300 km entfernt von Tahiti zu segeln, ist ihnen zu groß.

Kapitän Bligh hatte unwahrscheinliches Glück - trotz größtenteils stürmischer See, trotz Hunger und Kälte, trotz ausweglosen Situationen landete er nach dreiundvierzig Tagen auf der Insel Timor im heutigen Indonesien.

Er lässt nicht locker, wirft seine ganze Überredungskunst in die Waagschale, malt den Freunden das Abenteuer in den schönsten Farben aus. Endlich ist es so weit: Die Freunde sind bereit mitzumachen aber unter einer Bedingung: ein Schiff mit den modernsten Einrichtungen der Seefahrt muss im Schlepptau mitfahren um ihnen bei eventuellen Schwierigkeiten beizustehen. Ein Salto Mortale mit Netz also. Nicht im Sinne Willis. Außerdem eine kostspielige Angelegenheit, die Willi allein tragen muss.

Alle Überredungskunst ist sinnlos - die Freunde lassen nicht locker entweder mit Absicherung oder gar nicht. Willi bleibt keine andere Wahl: Er setzt sich in Wien mit seiner Bank in Verbindung und borgt sich das Geld . Er schöpft seine Reserven vollständig aus, denkt dabei nicht an Frau und Tochter. Sie sind ihm gleichgültig, alles ist ihm gleichgültig bis auf das Unternehmen Bounty.

Mit Hast und Ungeduld treibt er die Vorbereitungen voran. Nach einem Monat laufen Willi und seine Club-Freunde aus dem Hafen von Tahiti aus. Das Wetter ist wie geschaffen für das Unternehmen, alle drei sind gute Segler. Für Willi tut sich eine Tür auf, eine Tür, die die längste Zeit verschlossen war. Er streift sein bisheriges Leben, Denken und Fühlen ab wie ein Kleidungsstück, das er sich unbedachterweise zu klein gekauft hat. Jede Zelle, jede Faser seines Körpers und Geistes will etwas Phantastisches vollbringen, dadurch sich erfüllen, so als wäre ihm seine Zeit knapp berechnet.

Er gönnt sich kaum Schlaf, er braucht ihn nicht. Als stünde er unter Drogen-Einfluss verrichtet er die schwersten Arbeiten, lässt sich von den Freuden kaum helfen, ja empfindet ihre Gegenwart als lästig.

Allein am Steuer, das Segel mit den Augen liebkosend, jede Laune des Windes an dasselbe weitergebend, die Elemente mit einer fast schmerzlichen Intensität, ja Wollust empfindend teilt er die Wellen des südlichen Meeres.

Am Bug sieht er Fische empor schnellen und wieder ins Wasser zurückspringen, Millionen Schaumbläschen hinterlassend. Möwen begleiten zeitweise schreiend das Boot. Seine Seele begrüßt sie als vertraute Spielgefährten, sein Mund lächelt ein verzücktes Lächeln. Endlich - das ist sie, die Erfüllung, Erfüllung schrankenloser Freiheit, Freiheit, die mit den Wellen die Enge des frühen und des späteren Lebens hinweg spült. Sein ausgebleichtes Haar weht im gleichmäßigen Wind als wollte es ebenfalls die Befreiung auskosten.

Doch die gute See hält nicht an. Aggressiv beginnen die Wellen das Boot hin und her zuwerfen. Es ist als wenn riesige Wassergeister, grausam und doch unschuldig hilflose Krabbel-Tiere foppen würden. Sturmböen zerren am Segel, peitschen ihm Gischt ins Gesicht, sodass er kaum sieht. Wind und Wasser verlangt ihm alle Kraft und Konzentration ab.

Die Freunde schauen sich zögernd an und blicken zum unbeugsamen Steuermann. Mit zunehmendem Sturm wächst ihre Angst. Als die Lage bedenklich wird ruft einer von ihnen per Funk das Schulschiff, das in einigen Meilen Entfernung hinter ihnen herfährt.

Bald hat das große Schiff sie eingeholt; nicht eine Minute zu früh, denn das Boot beginnt Wasser zu nehmen. Mit großen Schwierigkeiten fährt das Schiff an das Boot heran. Willis Segelfreunde versuchen das Tosen der See überschreiend Willi zur Aufgabe zu bewegen. Als kein Schreien hilft zerren sie ihn mit vereinten Kräften vom Steuer.

Mit weit aufgerissenen Augen schreit Willi sie an: „Mein Schiff verlassen? niemals! glaubt ihr ich will auf Ihrer Majestät Schiff Brunswik wegen Meuterei aufgeknüpft werden? Nie wieder gebe ich die Freiheit auf. Geht nur, ihr Feiglinge, lasst mich allein!"

In seinem Wahn ist er plötzlich einer der Meuterer.

Verächtlich zucken die vor Kälte und Anstrengung blauen Lippen. Dann wendet er sich ab von ihnen, dem Steuer zu, so als wären sie nicht vorhanden.

„Er ist verrückt geworden!" fassungslos starren sich die beiden Freunde an.

„Schnell, es ist keine Zeit zu verlieren!" herrscht sie einer der Rettungsmänner an und wirft ihnen die Strickleiter zu. Im Sturm hin und her schwankend kommen sie schließlich völlig erschöpft an Bord.

Kopfschüttelnd lösen die Seeleute die Haken vom Boot. Dem wahnsinnigen Steuermann ist nicht mehr zu helfen.

Willis Boot macht einen Satz, wie ein wildes Tier das endlich aus dem Käfig entkommt. Lange kann Willi sich jedoch nicht mehr halten; nach zehn Minuten kentert das Boot......

Zwei Tage tobt der Sturm, dann plötzlich legt er sich, wie bei einem Kind, das seinen Jähzorn ausgetobt hat und nunmehr wieder lächelt als wäre nichts geschehen.

Über Fidschi geht die Sonne auf, ein sanfter Wind küsst die Wellen und den weißen, feinen Sand des Strandes. Ein früher Strandläufer bekleidet mit knalligen Bermudas absolviert seinen Morgensport. Abrupt bringt er seinen Körper zum Stillstand. Er macht eine grauenhafte Entdeckung: Der verstümmelte, blutige Rumpf eines Mannes, Rest einer Hai Mahlzeit, von kleinen Wellchen hin und herbewegt liegt zu seinen Füßen.