Parsival


„Ich wusste, dass er ein Schürzenjäger, ein Don Juan ist. Es ist in der Szene allgemein bekannt, dass Sascha Kaminski die Frauen wie die Hemden wechselt. Und trotzdem bin ich ihm auf den Leim gegangen, hab mich von seinem Charme einwickeln lassen. Nach sechs Wochen ist es auch schon wieder vorbei, eine andere ist aktuell. Wie immer bei ihm, auch das hätte ich wissen sollen!“

Claudia sitzt Hellen gegenüber. Claudia, die geradezu von Kunst Besessene, Claudia, die auf keiner Vernissage fehlt.Traurigkeit um die dunklen großen Augen, Wehmut um den schönen, etwas zu vollen Mund. Der Seidenschal ist nachlässig um den Hals geschlungen und hängt schlaff herab. Auch dieser leblose Gegenstand scheint Resignation auszudrücken.

Hellen versucht Claudia zuzuhören. Sie hat sich angewöhnt so zu tun als höre sie aufmerksam zu. Sie ist darauf trainiert das Essentielle, das für sie Wichtige aus den Ausführungen zu entnehmen. Hellen ist Juristin, eine vielversprechende Anwältin, die dabei ist Karriere zu machen. Sie verdient gut, sehr gut sogar. Ihr Spezialgebiet sind Scheidungsfälle. Mit großem Geschick lenkt sie die langatmigen, oft von Selbstmitleid durchsetzten Schilderungen frustrierter Ehefrauen, in ihrer Ehre gekränkter Ehemänner auf das Wesentliche, für den Fall Ausschlaggebende. Ihr großes Talent besteht darin, den Eindruck zu erwecken, dass sie an den geschilderten Ehehöllen Anteil nimmt. Da sie nebenbei ihren Klienten den Psychiater erspart ist sie sehr beliebt und wird immer weiter empfohlen.

Es ist doch immer dasselbe, denkt sie, die ewige Leier enttäuschter Gefühle. Wenn sich die Menschen nicht so oft täuschen ließen würden sie nicht e n t t ä u s c h t werden. Weniger Euphorie, ein bisschen mehr Verstand und so manche unmögliche Beziehung würde erst gar nicht zustande kommen. Dann würde ich aber am Hungertuch nagen! Denkt sie belustigt weiter. Wenn es nicht Claudia, ihre beste Freundin erwischt hätte, einer der wenigen Menschen zu denen sie eine nähere Beziehung hat würde sie sich das Gejammer nicht anhören, schon gar nicht gratis.

„Dabei habe ich noch Glück im Unglück,“ schnappt Hellen aus dem Redefluss auf. „ich dachte schon ich sei schwanger, Gott sei Dank hat es sich als Irrtum herausgestellt!“

Aus irgendeinem Grund, den sie sich nicht erklären kann registriert sie gerade diesen Satz. In der Folge signalisiert ihr das Gehirn, dass Claudia zu reden aufgehört hat.

„Ist nicht leicht für dich, fühlst dich einsam und verlassen nach der schönen Zeit, verstehe ich schon! Na, wird schon wieder werden. Aber, warum wäre ein Kind so ein Unglück gewesen. Du als Lehrerin liebst doch sicher Kinder. So ein Kind das man aufziehen kann, das man gern haben kann weil es ein Stück von einem selbst ist. Wäre das nicht schön für dich?“

„Also nein, wirklich nicht! wie stellst du dir das vor, ein uneheliches Kind. Das Getuschel, das Gerede der Kollegen und der Nachbarn. Ein Kind schon aber ein Kind mit Vater. Ideen hast du manchmal!“ fügt Claudia leicht empört hinzu.

„Na ja, vielleicht hast du recht! Herr Ober, bitte zahlen,“ Hellen hat es plötzlich eilig. Claudia hat sich ausgesprochen, das ist das Wichtigste, sie fühlt sich sicher leichter, jetzt, danach. Hellen gibt keine ungebetenen Ratschläge mehr. Nun denkt sie an sich, sie hat morgen einen schwierigen Scheidungsfall zu verhandeln. Es geht um viel Geld. Sie muss ausgeschlafen sein, einen klaren Kopf haben.

„Lass nur, ich mach das schon,“ Hellen zahlt für Claudia, „willst du heute bei mir übernachten?“ fragt sie.

Claudia lehnt dankend ab, es wäre zu weit von der Schule.

„Dann bringe ich dich jetzt nach Hause!“ sagt Hellen.

„Na also, es geht dir ja schon besser!“ Hellen lächelt. Im Grunde ist sie erleichtert, dass Claudia nach Hause will.

Vor Claudias Haustor fragt Hellen plötzlich: „Du, ist es wirklich aus mit diesem Kaminsky? Oder kommt da noch vielleicht etwas.“

„Es ist sicher aus. Ich glaube er hat nicht einmal bemerkt, dass ich aus seinem Leben verschwunden bin. Er ist einfach nur mit sich selbst beschäftigt. Ein Egoist durch und durch.....“

Hellen kürzt geschickt das neuerliche Aufwallen ab und verabschiedet sich. Das habe ich jetzt schon dreimal gehört, ein viertes Mal – nicht mehr, bei aller Freundschaft!, denkt sie.

Während der Heimfahrt beginnt sich ein Gedanke, eine Idee breitzumachen.

Hellen besitzt eine Maisonette im schönsten und teuersten Bezirk. Sie ist stolz auf ihre komfortable, moderne Wohnung, die sie ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet hat. Zu groß ist sie für mich, denkt Hellen, aber Vater hat darauf bestanden. Er hat ihr auch bei der Finanzierung unter die Arme gegriffen. Das meiste aber habe ich mit meiner Hände Arbeit geschafft, nein, verbessert sie sich gedanklich, mit dem tadellosen Funktionieren meines Gehirnes.

Die Anwaltspraxis hatte sie von Vater übernommen. Das Talent für die Juristerei lag ihr im Blut. Vater hat mich sehr beeinflusst, denkt Hellen, was ich bin und wie ich bin das bin ich durch ihn.

Hellens Mutter verstarb früh. Vater hatte nicht wieder geheiratet. Nicht, dass er ab und zu Verhältnisse gehabt hätte, in seine Wohnung, zu seiner kleinen Tochter brachte er keine seiner Freundinnen. Hellen wuchs in der Obhut einer einfachen, mütterlichen Kinderfrau auf. Früh wurde Hellen an Selbständigkeit gewöhnt. Vater, der sich viel mit Hellen beschäftigte, abends wenn er von der Anwaltspraxis nach Hause kam hielt Hellen an, selbständig zu denken und zu handeln Sie erinnert sich daran wie sie einmal den Zug versäumte, der sie auf den Semmering zum Schi-Fahren bringen sollte. Hellen war damals acht oder neun Jahre gewesen. Vater hatte ihr schon am Vortag aufgetragen ihre Sachen zu packen. Hellen hatte vor lauter Spielen darauf vergessen. Zwei Stunden vor Abfahrt des Zuges war noch nichts vorbereitet. Geduldig hatte Vater zugesehen wie Hellen fahrig ihre Sachen zusammenholte und in den Koffer legte. Er hatte aber keinen Finger gerührt um ihr zu helfen. Und schließlich war der Zug ohne sie abgefahren. Der nächste Zug ging erst anderntags zu Mittag, so dass sie einen ganzen Tag Schi-Fahren einbüßten.

Damals hatte Hellen ihren Vater gehasst. Heute ist sie ihm für seine Konsequenz dankbar.

Sicher ist die starke Persönlichkeit meines Vaters, sein Vorbild, seine Erziehung mit ausschlaggebend für meine Einstellung zu Männern, denkt Hellen. Ein permanenter Ödipus-Komplex? Vielleicht. Oder war sie Brünnhilde, die auf dem Feuer umloderten Felsen in Schlaf versunken ist und die von irgendeinem unerschrockenen Siegfried geweckt werden soll? Unsinn! Weder das eine noch das andere, denkt Hellen schließlich.

In ihrer Teenager Zeit hatte sie zwei Romanzen gehabt, die beide, wie das schon so geht mit Liebeskummer endeten. Sie hatte schon damals begonnen ihre Schlüsse zu ziehen. Während ihrer Studienzeit gab es einige kurze, größtenteils auf das Sexuelle beschränkte Beziehungen. Das Studium war ihr wichtiger gewesen. Nach ihrer Promotion und während der Gerichtsjahre war nicht viel Zeit für die sogenannte Liebe geblieben. Noch weniger Zeit hatte sie dafür seit sie als Anwältin arbeitete. Ihr scharfer Verstand schied sofort die Spreu vom Weizen. Und Weizen blieb nicht viel über! Die meisten Männer langweilten sie nach einiger Zeit. Ob sich intellektuell Gebende oder auf smarte Boys zurecht Gemachte; nach einiger Zeit hatte sie genug von der Einförmigkeit des Small Talks, die sich schließlich bei allen als die gleiche herausstellte. Die Männer ihrerseits deuteten das Nicht Bereit Sein Hellens auf männliche Eitelkeiten einzugehen als Arroganz. Es kamen daher nur kurze Episoden vor, die bald vorüber waren.

Ehe oder selbst ein zeitweiliges Zusammenleben mit einem Mann hatte Hellen ausgeschlossen. Die Scheidungsfälle mit denen sie sich täglich in ihrer Praxis befassen musste hatten letztendlich den Ausschlag gegeben. Sie war glücklich so wie es war. Sie hatte ihre Arbeit, die sie interessierte und befriedigte. Sie war erfolgreich und verdiente gut. Sie genoss die Annehmlichkeiten, die ihr ein hohes Einkommen boten. Teure Flugreisen in fashionable Clubs. Luxuriöse Schi-Urlaube mit Gleichgesinnten.

Ich habe mein Leben eben genau geplant, habe mich nicht von vorübergehendem Liebesglück, von romantischen Vorstellungen einnebeln lassen. Wenn es drohte rosarot zu werden hat sich, wie mit einer Schaltuhr gesteuert der Verstand gemeldet. Ich bin vollkommen zufrieden, denkt Hellen. Nur... nur eines fehlt mir, eines hätte ich gerne; ein Kind. Ein Kind ohne entsprechenden Vater in Kauf nehmen zu müssen.

Sie war fünfunddreißig, höchste Zeit wenn sie ein Kind wollte.

Dieser Sascha Kaminski! Überlegt Hellen. Oberflächlich, flatterhaft, eitel, vermutete sie. Schlägt sich so durch mit dem Verkauf des einen oder anderen Bildes, gaukelt von einer Blüte zur anderen, lauter kurzlebige Schmetterlings Affären, wahrscheinlich unfähig tiefere Gefühle zu entwickeln, daher ungeeignet für eine dauerhafte Bindung. Ist sich dessen vielleicht sogar bewusst, ja ist möglicherweise stolz darauf, denkt Hellen weiter. Hellen stellt sich eine Kreuzung von body-gebildeten und malerisch verwahrlostem Macho vor.

.......daher bestens geeignet als rein biologischer Vater, denkt Hellen zu Ende.

Die Idee lässt sie nicht los. Erst in Umrissen, dann immer genauer zeichnet sie den Plan auf ihrem geistigen Reißbrett.

Schwierigkeiten könnte es nur mit dem Jugendgericht geben, wegen der Nennung des Vaters. Aber.... wer konnte sie zwingen den Vater ihres Kindes anzugeben.

....Und es gibt für alles Sondervereinbarungen, Verträge, weiß Hellen aus ihrer Praxis.

Am nächsten Tag hat Hellen in der City zu tun. Im Schaufenster eines Geschäftes sieht sie das Plakat einer aufstrebenden Galerie


„Vernissage Sascha Kaminski, Aquarelle und Ölbilder“


Es ist als hätte mein Geist aus der Flasche begonnen für mich zu agieren, denkt Hellen. Das wäre also übermorgen ......passt gut in mein Konzept. Es kommt auf einen Versuch an....

- . -

Hellen öffnet die Tür zur Galerie, deren Räumlichkeiten wie immer bei solchen Gelegenheiten viel zu klein sind um die vielen Besucher aufzunehmen. Ob sie will oder nicht; sie taucht ein und wird eingetaucht in das Meer redender, lachender, schwitzender, essender, trinkender, sich in Szene setzender Menschen. Dämpfe von Parfüm und Schweiß steigen zur Zimmerdecke, dicken die Luft ein als würde sie mit einem Riesenmixer zu Majonäse geschlagen. Die meisten scheinen die Bilder schon betrachtet zu haben, denn sie stehen in der Mitte des Saales, mit dem Rücken zu den Exponaten, dicht aneinander gedrängt. Frauen sorgfältig, manchmal fantasievoll geschminkt legen den Kopf zurück, ziehen ab und zu an ihrer Zigarette oder Zigarre und lauschen mit scheinbarem Interesse den Ausführungen eifrig gestikulierender Männer. Begrüßung – und Verabschiedungs-Küsschen werden auf rechter und linker Wange angedeutet.

Die „Vernissage-Fresser“, Stammgäste bei fast allen Vernissagen bei denen es auch etwas zu futtern gibt, verlassen einer nach dem anderen die Örtlichkeit. Scheinbar gibt es nichts mehr zu „futtern“.

Hellen fühlt sich wohl in der Anonymität der Masse. Ihre Augen beobachten, ihre Sinne nehmen auf, Gespräche, Gelächter, Gerüche. Sie lässt die Szene wie ein inszeniertes Theaterstück auf sich wirken. Wo der Menschenknäuel am dichtesten ist bemerkt sie eine Gestalt. Mit Sicherheit der Künstler selbst, Sascha Kaminski.

Mittelgroß, sehr schlank fast zart. Sehr feine und doch männliche Gesichtszüge. Glattes Haar umrahmt Stirn und Wangen, legt sich wie ein dunkler Helm um den schmalen Kopf. Der Blick ist abwesend, unbeteiligt, so als ginge ihm das für ihn und um ihn Inszenierte nichts an. Der Oberkörper ist mit einem nachlässig über gezogenen, Tunika-artigen Kleidungsstück bedeckt, das durch seine Überweite die Feingliedrigkeit der Gestalt betont. Die zunächst stehenden ob Männer oder Frauen wirken neben ihm plump und grell. Ein Strahlen, ein Entrückt Sein geht von diesem Mann aus und schafft einen Abstand zwischen ihm und den anderen. Mit natürlicher Grazie lehnt er an einem Fensterbrett, nickt ab und zu zustimmend zu den wortreichen Ausführungen eines auffällig gekleideten Mannes mit dunkler Sonnenbrille und kurzem Bürstenhaarschnitt.

Hellen ist überrascht und erstaunt; das soll Sascha Kaminski sein? Frauenheld und Don Juan? Ein oberflächlicher, eitler Möchtegern-Künstler? Unmöglich! Ausgeschlossen!

Hellen blickt nochmals in Kaminskis Richtung. Sie bemerkt die schwärmerischen Blicke der Frauen, die sich in seine Nähe drängen, wie Pflanzen zum Licht. Kaminskis Blick hingegen schweift über alle hinweg, zu einem nur ihm bekannten Ziel.

Parsival! Durchfährt es Hellen plötzlich, ja Parsival der reine Tor!

Hellen wird die Unsinnigkeit ihrer Absicht voll bewusst. Was ist mir da nur eingefallen? Wo ist mein Verstand geblieben? Bin ich denn nicht bei Trost? Wie konnte ich mir einbilden diesen Kaminski oder sonst irgend einen anderen Mann als Zuchtbullen zu benützen. Das ist wohl der Gipfel an Zynismus aber auch an Schwachsinn! beschimpft sich Hellen selbst.

Wenn ich schon da bin schaue ich mir noch die Bilder an, aber dann nichts wie weg! Schade um die Zeit, morgen habe ich einen anstrengenden Arbeitstag vor mir! denkt sie.

Ohne eigentliche Absicht vertieft Hellen sich allmählich in die ausgestellten Bilder. Farbkompositionen, zunächst scheinbar ohne Zusammenhang aneinander gereiht, ineinander fließend ergeben ein Ganzes, Vollkommenes. Kein Pinselstrich zu viel, keiner zu wenig. Hellen erfasst, erfühlt leuchtende Wiesen mit reichem Blumenschmuck des beginnenden Sommers. Ein Weizenfeld; oft und oft dargestellt in den verschiedensten Stil Variationen, von Stümpern und Meistern. Hier wirkt es ganz anders. Der Maler jongliert mit Farbe, mit dem Licht, nimmt sich immer wieder das gleiche Thema vor um es zu variieren. Eines fällt Hellen an allen Bildern auf; Menschen werden kaum dargestellt. Nur ab und zu Schatten hingeworfen. Jeder erwartet, dass gleich darauf die dazugehörige menschliche Gestalt auf dem Bild erscheint, doch es kommt nichts.

Die Bilder haben etwas Unwirkliches und dennoch Erdgebundenes, Hellen kann nicht umhin sie einfach zu genießen.

„Gefallen sie dir?“ Hellen wird aus ihrer Versunkenheit geholt. Sie dreht sich um. Sascha Kaminski steht hinter ihr.

Wieso duzt er mich, haben wir denn zusammen in der Sandkiste gespielt? Ist Hellen´s unwillkürlicher Gedanke. Dann fällt ihr aber sogleich ein, dass es in Künstlerkreisen üblich ist sich sofort zu duzen. Sie blickt in das Gesicht des Malers, das sie konzentriert betrachtet. Dieser Mensch kümmert sich um keinerlei Konventionen, es ist ihm einfach unmöglich sich mit derlei Kleinigkeiten zu befassen, nicht aus Überheblichkeit. Es ist keine Lauheit in diesem Blick, nicht das übliche verbindliche Lächeln sondern vollkommene Aufmerksamkeit. Hellen hat das Gefühl dass ihre Antwort Kaminski sehr wichtig ist.

„Ja, sie gefallen mir, sie gefallen mir sehr!“ antwortet Hellen.

Zugleich fühlt die sonst so Sichere, in jedem Sattel Gerechte ein Gefühl der Unsicherheit. Das ärgert sie. Sie möchte sich schnell verabschieden und dann endlich heimfahren.

„Die Leute unterhalten sich glänzend mit meinen Bildern im Hintergrund. Viele kommen um sich selbst auszustellen, darzustellen und um andere zu treffen. Es gibt sehr Wenige die schweigen und schauen so wie du,“ sagt Kaminski. Hellen kann keine Spur von Sarkasmus heraushören. Kaminski stellt einfach fest.

„Das Wichtigste ist erledigt!“ sagt Kaminski. Es klingt als hätte er etwas Unangenehmes, Unaufschiebbares wie zum Beispiel einen Zahnarztbesuch absolviert. „Wir, das heißt ein paar Freunde und ich gehen noch in den „Schwarzen Esel“. Kommst du auch mit?“

Hellen möchte höflich ablehnen, will sagen, sie hätte morgen einen schweren Arbeitstag vor sich, sie müsse noch etwas vorbereiten usw... jedoch, irgendetwas an diesem Kaminski zwingt sie einfach zuzustimmen.

Sie betreten den „Schwarzen Esel“, Kaminski, sie und noch vier andere, zwei Frauen und zwei Männer. Es ist nicht zu übersehen mit welcher ehrfürchtigen Bewunderung die Freunde Kaminski begegnen. Bei den Frauen bemerkt Hellen geradezu Verzückung. Beide drängen sich möglichst in seine Nähe, jede versucht Kaminski auf sich aufmerksam zu machen, jede macht unausgesprochen ihr Angebot. Die andere versucht dieses zu überbieten. Kaminski bemerkt es nicht einmal.

Wozu gehe ich überhaupt mit, was soll ich hier? Hat er nicht schon genug Anbeterinnen? Mir liegt diese Rolle nicht, denkt Hellen und ist wütend auf sich. Zögernd geht sie auf den Tisch zu an dem Kaminski, links und rechts belagert von den Frauen sitzt. Er blickt auf, sieht Hellen, bedeutet einer der Damen Platz zu machen und bietet Hellen Platz an seiner Seite an.

Hellen ist die Situation unangenehm. Sie spürt geradezu körperlich den giftigen Blick der hübschen, dunklen, üppigen Frau, die Kaminski um ihretwillen zurückgesetzt hat. Die Frau an seiner anderen Seite versucht krampfhaft ihn ins Gespräch zu ziehen, auf sich aufmerksam zu machen indem sie ihm ihr zauberhaftetes Lächeln schenkt. Vergebens – Kaminski beachtet sie nicht. Er wendet sich ausschließlich Hellen zu, betrachtet sie mit der ihr nun schon bekannten, intensiven Aufmerksamkeit, stellt hin und wieder Fragen, bekommt kurze, stockende Antworten von Hellen.

Schließlich wechselt Kaminski einige Worte mit den übrigen, trifft Verabredungen mit den beiden Männern, die sich alsbald verabschieden. Ohne Umschweife verabschiedet Kaminski auch die zwei Frauen, die widerwillig gehen, nachdem sie Hellen mit Blicken zu erdolchen versuchen.

Wie unhöflich er ist! Denkt Hellen. Sie denkt es mit einem innerlichen Lächeln, wie man über ein ungezogenes und dennoch unwiderstehliches Kind lächelt.

Sie unterhalten sich über Malerei. Kaminski spricht über seine Bilder, bittet Hellen um ihre Ansicht. Hellen fällt es plötzlich wieder leicht zu sprechen. Sie spricht von dem sich steigernden Licht, von den verwischten Schatten, die Menschen ankündigen, die dann doch nicht erscheinen, spricht von der Sehnsucht die diese Bilder ausdrücken. Eine Sehnsucht die scheinbar unerfüllbar ist.

Als sie fertig ist nickt Kaminski und sieht sie an.

Endlich, es ist schon lange nach Mitternacht, entschließt sich Hellen zu gehen.

„Rufe mich bitte morgen an, bitte!“ Kaminski schreibt auf der Rückseite der Rechnung seine Telefonnummer auf und überreicht Hellen den Zettel. Er lächelt sie an. Hellen bemerkt den Ausdruck von Zufriedenheit, ja Glück auf Sascha Kaminskis Zügen. Ein Strahlen, dem man sich nicht entziehen kann ob man will oder nicht.

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Und dann – die glücklichen Wochen mit Parsival! Hellen nennt Sascha in Gedanken so. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist da eine Verzauberung. Eine Unwirklichkeit, ein vor sich hin Träumen wo immer sie sich befindet.

In der Kanzlei erledigt sie nur das Nötigste, verschiebt Termine, beeilt sich so schnell wie möglich wieder bei ihm zu sein. Parsival begrüßt sie jedes Mal wie ein Verdurstender, der endlich wieder trinken darf. Seine Liebe ist rein, unschuldig, fast inbrünstig, so als wäre sie die erste Frau in seinem Leben.

Das ist Hellen unerklärlich. Er der Umworbene, Viel Geliebte, der Frauenheld wenn auch nicht so wie sie es sich vorgestellt hat liebt wie ein schwärmerischer Junge.

Hellen versucht ihn über seine früheren Beziehungen auszufragen. Sie bemerkt, dass er sich an nichts erinnert. So als hätte es tatsächlich in seinem Leben keine Frau vor ihr gegeben. Seine Antworten sind von fast kindlicher Ehrlichkeit. Hellen steht vor einem Rätsel.

Stundenlang streifen sie durch die Umgebung nahe der Stadt, sprechen fast nichts, halten sich an den Händen, geben einander Wärme und Seligkeit, streicheln einander mit Blicken.

Einmal sagt er: „Ich glaube, ja ich fühle ich kann plötzlich anders malen, vielleicht auch Menschen, nicht nur Schatten!“ Hellen erschrickt fast vor seinem hingebungsvollen Blick, der im nächsten Augenblick bei ihr unbeschreibliche Seligkeit hervorruft.

Und dann die plötzliche Wandlung. Sascha ist merkwürdig an diesem Sonntag; er steht entgegen seiner Gewohnheit zeitig auf und geht hinüber in sein kleines Wohnatelier.

Im Halbschlaf wundert sich Hellen, dass Sascha, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit sie nicht geküsst hat, sie hätte es gespürt, wenn er sie geküsst hätte. Er wird das Frühstück machen, denkt sie. Sie ist noch müde, dreht sich zur Seite und schläft wieder ein.

Nach einer Stunde erwacht sie, zieht sich den Schlafrock über und geht ins Wohnzimmer in Erwartung eines Frühstücks. Jedoch, von Kaffee und Semmeln keine Spur; sie sieht sich einem heillosen Durcheinander gegenüber. Leinwände in verschiedenen Größen, wahllos aufgeschlagene Skizzenblocks auf Tisch und Sesseln verteilt, überall Malutensilien. Inmitten des Chaos – Sascha Kaminski. Sie macht eine Bemerkung, lächelt ihn an. Er blickt auf, sieht durch sie hindurch, so als wäre sie nicht vorhanden und wendet sich wieder seinen Leinwänden zu. Kein auf sie Zueilen, kein Umarmen, kein Kuss!

Hellen fröstelt es plötzlich. Es ist ihr als würde alles Blut aus dem Körper entweichen und die Wärme mitnehmen. Unwillkürlich zieht sie die Schultern hoch und hüllt sich fester in ihren Schlafrock. Sie setzt sich auf die Kante eines voll geräumten Sessels und wartet. Außer dem Rascheln von Papier ist nichts zu hören. Nach zehn Minuten bricht sie das Schweigen: „Ich mache uns Kaffee!“ „ja“ sagt Sascha ohne aufzublicken.

„Dein Kaffee wird kalt!“ sagt Hellen, nachdem sie Kaffee gekocht, Skizzenblocks und Farben zur Seite geräumt und eine Weile gewartet hat.

„Ja, ja!“ sagt Kaminski und bequemt sich endlich zum Frühstück zu kommen. „Ich habe sehr viel zu tun, Ideen Entwürfe, ich muss mich darauf konzentrieren und möchte nicht gestört werden. Du wirst verstehen! Ich kann mich in nächster Zeit nicht mit dir befassen!“ Sagt Kaminski. Seine Stimme klingt nervös, gereizt, ungeduldig.

Kalte Wut steigt in Hellen hoch. So ist das also! Laut sagt sie: „Ich bin kein Schoß-Hündchen oder eine Siam-Katze mit denen man sich nach Gutdünken mehr oder weniger befasst! Ich habe schon verstanden, ich verschwinde sofort!“ Wütend knallt sie die Türe des Wohnzimmers zu, zieht sich an, packt ihre Sachen in ihr Köfferchen und verlässt fluchtartig die Wohnung.

Als sie in ihrem Auto sitzt hält sie inne und wartet auf etwas. Es geschieht nichts. Da überfällt sie nach der Wut zum ersten Mal der Schmerz. Messer wühlen in ihrem Kopf, ein Schraubstock presst ihren Magen zusammen. Sie krümmt sich unter einem unsichtbaren Schlag und schluchzt dumpf auf.

So ist das also! Geht es ihr wieder und wieder durch den Kopf. Jetzt weiß sie was Claudia meinte, jetzt erst kann sie nachfühlen wie ihr zu Mute war. Sie, die sich immun glaubte gegen die Fallstricke der Liebe war diesem Mann ins Netz gegangen. Sie die Überlegene, die sich wunderte über Situationen, in die ihre Klienten geraten konnten nur weil sie nicht rechtzeitig das Hirn einschalteten, sie, die sich ihr Leben eingeteilt hatte, ein Leben indem für Gefühle wenig Platz vorgesehen war war verwundbar geworden.

Der Krampf in ihrem Körper löst sich. Ein Strom von Tränen mildert das Bohren in ihrem Kopf. Eine Weile sitzt sie da und weint. Dann befielt sie sich: nimm dich zusammen, lass dich nicht so gehen. Im Grunde wolltest du ja wissen wie das ist, nun weißt du es. Du wirst dich beruhigen und diesen vermeintlichen Gralsritter ad acta legen. War alles nur Einbildung! Er hat dich hineingelegt! Ist wahrscheinlich seine Masche bei allen Weibern und du bist ihm auch auf den Leim gegangen!

Entschlossen trocknet sie sich die Tränen ab, schnäuzt sich lautstark, startet den Wagen und fährt heim.

Es ist nicht so leicht dort fortzusetzen, wo sie vor Kaminsky war. Am liebsten möchte sie diese Episode aus ihrem Leben herausschneiden, verdrängen. Die Seele wehrt sich dagegen. Hellen stürzt sich in die Arbeit und geht abends mit Freunden und Studienkollegen aus. Wenn sie spät des nachts heimkommt überfällt sie ein Gefühl der Leere, es beginnt sie in der Kehle zu würgen. Sie fühlt sich einsam und ist unglücklich.

Was ist los mit dir? Fragt sie sich, du hast zum ersten Mal in deinem Leben wirklich geliebt, du hast dich in diese Beziehung einfach hineingestürzt wie in ein unbekanntes Gewässer. Du hast nicht vorher überlegt wie tief der Fluss ist, ob er reißend ist, ob er Strudeln hat, die dich unbarmherzig in die Tiefe ziehen könnten. Das war gut so, gut für deine vermauerte Psyche, du bist aufgewacht, hast einmal geliebt, hast gefühlt mit Körper, Seele und Geist.

Was ist dann geschehen? Etwas das unweigerlich geschehen musste, das Millionen vor dir erlebt haben und Millionen nach dir erleben werden. Sei froh, dass es so bald geschehen ist, froh und dankbar musst du dem Schicksal sein, dass es dich vor der üblichen Dummheit bewahrt hat, die haufenweise in den Scheidungsakten verhandelt wird, vor einer Ehe. Lass der unwirklich schönen Zeit ihre unwirkliche Schönheit und vergiss das Ende! Jetzt aber an die Arbeit! befielt sie sich.

Doch das neuentdeckte, neugeborene Ich will nichts von Vernunft wissen. Es widerspricht wie ein trotziges Kind, dem man zum x-ten Mal etwas erklärt hat und das einfach nicht verstehen will weil es noch glaubt alles nach seinem Willen ändern zu können.

Sie ertappt sich dabei, dass sie den Schmerz genießt in den sie sich immer weiter hineinsteigert, ja dass dieser Schmerz zur Sucht wird.

Nach einem Monat vermutet Hellen, dass sie schwanger ist. Etwas was sie noch vor kurzer Zeit minutiös geplant hat erscheint ihr nun unwirklich.

Das Gefühl der Unwirklichkeit dauert an, für andere die natürlichste Sache der Welt kann sie mit sich selbst nicht in Zusammenhang bringen, erscheint ihr völlig absurd.

Im zweiten Monat ist jeder Irrtum ausgeschlossen. Als sie begreift ist es ihr als würde sie innerlich aufbrechen vor Freude. Die Veränderungen mit ihrem Körper bewirken ein grenzenloses Wohlbehagen. Sie blüht auf wie eine Rose, von einem Tag zum anderen.

Ihre herben Züge werden weich, das Gesicht wird runder, die knabenhafte, eher eckige Figur rundet sich ebenfalls. Noch nie in ihrem Leben hat sie sich körperlich so wohl gefühlt, noch nie hat sie jede Phase ihres Körpers so bewusst gefühlt. Nichts von Übelkeit, die viele Schwangere in den ersten Monaten plagt. Ihr Zustand beeinträchtigt ihre Energie und Konzentrationsfähigkeit nicht. Im Gegenteil; die verbissene Arbeitswut, das Erledigen des auferlegten Arbeitspensums um jeden Preis ist einer neuen Leichtigkeit gewichen und wirkt auf ihre Mitarbeiterinnen ansteckend.

Ihr Zustand wird von den beiden Sekretärinnen bemerkt. Lächelnd bestätigt Hellen ihre Vermutungen. Auf die Frage wann Hochzeit sein wird erwidert Hellen:“Überhaupt nicht, Gott sei Dank!“ Sie weidet sich am Erstaunen, ja Entsetzen der beiden jungen Frauen.

Sie beginnt ihr künftiges Leben, das Leben nach der Entbindung vorzubereiten. Kümmert sich um eine Vertretung während ihrer Abwesenheit. Drei Wochen nach der Geburt hofft sie wieder in der Kanzlei sein zu können. Mit Sorgfalt beginnt sie das Kinderzimmer einzurichten, sucht per Annonce eine Kinderfrau, macht tausend Pläne.

Hellen ist glücklich. Es ist doch alles nach Plan gegangen, denkt sie zufrieden. Das Bild Saschas verblasst immer mehr. Zorn und Kränkung sind verschwunden wenn sie an ihn denkt. Ein Gefühl der Dankbarkeit ist geblieben.

Und dann – Hellen´s Schwangerschaft ist schon fortgeschritten – steht er eines Tages vor ihr. Hellen, die in Akten vertieft ist spürt seine Anwesenheit bevor sie aufblickt. Fünf Schritte vom Schreibtisch entfernt steht er da und schaut sie mit seiner bekannten Intensität an. Der gewohnte Raum hat plötzlich etwas Unwirkliches, Verzaubertes an sich. Es ist als hätte er die Macht durch seine bloße Anwesenheit den Raum zu verändern, ja geradezu zu weihen.

„Ich habe dich überall gesucht!“ sagt er mit seiner unverwechselbaren Stimme, und dann: „du bist schön! Noch viel schöner als früher, so weich so überquellend lebendig, so rund!“

Ist es möglich, denkt Hellen, dass dieser Mann, der sich seiner Wirkung auf Menschen, besonders auf Frauen zweifellos wahrscheinlich nicht bewusst ist, dennoch aber, wie auch immer, zahllose Affären hatte, dass dieser Mann nicht weiß in welchem Zustand sie sich befindet?

Plötzlich wird sein Gesicht, das knabenhafte und dennoch so männliche Gesicht ganz hell. Es ist als würde Licht aus ihm kommen und um ihn sein: Du bekommst ein Kind!“ jubelt es aus ihm heraus, „es ist unser Kind!“

Hellen bekommt es mit der Angst zu tun. Er will eindringen in meine Welt, will meine Pläne durchkreuzen, vor allem will mir das ersehnte, schon jetzt geliebte Kind streitig machen. Mit welchem Recht? Schreit es in ihr. Ich muss kämpfen! Denkt sie. Ihre Stimme klingt hart als sie sagt:“ Was heißt „unser Kind“, es ist m e i n Kind! Es ist m e i n Leben, das ich mir aufgebaut habe und ich denke nicht, dich daran teilhaben zu lassen. Wenn du Schwierigkeiten machst werde ich dich kaufen. Alles lässt sich mit Geld regeln!“ fügt sie leise, in geschäftsmäßigem Ton hinzu.

Er senkt den Kopf und die Augenlider. Das Leuchten ist plötzlich verschwunden. Sein Gesicht ist grau, aschfahl. Mühsam, wie ein alter Mann, der einen langen Weg vor sich hat, den er kaum bewältigen kann wendet er sich zum Gehen.

Hellen durchzuckt es. Es sind mehrere Gedanken, mehrere Bilder in einem einzigen Augenblick. Es geht ihr plötzlich auf, dass ihr Schicksal mit dem Schicksal dieses Mannes untrennbar verbunden ist, von Anbeginn der Zeiten an. Sie weiß, dass es kein Entrinnen gibt, dass der Zauberkreis durchbrochen ist indem sie bisher gelebt hat, dass sie sich besiegt geben muss, dass sie ihn liebt und nicht anders kann. Sie weiß nun, dass ihr Leben nicht so verlaufen wird wie sie es sich zurechtgelegt hat. Es wird schwer sein mit ihm; Himmel und Hölle. Ich werde es auf mich nehmen, werde viel geben müssen, darf nichts erwarten. Werde ich es durchhalten? Ich weiß nicht. Ich weiß nur das eine, dass ich ihn liebe.

„Bleib, Parsival!“ er wendet sich ihr zu und lächelt, „bleib....bitte!“ sagt sie. Es ist das erste Mal, dass sie ihn Parsival nennt......

Die Parsivals dieser Welt haben immer nur sich selbst im Sinn. Trotzdem sind sie es, die reinen Toren, die uns erlösen, denkt sie.