Brillensuche oder Fluch des Alters



Haben Sie schon einmal Ihre Brille verlegt und endlos lang nach ihr gesucht? Wenn Sie sagen: nein, das ist mir noch nie passiert! ich lege meine Brille immer dahin wo sie hingehört! Also, wenn sie das sagen, verdrängen Sie! in diesem Fall sind Sie ein Fall für den Dr. Freud und seine Nachfolger oder aber sie sind ein notorischer Lügner.

Heute habe ich es eilig. Ich muss zum Hotel Bristol und dort eine VIP-Gruppe (also very important persons) abholen. VIP: das höre ich immer von den Auftraggebern, meist Reisebüros. Die sogenannten VIP-Gruppen entpuppen sich als ganz normale Touristen mit Anorak, Photoapparat und dergleichen, also mäßig an meinen Ausführungen interessiert. Na wir werden sehen!

Ich schnappe meine Tasche und will schon gehen, da fällt mir ein ich muss noch etwas notieren. In der umfangreichen Handtasche muss die Brille sein. Ist sie aber nicht! Ich verschiebe die Notiz auf später, schnappe die Ersatzbrille und bin schon unterwegs. Da fällt mir ein: ich muss noch unterwegs mit dem Handy telefonieren, mit dem Leiter der Gruppe sprechen usw. Dazu brauche ich die Brille! Ich ziehe das Etui heraus, aber es ist tatsächlich nur das Etui vorhanden, die Brille ist irgendwo zuhause. Na, das kann ja heiter werden! Denke ich, verzichte gezwungenermaßen auf den Anruf, wird schon alles in Ordnung gehen!

Diesmal ist es wirklich eine VIP-Gruppe! Teilnehmer eines Ärztekongresses, 12 Personen alle sehr interessiert. Vor Abfahrt bittet mich der Chauffeur, ihm auf dem Plan die Strecke zu zeigen, die er zu fahren hat. Er ist Wien-unkundig kommt aus der Steiermark und ist im letzten Augenblick für einen Kollegen eingesprungen. Verzweifelt blicke ich in die Runde, denn ohne Brille geht gar nichts. Ein netter Gast in der ersten Reihe bemerkt meine Verzweiflung und bietet mir seine Brille an, die ich gerne annehme. Zum Glück sind die meisten Gäste in meinem Alter also ebenfalls alters-weitsichtig und haben dieselben Probleme wie ich. Während der Rundfahrt will ein anderer Gast wissen wo wir uns jeweils befinden und ich borge mir immer wieder die Brille des netten Herren in der ersten Reihe aus. Ich erledige meine Arbeit als blinde Kuh so gut ich kann. Nach der Tour wollen etliche Gäste noch Tips für Restaurants haben und ich borge mir die Brillen der jeweiligen Damen und Herren aus.

Das ist ja nochmals gut gegangen, denke ich und fahre befriedigt nach Hause, denn da vermute ich die Ersatzbrille. Aber, weit gefehlt! Da ist sie nicht. Also zwei Brillen sind schon weg!

Ich erinnere mich! Ich hab ja noch eine Brille in einer anderen Handtasche. Eine Stunde suche ich, dann habe ich sie gefunden, die Brille. Das Telefon läutet: eine Kollegin fragt mich nach einer Telefonnummer. Ich setze die Brille auf, schnappe das Adress-Buch, suche und sage ihr die Nummer durch. So, jetzt aber muss ich etwas weiterbringen. Etliche e-mails warten auf Beantwortung. Aber, wo ist die verdammte Brille? Es hat keinen Sinn, sie zu suchen,ich finde sie nicht! Voller Verzweiflung durchsuche ich alle Schränke und Taschen. Da, endlich finde ich eine alte Dioptrien-schwache Brille. Sie stammt noch von den Anfängen meiner Weitsicht und ist sehr schwach. Mit Müh´ und Not und in der doppelten Zeit erledige ich meine Post. Dann bin ich geschafft, lege mich aufs Sofa und mache ein kleines Nickerchen.

Nach dem Aufwachen erinnere ich mich, ach ja die Zeitung, die habe ich heute noch nicht gelesen. Aber wo ist die Brille? Ich bin fast einem Herzinfarkt nahe, weiß nicht mehr ein und aus, von der Nachbarin kann ich mir keine Brille ausborgen, die ist kurzsichtig und so beschließe den Tag meine Blödheit verfluchend......

In den nächsten Tagen tauchen drei der Brillen auf: eine finde ich in der Brotdose, die zweite im Kühlschrank und die dritte am Klo im obersten Regal wo die Klopapier-Rollen sind. Die vierte Brille, die beste und zuletzt angeschaffte, mit den teuren nachdunkelnden Gläsern, die finde ich allerdings nie wieder und ich muss tief in die Tasche greifen und mir eine neue anschaffen.

Heute kommt mein Freund Hilmar zu mir und bittet mich, seine Autoreserveschlüssel aufzubewahren. Er hat Probleme sich an den Aufbewahrungsort der Schlüssel zu erinnern.

Auf Knien flehe ich ihn an, doch seine Schlüssel selbst aufzubewahren und meine Reservewohnungsschlüssel dazu.