Die Ermordung des Kletterphilos, Drama in drei Akten


Erster Akt


Es ist Mitte März und ein schöner Vorfrühlingstag. Ich kann, so wie ich es gerne mag, das Fenster kippen und im Halbschlaf bereits um 6 Uhr früh die Vögel zwitschern hören, vor allem die Amsel-Männchen, die mögliche Partnerinnen herbei singen. Es ist wunderschön so eine halbe Stunde im Bett zu liegen und das Zwitschern und Jubilieren des erwachenden Tages zu hören. Eine Symphonie des Frühlings. Ich denke an Beethoven und seine Pastorale. Er muss diese Musik des Frühlings aus der Erinnerung heraus komponiert haben, denn zu dem Zeitpunkt als er die Pastorale schrieb war er bereits teilweise taub.

Ich denke noch im Bett nach. Habe ich heute etwas besonderes vor? Nein, Gott sei Dank! Also kann ich den Frühjahrsputz beginnen. Nach dem Frühstück bewaffne ich mich mit dem Staubsauger und beginne, Raum für Raum zu saugen. Das Zimmer meiner Tochter Isabel ist besonders problematisch! Überall liegen Bücher, Taschen und sogar Jeans und Unterwäsche herum. All das muss ich zuerst auflesen, aufs Bett legen und dann erst kann ich mit saugen beginnen. Gott sei Dank dass sie bald auszieht und das Hotel „Mama“ dann zusperren kann! Denke ich.

Der letzte Raum ist das Wohnzimmer. Da liegt auch der große Teppich, der eine Sonderbehandlung bekommt, nämlich ganz sanft und in kleinen Abschnitten gesaugt werden will. So, jetzt noch die Polstermöbel und dann ist die Hauptarbeit erledigt und ich kann mit dem Aufwischen beginnen. Meine lädierten Bandscheiben rühren sich ohnehin schon. Da stoße ich mit dem Staubsauger an die Hydro-Wanne an und der Kletter-Philodendron fällt von seinem Bambus-Stöckchen, das er zur Stütze braucht.

Da schau her! Denke ich. Der ist ja schon wieder über sich hinausgewachsen. Vor ca. 6 Wochen habe ich ihn beschnitten, denn mehr als bis zur Decke geht nicht. Ein größenwahnsinniger Bursche! Denke ich. Ich werde ihn weiter oben am Bambus-Stöckchen anbinden. Und das tue ich auch.


Zweiter Akt


Ich sauge noch unter der Hydro-Wanne. Dort haben sich einige Spinnen breit gemacht und ihre Netze ausgelegt. Ich werde nie begreifen, wieso Spinnen an den unmöglichsten Stellen ihre Netze produzieren. Den ganzen Winter hindurch geht ihnen sicher keinerlei Fliege oder Mücke ins Netz. Einfach weil keine Insekten da sind. Wovon leben die blöden Viecher eigentlich in dieser Zeit? Die müssten doch längst verhungert sein. Oder ärgern sie mich absichtlich, damit ich öfter putzen muss? Da! Ich stoße schon wieder an die Hydro-Wanne und die oberste Spitze des Kletter-Philos wird von der Schwerkraft angezogen und rutscht abwärts. Ich habe ihn nicht gut angebunden, denke ich, hole noch ein Stück Spagat, binde den langen Auswuchs sowohl in der Mitte als auch im oberen Bereich an und fahre mit dem Staubsaugen fort. Die Aktion hat mir Zeit gekostet, denn ich sollte schon wischen und, da Hotel Mama noch in Betrieb ist wäre das Essen für meine, von der Uni hungrig kommende und Diplomarbeit schreibende Tochter fällig.


Dritter Akt


Also jetzt noch schnell die Polstermöbel saugen und dann Aufwischen. Ich kehre dem Kletter-Philo den Rücken zu und stoße diesmal von hinten voll an die Hydro-Wanne. Es ist diesmal ein heftiger Stoß. Der Kletter-Philo stürzt ab und bricht dabei am unteren Ende ab. Aber... nicht nur das! Sein Hydro-Gefäß fällt aus der Wanne, bricht entzwei und reißt den Rest des Kletter -Philos zu Boden sowie den Großteil der Hydro-Kugeln. Ein schöner Saustall ist die Folge! Hydro-Kugeln, Wasser, Luftwurzeln und Blätter sind überall verstreut. Um das Maß voll zu machen höre und spüre ich das Knirschen der Kugeln unter meinen Sohlen. Ich ziehe die Hauspantoffeln aus um den Mist nicht weiter zu verbreiten. Das hätte ich nicht tun sollen, denn ich trete mir irgendetwas Scharfes in die Ferse ein.

Jetzt aber packt mich die Wut. Du wirst mich nicht mehr länger ärgern du Mistkerl! Schreie ich wütend, reiße den Rest des Kletter-Philos samt Wurzeln aus,schmeiße alles in den Mist-Kübel und entsorge die ganze Pflanze in den Mist-Container. So, jetzt ist mir leichter! Fast eine Stunde brauche ich um den Boden wieder sauber zu bekommen. Ich verzichte auf das Aufwischen, bereite schnell etwas Tiefgekühltes zum Essen und warte auf Isabel. Als sie ins Wohnzimmer tritt merkt sie sofort, dass etwas fehlt.

„Wo ist unser schöner Kletter-Philo geblieben?“ Fragt sie. „Den habe ich weggeschmissen!“ erwidere ich und schildere ihr das Vorgefallene.

„Was! Du hast ihn einfach weggeschmissen? Eine lebende Pflanze ermordet! Du bist eine Mörderin!“ Sie ist außer sich. Da bekenne ich mich schuldig und bereue meine Untat auf das Tiefste.

Jetzt haben wir wieder einen Kletter-Pphilodendron. Isabel hat ihn mir zum Muttertag geschenkt und das Theater beginnt von vorne.