Tele-Diskussion


Mögen Sie Fernsehdiskussionen? Ich nicht. Ich hasse Fernsehdiskussionen geradezu.

Die Person ist wohl etwas überspannt!, werden Sie denken. Die meisten Diskussionen sind doch nicht interessant genug um irgendwelche Gefühle zu wecken, ausgenommen Langeweile, Gähnen, aber Hass?

Na, lassen Sie sich erzählen:

Es ist schon nach zehn Uhr abends. Ein anstrengender Tag liegt hinter mir. Meine kleine Tochter, sonst ein sehr braves und problemloses Kind war heute „kwengelig“, ja teilweise geradezu unausstehlich. Jetzt schläft sie, endlich! Ich, bereits geduscht, in Pyjama und Schlafrock, also fertig zum zu Bett gehen. Mein Mann sitzt vor dem Fernsehapparat. Wie immer blickt er abwechselnd in die Zeitung und auf den Bildschirm. „Ich gehe schlafen, ich bin müde!“ mit einem Gutenacht-Kuss will ich mich verabschieden.

Es kommt noch die Fernsehdiskussion! Thema: Sex am Arbeitsplatz. Ich “schnupper“ nur kurz und komme gleich. Ich bin auch schon müde!“ sagt er.

Ein bisschen schauen könnte ich auch noch und mir nebenbei die Fingernägel maniküren,“ sage ich und lasse mich auf das Sofa nieder.

Die Teilnehmer bzw. Kontrahenten werden vorgestellt.

Leute aus Medien, Forschung und Wirtschaft, in diesem Fall auch eine Vertreterin einer Frauenorganisation. Wie üblich zwei Gruppen mit grundverschiedenen Weltanschauungen, wäre es anders käme es ja zu keiner Diskussion!

Ebenfalls wie üblich prallen alsbald die Meinungen hart aufeinander. Jeder legt seine Ansichten dar, die unwiderruflich feststehen und hört den anderen überhaupt nicht zu. Auch nichts Neues!

Mit meiner Maniküre bin ich bereits fertig. So, jetzt gehe ich zu Bett.

Eben will ich aufstehen da sagt die Empfangsdame oder Sekretärin? Jedenfalls gehört sie zum Flügel der Wirtschaft einen furchtbaren Blödsinn. Das reizt meinen Widerspruch.

Die Dame trägt ein lückenloses Make-up zur Schau. Von rosa, rouge bis sonnen-braun sind alle Farben und Schattierungen vertreten. Lange, mit glitzerndem Lack behandelte Fingernägel nennt sie ihr eigen. Kann man mit solchen Fingernägeln den Laptop bedienen? Ich argwöhne, dass diese Dame ihrem Chef in der Hauptsache andere Dienste leistet.

Ihre Frisur ist kunstvoll zerzaust. So kunstvoll zerzausen kann nur ein Maestro der Haarkunst. Einer der teuersten.

Hast du das gehört? So ein Stuss!“ Ich wende mich an Ernst und erhoffe Beipflichten. Aber mitnichten! Mein Mann pflichtet mir nicht bei! Er bringt ein anderes, vollkommen absurdes und, wenn überhaupt möglich, noch blöderes Argument in die Diskussion. Allerdings originell, es ist bis jetzt noch keinem der Diskussionsteilnehmer eingefallen.

Zuerst bin ich sprachlos. Bald aber finde ich mich wieder und tue, zugegeben etwas emotionsbetont, meinen Standpunkt kund.

Die Diskussion im Fernsehen erreicht einen lautstarken Höhepunkt. Auch wir werden immer lauter, zumal wir versuchen, die Debattierenden am Bildschirm zu über schreien.

Der charmante junge Mann hat recht! Ja, Sie im braunen Schlafrock meine ich!“ Die Dame von vorhin nimmt ihre Brille, die an einer langen Goldkette hängt ab und blickt kurzsichtig aber verführerisch meinen Mann an.

Wir alle sollten das Thema auch unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Bravo!“ Entzückt hebt die „Old-Tussi“ ihre Hände, die wie schon erwähnt auf das Kunstvollste golden bepinselt sind und applaudiert.

Geschmeichelt und ein wenig verlegen lächelt Ernst ihr zu.

Was, du hörst dir an was diese aufgedonnerte Fuchtl sagt?“ Ich bin empört.

Werde nicht immer gleich persönlich! Die junge Dame hat ja vollkommen recht. Man muss eben die Dinge von verschiedenen Seiten aus betrachten.“ kontert Ernst.

Junge Dame, dass ich nicht lache! An der ist doch alles nur Fassade! Wenn die am Abend das Make-up abschminkt kann man damit noch ein Einfamilienhaus verputzen. Aber dir gefällt ja jeder Besen wenn er nur entsprechend hergerichtet ist!“ entgegne ich erbost.

Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau´n“ stimmt Ernst enthusiastisch an und rollt dabei das „l“ wie Jan Kipura.

Ansonsten lache ich bei solchen und ähnlichen Scherzen und boxe ihn übermütig. Heute aber kneife ich die Lippen zusammen und mache ein bitterböses Gesicht.

Im nächsten Augenblick ist mir klar, dass das ein Fehler war denn ich ahne, ich sehe um zehn Jahre älter aus. Auch die Dame aus dem Fernseher hat das festgestellt, was ich an ihrem hämischen Grinsen erkennen kann.

Jetzt meldet sich auch noch ein korpulenter Herr im Nadelstreif zu Wort. Der Manager eines großen Konzernes.

Diesmal werde ich angesprochen.

Der Herr Gemahl versteht zu leben, liebe gnädige Frau, ein „Bon-Vivant“ sozusagen. Unter uns gesagt“, vertraulich wendet er sich nunmehr an Ernst, „ganz meine Auffassung! Wir sind von der gleichen Blutgruppe sozusagen!“ Er prostet Ernst mit Orangen-Juice zu und kichert anzüglich. Der enorme Bauch kichert mit, so dass die Westen-Knöpfe jeden Augenblick weg springen könnten.

Jetzt reicht´s aber, verschwindet ihr Klug-Scheißer!“ wütend springe ich auf und drücke die AUS-Taste. Klirrend fällt die Fernbedienung zu Boden.

Jetzt hast du auch noch die Fernbedienung ruiniert! Außerdem könntest du die Güte und den Anstand haben erst zu fragen, ob ich nicht weiter zusehen will!“ Nun ist Ernst beleidigt. Schließlich habe ich ihn um seinen Triumpf gebracht.

Ein Wort gibt das andere. Der totale Krieg ist unvermeidlich. Wir wärmen abgestandene Suppen auf und servieren sie brennheiss und, wir bewerfen uns mit Schnee vom letzten Jahr. Keine Spitze lassen wir aus um den anderen darauf aufzuspießen. Die Attacken dauern bis weit nach Mitternacht. Als alles Pulver verschossen ist gehen wir total zerstritten zu Bett. Jeder rückt so weit er kann vom anderen ab.

Drei Tage reden wir nichts miteinander. Dann kommen wir langsam dahinter wie blöd wir waren.

Fernsehdebatten kommen für mich nicht mehr in Frage.

Jetzt wissen Sie warum!