Reflexionen



Die Albertina lädt zur Ausstellungseröffnung ein. Als grafische Sammlung kommt sie ihrem Rufe nach und zeigt Zeichnungen aus dem Musee d`Orsay, Paris. Ich liebe besonders die Impressionisten – von ihnen werden viele Zeichnungen und Grafiken zu sehen sein. Mit großen Erwartungen komme ich pünktlich zur Eröffnung. Das heißt nicht ganz so pünktlich, denn ich weiß, dass bei solchen Gelegenheiten ein großer Andrang herrscht. Ich hoffe den Eröffnungsreden und dem ärgsten Gedränge zu entgehen wenn ich eine halbe Stunde später komme.
Leider! Diesmal habe ich fehl spekuliert, denn das ganze Palais ist nach wie vor   gerammelt voll. Aber nun bin ich eben da und lasse mich von der Masse transportieren. Es hat wenig Sinn, sich nahe an die Zeichnungen heran zu boxen. Statt dessen blicke ich mich um. Was sind das für Leute, die in Scharen da sind? Sind es tatsächlich Interessierte an dieser Ausstellung oder einfach Adabeis! Die Menschenwalze kommt plötzlich zum Stehen. Ein Engpass! Die Ursache ist eine Gruppe von Besuchern – ungefähr 10 bis 12 Personen die ungeniert im Weg stehen und sich unterhalten. Offensichtlich haben sie sich zufällig getroffen und begrüßen sich lautstark und natürlich mit bussi, bussi. Drei Generationen sind da. Ein Paar löst sich kurz aus dem Knäuel. Die junge Frau, Designer-Kleid, langes blondes Haar, rote Lippen und mit jeder Menge Modeschmuck behängt interessiert sich intensiv für eine bestimmte Zeichnung. Ihr nicht mehr ganz junger Begleiter, sportliche, getrimmte Figur, kurz geschnittenes, etwas schütteres Haar, mit blauem Krokodil-Pullover tätschelt inzwischen wohlgefällig das schöne Hinterteil seiner Begleiterin rauf und runter. Schließlich wendet sich seine Partnerin wieder den eben gefundenen Bekannten zu.
Man unterhält sich über dies und das, der bevorstehende Schi-Urlaub ist das Thema. Die Generation zwischen dreißig und vierzig mit schulpflichtigen Kindern jammert über den Stress der kommenden Woche. Die hohen Preise – die Schlangen an den Liften. Am besten wäre es ja in den Winterferien zu hause zu bleiben aber was soll man machen, die Kinder!
Ein anderes Thema sind die bevorstehenden Proteste aus Anlass des Akademikerballes. Die Großeltern-Generation ärgert sich über die hohen Kosten, die der Polizeieinsatz erfordern wird. Wo ohnehin kein Geld da ist und die Stadt jede Menge Zinsen zu zahlen hat wegen der Franken-Kredite. Ein möglicherweise pensionierter Hofrat meint: „Net amol ignorieren, hätt der alte Kaiser gsagt!“ Der Herr im grauen Anzug mit Weste und Wohlstands-Bäuchlein sieht aus als hätte er tatsächlich noch unter Franz-Josef gedient.

Da schaltet sich die junge Generation ein. Ein paar junge Leute, Studenten mit dekadent und teuer zerrissenen Jeans hat die Bemerkung des Herrn „Hofrat“ gehört. Protest gegen Faschismus und Rassismus ist notwendig auch wenn die Polizei viel kostet. Es wäre falsch die „Nazis“ ungestört tanzen zu lassen. Punkt! Die Jungen warten keine Entgegnung ab sondern drehen sich brüsk um und sind wieder in der Masse verschwunden.
Da prallen Welten, Meinungen und Maßnahmen auf einander! Denke ich und beschließe: Schluss endlich nach Hause zu gehen. Wie ich vorausgeahnt habe werde ich mir die Ausstellung nochmals in Ruhe ansehen, heute nicht!

Am Weg zur U-Bahn werfe ich einen Blick in das sehr prominent platzierte Starbucks-Cafe . Das Lokal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Hauptsächlich junge Leute sitzen da mit ihren coffee-to go-Becher und unterhalten sich angeregt. Wissen diese jungen Leute, dass Starbucks keine Steuern zahlt und die Gewinne in Steueroasen bunkert? denke ich. Aber auch andere Großkonzerne nützen Steuerschlupflöcher aus um nahezu keine Steuern zu zahlen. Steuern, die unserer Stadt und unserem Land abgehen und die wir dringend nötig hätten.

Es muss kein lautstarker Protest sein mit Entladung von Aggressionen und lahm legen des Verkehrs – von den Kosten für Polizeieinsatz ganz zu schweigen. Wenn wir nichts kaufen und konsumieren, das nicht korrekt – so wie beispielsweise unsere Gehälter - versteuert ist haben wir, jeder für sich wirkungsvoll demonstriert!