Schnäppchenjäger


Ich brauche dringend einen neuen Computer!“ Sagt Hilmar. „Du hast doch schon vier Computer oder sind es schon fünf?“ antworte ich und bin ehrlich überrascht.

Hilmar ist ein Computerfreak. Schon von Anbeginn des Computerzeitalters hat er sich mit den ersten verfügbaren Exemplaren eingedeckt. Als die so sehr geschätzten Exemplare nach und nach langsamer wurden und daher veralteten und außerdem fast jedes Jahr neue Programme auf den Markt kamen hatte er nicht das Herz die treuen Diener zu entsorgen. Zum Teil besitzt er wahre Computer-Methusalems, die am Dachboden, im Keller aber auch in der ganzen Wohnung verstreut sind. Um ehrlich zu sein – es sind nicht nur vier oder fünf sondern mindestens fünfzehn mehr oder minder betagte Rechner.

Es ist ein brandneuer, noch schnellerer Computer mit dem Brand-neuesten Programm herausgekommen. Und das Tolle! Der Computer wird zu einem sensationellen Preis angeboten, aber nur heute! Kommst du mit?“ fragt er.

Eine bekannte Discounter-Kette eröffnet eine neue Filiale und bietet heute, aber eben nur heute den begehrten Computer und andere Dinge zu einem sensationell günstigen Preis an. Eigentlich hätte ich anderes zu tun als durch die Gänge des Discounters zu rennen aber wenn mein Partner mich schon dabei haben will dann tue ich ihm halt den Gefallen.

Wir brechen sofort auf. Die Filiale befindet sich am anderen Ende von unserem Bezirk. Obwohl eine großzügige Parkzone vorgesehen ist finden wir alle Parkplätze schon besetzt und müssen in ziemlicher Entfernung parken. Als wir beim Eingang der Geschäftshalle ankommen wissen wir auch warum wir keinen Parkplatz gefunden haben. Eine unendliche Schlange von „Schnäppchen-Jägern“ wartet ungeduldig auf das Aufsperren. Vor uns stehen zwei Männer, beide in grauem Trainings-Teeshirt mit Kapuze, beide mit der gleichen roten Schrift auf der Brust und am Rücken. Die beiden gehören offensichtlich zusammen. Aber, wie verschieden sind sie! Einer ist lang und hager, halblanges schwarzes – etwas zerzaustes Haar und mit einer enormen spitzen Nase gesegnet. Herr „Specht“ denke ich sofort. Der andere ist das ganze Gegenteil: klein, rundlich mit Schmer-Bäuchlein, schütterem braunem Haarwuchs und Bart. Also: Sancho Pansa! Das Paar unterhält sich angeregt – ja worüber denn? natürlich über die Vorzüge der verschiedenen Computer und deren Programme.

Hilmar verfolgt sofort die Unterhaltung und stellt mit Befriedigung fest, dass die beiden einen ganz anderen Computer wollen und daher keine Konkurrenz darstellen. Sofort beteiligt er sich an der Debatte, die immer fachmännischer wird. Ich verstehe nur „Bahnhof“ und frage mich wozu ich eigentlich mitgekommen bin.

Das große Wort führt „Herr Specht“ Sein rascher Redefluss samt Speichel strömt nur so aus ihm heraus. Die ausladende T-Shirt-Brust von Sancho Pansa ist schon ganz nass. Hilmar geht etwas in Deckung, denn auch ihn hat die „nasse Eloquenz“ des Herrn Specht leicht gestreift. Es wird noch hin und her debattiert, Mail-Adressen werden ausgetauscht usw. Hilmar hat Experten gefunden mit denen er sich ausgiebig austauschen kann. Ich freue mich für ihn, denn mit mir ist so ein Fachgespräch nicht möglich.

Endlich wird aufgesperrt! „Jetzt müssen wir flink sein!“ sagt Hilmar und beginnt loszurennen. Das ist auch notwendig, denn wir werden bereits von hinten bedrängt und so renne ich auch.

Wie die Heuschrecken fallen die Kauflustigen über die diversen Kartons her. Schnell zu sein ist auch wichtig, denn es gibt nur eine beschränkte Anzahl der ersehnten Objekte. Hilmar und Herr Specht rennen in den einen Gang, Sancho Pansa in einen anderen. Scheinbar ist ein anderer Computer sein Ziel. Ich bleibe dezent im Hintergrund und sehe wie Herr Specht, der durch seine Länge begünstigt ist und über einen anderen Käufer drüber greift mit diesem in Konflikt gerät. Ein lauter Wortwechsel, Schimpf-Worte und Handgreiflichkeiten sind die Folge. Herr Spechts Kontrahent hat offensichtlich ein Boxtraining absolviert und streckt Herrn Specht mit einem Faustschlag zu Boden. Da kommt auch schon Sancho Pansa angerannt und verteidigt seinen Freund. Auch er bekommt sein „Schmalz“ ab. Verzweifelt versucht der Filialleiter die drei Kämpfenden zu trennen und wird ebenfalls k.o. geschlagen. Als Herr Specht und Sancho Pansa sich einigermaßen vom Kampf erholt haben schnappen sie je einen Karton mit Computer, zahlen und rennen mit je einem blauen Auge davon. Hilmar hat sich in dem Gemenge auch einen Computer gekrallt. Wir zahlen und entfernen uns auch schleunigst aus der Konflikt-beladenen Zone. Die herbei gerufene Polizei findet nur den ebenfalls mit blauem Auge verzierten Filialleiter, sonst ist keiner an der Rauferei Beteiligten da.

Zu hause bemerkt Hilmar, dass er in der Eile den falschen Computer erwischt hat. Der passt ganz und gar nicht in sein Konzept und ist seiner Meinung nach das Letzte. Was tun! Zum Glück ruft am nächsten Morgen Sancho Pansa an. Er hat aus Versehen Hilmars Wunsch-Computer ergattert und Hilmar hat nun Sancho Pansas Objekt der Begierde.

So kommt die „Schnäppchen-Jäger-Jagt“ doch noch zu einem befriedigenden Ende. Bis zur nächsten Schnäppchen-Jagt „Halali“ geblasen wird!