Auf der Autobahn


Dieses Jahr reisten wir nach Holland und Flandern, Länder, die wir noch nicht kannten. War sehr interessant! In Holland zum Beispiel radelt alles: vom Baby bis zum Opapa. Alle Rechte haben die Radfahrer, sonst niemand! Würden wir ja auch zur Kenntnis nehmen, wenn wir nicht ständig als Fußgänger Angst um unser Leben hätten. Den holländischen Radfahrern ist ja unser rechtloses Fußgängerleben sowas von wurscht. Aber, begreiflicherweise, uns nicht!

Jetzt sind wir auf dem Heimweg, auf der Autobahn auf der Höhe von Frankfurt. „Wir kommen gut vorwärts!“ sage ich „wenn keine Baustellen kommen sind wir in einer Stunde in Aschaffenburg und können uns die Stadt und Umgebung ansehen!“ in Aschaffenburg werden wir noch einmal nächtigen. Am nächsten Tag planen wir direkt, mit Pausen natürlich, heim nach Wien zu kommen.

Plötzlich; Vollbremsung, alles von der hinteren Sitzbank rutscht nach vor. Hilmar hat zum Glück sofort reagiert. Auch der vordere und der rückwärtige Wagen haben rechtzeitig voll gebremst und, das ist wichtig, so wie wir Abstand gehalten. Alles steht, alle Warnlichter der Fahrzeuge blinken. Was ist passiert? Wahrscheinlich ein Unfall. Wir sehen es nicht genau, es ist zu weit weg. Dürfte etwas Harsches passiert sein, denn seit zwanzig Minuten nach wie vor, totaler Stillstand. Wir und auch die übrigen Fahrer in unserer Umgebung stellen den Motor ab und warten. Hilmar ist ausgestiegen und versucht nach vorne zu spähen aber er kann nichts erkennen. Ich klappe den Vordersitz zurück und schließe die Augen. Entspannung! Ist auch nicht schlecht! Etliche Lenker und Mitfahrer sind ausgestiegen. Alle versuchen etwas zu erfahren. Etliche Einsatzfahrzeuge bahnen sich den Weg mit Tatü Tata. Tatsache ist, dass Stillstand herrscht, wie lange? Wir wissen es nicht. Ich drehe das Radio an. Der Verkehrsfunk meldet: tödlicher Unfall auf der A3 im Raum Frankfurt; ca. zwei bis zwei ein Halb Stunden Wartezeit. A3, das sind ja wir! Tödlicher Unfall, schrecklich! Wir wissen natürlich nicht, ob es ein oder mehr Verkehrstote gibt aber furchtbar für die armen Schweine, die nicht mehr am Leben sind! Und nun, das Warten auf der Autobahn. Ich drehe das Radio ab.

Rund um uns beleben sich die drei Spuren der Autobahn. Fahrer/innen Mitfahrer/innen steigen aus ihren mehr oder minder schickenVehikeln. Einige versuchen herauszubekommen was tatsächlich los ist und ob es nicht doch bald los gehen könnte. Ich versuche zumindest eine Minute an die armen, mir unbekannten Verunglückten zu denken und zu reflektieren. Es gelingt mir aber nur sehr mangelhaft und so schalte ich das Radio wieder ein.

Rechts vor unserem Wagen sehe ich einen Mittelklassewagen, schon etwas ramponiert, am Dach schwer beladen.

Ich blicke auf das Kennzeichen: Der Wagen kommt aus Rumänien. Ein Junger Mann, etwas dicklich, braunhäutig, schwarzes Haar, grellrotes T-shirt steht vor seinem Gefährt, raucht sich eine Zigarette an und telefoniert zugleich mit seinem Händy. Er wirkt gelassen, lächelt in den Apparat. Auch rund um uns wird telefoniert, angespannte, heftige Gesten begleiten die Telefonate.

Der junge Lenker des rumänischen Wagens winkt in das Auto und es kommen eins, zwei, drei, vier Insassen, ein Mann und drei Frauen samt einem Baby heraus. Es handelt sich offensichtlich um eine rumänische Roma-Familie. Ganz schön beladen, denke ich, wenn man auch noch das Gepäck auf der Dachgalerie dazurechnet!

Ich glaube, dass nun alle Insassen ausgestiegen sind aber, Irrtum! Zuletzt steigt noch das schwerste „Geschütz“ aus. Geschütz deshalb weil die anscheinend Tonnen schwere Dame, bunt gekleidet, mit rotem Kopftuch unmöglich in den ohnehin schon überladenen Wagen passen kann. Aber, wie man sieht, sie passt!

Sie setzt sich an den Rand der Autobahn wo schon alle anderen Familienmitglieder sitzen und beginnt jede Menge Proviant; Tomaten, Paprika, Paprikawurst, Weißbrot, Obst und Getränke auszupacken.

Auf dem kurzen Rasenabschnitt der Autobahn beginnt ein fröhliches Schmausen, Gestikulieren und Lachen. Am lautesten ist die XXL-Matrone. Der XXL-Busen hängt am Ansatz des mächtigen XXL-Bauches und mir kommt vor, dass sie beim Essen am tüchtigsten zulangt.

Im Radio wird über vegane Ernährung referiert. Ein offensichtlich junger Mann mit sanfter Stimme ( ich stelle mir ihn mit Wollhaube und eventuell gepierctem Ohrläppchen vor) informiert:“ Wir müssen bedenken, dass jede Pflanze, die wir essen und die dadurch natürlich vernichtet wird Abwehrmechanismen in Gang setzt. Die Pflanzen die einen hohen Abwehrmechanismus haben bezeichnen wir als ungenießbar, ja manche verteidigen sich derart erfolgreich, dass sie für uns giftig also lebensgefährlich sind. Getreide, Früchte aber auch Gemüse sind Tieren und Menschen gegenüber relativ wehrlos. Die empirische Forschung hat aber entdeckt, dass diese Pflanzen wenn sie z.B. zermalmt werden wie das Getreide oder auch Gemüse und Obst, für uns unhörbar, Laute des Wehklagens von sich geben!“

Ich blicke wieder zu der fröhlichen Roma-Familie. Die XXL-Dame beißt gerade in eine reife Tomate, der Saft träufelt ihr über die Hände und sie wischt ihre fleischigen Hände und Unterarme lachend mit einem bunten Geschirrtuch ab.

Ich muss aus vollem Hals lachen! Ob die XXL-Mama das „Schreien! der Tomate gehört hat?


Ich öffne die Autotür und winke der fröhlichen Familie lachend zu. Alle winken zurück und der junge Lenker lädt mich mit einer Handbewegung ein beim Schmausen mitzuhalten. Noch immer lachend lehne ich dankend ab.

Es ist auch höchste Zeit! Zirka ein Kilometer von uns kommt langsam Bewegung in die Autoschlange. Alle kehren zu ihren Autos zurück und sind startbereit. Die Roma-Familie packt auch schleunigst alles Essen und Trinken in den Korb. Alle steigen ein, auch der Lenker. Zuletzt hieft sich mein Liebling, die prähistorische Venus ins Fahrzeug. Der linke hintere Reifen und das Fahrgestell sinken sichtbar ein. Ich bilde mir ein sie stöhnen unter der Last. Hoffentlich bricht keine Achse wegen Überladung! denke ich.

Und schon geht es auch für uns weiter auf der Autobahn und ich denke über Tod, Leben und das Wehklagen der „grausam gefressenen Pflanzen“ nach.